Auch beim Telefonieren per Freisprechanlage drohen Strafen

Eine rasch steigende Zahl von Autofahrern telefoniert über Freisprechanlagen. Das ist aber fast gleich gefährlich wie mit dem Handy in der Hand.

36 Prozent aller Fahrer telefonieren gelegentlich oder oft per Freisprechanlage: Eine Frau telefoniert. (inszenierte Aufnahme, Archiv)

36 Prozent aller Fahrer telefonieren gelegentlich oder oft per Freisprechanlage: Eine Frau telefoniert. (inszenierte Aufnahme, Archiv)

(Bild: Keystone Martin Ruetschi)

Janine Hosp

Die Zahl der Autofahrerinnen und -fahrer, die über eine Freisprechanlage telefonieren, steigt rasant: Gaben 2010 erst 15 Prozent an, dass sie eine solche gelegentlich oder oft nutzen, waren es vergangenes Jahr bereits 36 Prozent. Dies geht aus den unveröffentlichten Zahlen des Sinus-Reports 2018 der Beratungsstelle für Unfallverhütung hervor. Dabei nutzen mehr Männer (42 Prozent) diese Technik als Frauen (30 Prozent), deutlich mehr Junge (44 Prozent) als über 65-Jährige (19 Prozent). 1240 Personen wurden 2017 befragt.

Das Gesetz erlaubt es Lenkern zwar grundsätzlich, über eine Freisprechanlage zu kommunizieren. Was aber die wenigsten wissen: Auch sie können bestraft werden. Etwa dann, wenn sie einen Unfall verursacht haben. Gemäss Verkehrsregelnverordnung dürfen sie «beim Fahren keine Verrichtung vornehmen, welche die Bedienung des Fahrzeugs erschwert». Gegen diese Bestimmung haben sie aber in diesem Fall verstossen.

Nicht weniger gefährlich

«Es ist fast gleich gefährlich, wenn jemand während des Fahrens über eine Freisprechanlage telefoniert wie mit dem Handy, die mentale Ablenkung fällt mehr ins Gewicht als die motorische Einschränkung. Das haben Studien klar gezeigt», sagt Mario Cavegn von der Beratungsstelle für Unfallverhütung. Nur: Die meisten Autofahrer seien sich dessen nicht bewusst, wie aus Umfragen ersichtlich wird. Sie glaubten, über eine Freisprechanlage mit jemandem zu reden, sei dasselbe wie mit einem Beifahrer.

Dabei gibt es aber einen entscheidenden Unterschied: Ein Beifahrer sieht, wenn es während der Fahrt zu einer heiklen Situation kommt, der Gesprächspartner am Telefon nicht – und erwartet eine prompte Antwort. So könne der Lenker nicht plötzlich schweigen. «Wenn ein Lenker telefoniert, ist das Unfallrisiko vier- bis fünfmal höher, als wenn er sich ganz auf den Verkehr konzentriert», sagt Cavegn.

Lenker, die während der Fahrt das Mobiltelefon in irgendeiner Art benutzen, werden jedoch in jedem Fall gebüsst – unabhängig davon, ob sie einen Unfall verursacht haben oder nicht. So erklärte das Bundesgericht 2010 einen Lastwagenchauffeur für schuldig, der wegen eines zu kurzen Kabels während voller Fahrt geduckt telefonierte. 2009 verurteilte es einen SMS schreibenden Autofahrer wegen grober Verkehrsregelverletzung. Eine solche wird mit Busse oder mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet. Selbst telefonierende Fussgänger können gebüsst werden: Eine junge Frau, die 2013 mit dem Handy am Ohr angefahren wurde, bekam eine Busse, weil sie gemäss Bussenbescheid nicht auf den Verkehr geachtet hatte.

Wie viele Autofahrerinnen und -fahrer bisher angezeigt wurden, weil sie bei der Benutzung der Freisprechanlage einen Unfall verursacht haben, ist allerdings nicht bekannt. Wie die Sprecher der Kantonspolizeien von Zürich und Bern sagen, weisen sie zwar die Zahl der Unfälle aus, die Lenker verursacht haben, die sich noch anderen Tätigkeiten widmeten als nur dem Autofahren. Sie schlüsseln diese Tätigkeiten aber nicht weiter auf.

Verbot wäre unrealistisch

Auch bei Roadcross sieht man ein gewisses Risiko von Freisprechanlagen, wie Mediensprecher Stefan Krähenbühl sagt. Als Beispiel nennt er Berufsfahrer; die Kundschaft erwartet von ihnen, dass sie ständig erreichbar sind, auch am Steuer. Dennoch erachtet er es nicht als zielführend, Freisprechanlagen zu verbieten; sie haben sich schon zu stark etabliert. In neueren Autos sind sie Standard, Lenker können per Knopfdruck einen Anrufer zuschalten. «Wir müssen vielmehr versuchen, das Problem über die Vernunft zu lösen», sagt Stefan Krähenbühl. Man müsse Autofahrern bewusst machen, dass auch Telefonieren über Freisprechanlagen ablenken könne. Und dass man in heiklen Situationen besser auf ein Telefonat verzichte.

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