Bern–Lyon – mit Ausstieg in Genf

Der deutsche Fernbusriese Flixbus reizt die Schweizer Gesetze mit einer neuen Verbindung zwischen Konstanz und Lyon aus – mit Stopps in Zürich, Bern, Lausanne und Genf.

Im grenzübergreifenden Fernverkehr kein Problem: Ein Flixbus mit Destination Berlin am Carparkplatz beim Zürcher Hauptbahnhof.

Im grenzübergreifenden Fernverkehr kein Problem: Ein Flixbus mit Destination Berlin am Carparkplatz beim Zürcher Hauptbahnhof. Bild: Doris Fanconi

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Die Vorstellung, dass Fernbusse ihm auf der Paradestrecke Zürich–Bern–Genf Kunden abjagen könnten, ist für SBB-Chef Andreas Meyer ein Albtraum. Ab nächstem Freitag könnte die uner­wünschte Konkurrenz durch die Hintertür hereinrollen.

Ab dem 28. Oktober bietet die deutsche Fernbusfirma Flixbus fünfmal pro Woche eine Verbindung von Konstanz nach Lyon und zurück an. Die Mitteilung des Unternehmens, das mit seinen grünen Bussen und Billigtickets den europäischen Verkehrsmarkt seit bald drei Jahren gründlich aufmischt, kommt auf den ersten Blick unverdächtig daher: Mit dem Flixbus «ohne Umstieg in die Gourmet-Hauptstadt Frankreichs» fahren, heisst es in der gestern verschickten Ankündigung. Ob in Konstanz und Umgebung wirklich so viele Feinschmecker wohnen, die eine über achtstündige Fahrt in Kauf nehmen, um in Lyon zu schlemmen, muss sich erst weisen.

Wichtigste Ost-West-Verbindung

Der Clou sind die Haltestellen zwischen den beiden ausländischen Städten: Die Flixbus-Verbindung 736 hält in Zürich, Bern, Lausanne und Genf, bevor es weiter nach Lyon geht. Das Einsammeln der Kunden findet also auf der wichtigsten Ost-West-Verkehrsverbindung statt, der Paradestrecke der SBB.

Quelle: TA-Grafik/ mt

Offiziell darf Flixbus in der Schweiz nur Kunden aufladen, innerhalb der Schweiz wieder aussteigen lassen hingegen nicht. Konkret: Wer in den vier Städten den Flixbus betritt, muss bis nach Lyon weiterfahren – und auf dem Rückweg bis Konstanz. Ausländischen Transportfirmen ist es untersagt, innerhalb der Schweiz Personen (und auch Güter) zu befördern. Mit diesem sogenannten Kabotageverbot soll das hiesige Transportgewerbe geschützt werden, das mit höheren Kosten operiert als die ausländische Konkurrenz.

Der Blick auf die Preise lohnt sich. Die Strecke Bern–Lyon kostet den Buskunden je nach Buchungsart und -termin 16 bis 43 Franken. Selbst wenn er damit nur bis nach Genf fährt. Nimmt er hiefür die SBB, bezahlt er in der 2. Klasse einfach 50 Franken, mit Halbtax 25 Franken.

Fahrer sind sensibilisiert

Dass preisbewusste Kunden den Flixbus noch auf Schweizer Boden verlassen, zeigte sich letzten Sommer im Raum Basel. Die «Tageswoche» hatte mehrmals berichtet, dass Fahrgäste von Zürich kommend bereits am Bahnhof Basel aussteigen würden, statt wie vorgesehen erst auf der französischen Seite des Euroairports. Die Busfahrer hätten dabei einfach zugeschaut.

Laut Recherchen des «Bund» hat das Bundesamt für Verkehr (BAV), das über die Einhaltung des Kabotageverbots wacht, nun ein Verfahren gegen Flixbus eröffnet. Beim BAV will man sich nicht näher dazu äussern. Bettina Engert, Mediensprecherin von Flixbus, bestätigt das Verfahren. Es handle sich um einen Vorfall im Monat August. Man habe erst in den letzten Wochen realisiert, dass einzelne Fahrgäste früher aussteigen würden, sagt Engert. Nun wolle Flixbus mit mehr Informationen dagegensteuern. So steht in der Medienmitteilung, dass Fahrten von Zürich zu den anderen Schweizer Stopps wegen des Kabotageverbots nicht «buchbar» seien. Das gleiche dürfte für Fahrten von Bern aus gelten. Laut Engert informiere man die Kundschaft mittels viersprachiger Aushänge in den Cars über dieses Verbot. Demnächst werde auch ein entsprechender Hinweis auf den Tickets angebracht. Und schliesslich habe man die Busfahrer für das Kabotageverbot sensibilisiert. Laut Insidern ist die plötzliche Informationsoffensive von Flixbus vor allem auf Druck von Bern erfolgt.

Und was ist, wenn sich die Kunden nicht um diese Informationen scheren? Man habe Kontakt mit Schweizer Behörden aufgenommen, um die Frage zu klären, wie mit «Frühaussteigern» umzugehen sei. «Hier war die klare Rückmeldung: Der Fahrer und die Flixbus-Mitarbeiter können und dürfen Fahrgäste nicht gegen ihren Willen im Bus festhalten», erklärt Engert.

Schwachpunkt des Verbots

Darin dürfte der entscheidende Schwachpunkt des Kabotageverbots liegen: Der Passagier, der ein Ticket nach Lyon gekauft hat, aber bereits in Lausanne oder Genf wieder aussteigen möchte, kann von seinem Tun nicht abgehalten werden.

Laut BAV muss der Transporteur im Streitfall darlegen, dass er genügend Massnahmen zur Aufrechterhaltung des Kabotageverbotes ergriffen hat. Der Ausgang des Verfahrens dürfte nicht nur aus diesem Grund aufschlussreich sein. Flixbus hält selber weder Bus noch Fahrer, dieses Geschäft betreiben in seinem Auftrag selbstständige Subunternehmer. Im schlimmsten Fall könnte ein solches Carunternehmen seine Lizenz verlieren.

Aussagen von Flixbus-Mitgründer André Schwämmlein lassen darauf schliessen, dass das Busunternehmen eine solche Eskalation vermeiden will. Bereits im Juli hatte er in einem Interview mit der «Handelszeitung» erklärt, dass er in den Schweizer Markt eintreten möchte. Die dazu nötige Gründung einer Schweizer Gesellschaft und das Gesuch um eine Konzession haben die Deutschen indessen bis heute nicht vorgenommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2016, 07:05 Uhr

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