Atomaufsicht kann Erdbebensicherheit von AKW nicht einschätzen

Seit 1999 versucht das Ensi, die Erdbebengefahr für AKW neu zu bestimmen. Auch die neueste Studie ist laut einem Expertenteam mangelhaft.

Auch die neuste Studie zur Bestimmung der Erdbebengefahr für AKW ist laut Expertenteam mangelhaft.

Auch die neuste Studie zur Bestimmung der Erdbebengefahr für AKW ist laut Expertenteam mangelhaft. Bild: Keystone

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In der schweizerischen Variante des Atomausstiegs – der Ständerat debattiert sie nächste Woche – spielt das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) die Schlüsselrolle. Dieses entscheidet letztlich, wie lange ein AKW noch am Netz bleiben darf. Das Inspektorat ist mit vielen längeren Abklärungen beschäftigt, das wohl mit Abstand Langwierigste ist jedoch, wie gross die Gefahr ist, dass Erdbeben eine AKW-Katastrophe auslösen. Seine Vorläuferbehörde, die Hauptabteilung für die ­Sicherheit der Kernanlagen (HSK), hat die Abklärungen bereits 1999 eingeleitet – doch es liegt noch immer kein gültiges Resultat vor.

Aktuell prüft das Ensi eine Studie, die von unabhängigen Erdbebenexperten erstellt, aber vom Verband Swissnuclear der AKW-Betreiber finanziert und geleitet wurde. Das «Pegasos Refinement Project» (PRP) ist, wie der englische Name sagt, eine «Verfeinerung» der früheren grundlegenden Erdbebenstudie Pegasos. Diese lag bereits 2004 vor. Und sie zeigte: Die Erdbebengefahr ist grösser als zuvor angenommen. Doch damals liefen die AKW-Betreiber aus Furcht vor teuren Nachrüstungen Sturm gegen die Pegasos-Studie. Darauf lenkte die damalige Atomaufsicht HSK ein und erlaubte den Betreibern, dass sie eine Nachfolgestudie unter eigener Leitung in Auftrag geben konnten.

Zeitgewinn für AKW

Damit gewannen die AKW-Betreiber viel Zeit. Denn die HSK erlaubte ihnen 2005 zudem, dass sie die Erdbebenwerte von Pegasos vorderhand nur mit Abstrichen verwenden mussten – und für die deterministischen Analysen überhaupt nicht. Gerade diese sind aber entscheidend dafür, ob ein AKW aus Sicherheitsgründen vom Netz gehen muss. 2012, nach Fuku­shima, bekam das Ensi jedoch ein Problem: Die Betreiber mussten ihre AKW auf deren Erdbebensicherheit überprüfen; die Richtwerte dazu lagen aber noch immer nicht vor. Das Ensi «löste» es damit, dass es den Betreibern erlaubte, für die Überprüfung die provisorischen Zwischenresultate des PRP zu verwenden. Nur: Diese stammten zumindest teilweise von den Betreibern selber und nicht von Erdbebenexperten.

Nach jahrelangen Verzögerungen lieferte Swissnuclear die neue PRP-Studie Ende 2013 ab. Seither, also schon seit über anderthalb Jahren, prüft sie das Ensi. Sowohl diese Studie wie auch ein Bericht, den Experten des Ensi – das sogenannte Reviewteam – dazu verfasst haben, sind geheim. Recherchen des «Bund» haben jedoch ergeben, dass das Reviewteam den für PRP aktualisierten Erdbebenkatalog kritisierte, das Verzeichnis der Erdbeben in der Schweiz. Genauer: die neue Formel, mit der die Beben in die gebräuchliche Momenten-Magnituden-Skala umgerechnet wurden. Insbesondere beanstandete das Expertenteam, dass nur eine einzige Formel verwendet wurde. Aber das widerspricht der Projektphilosophie im Kern: Diese sieht vor, dass jeweils unterschiedliche Forschungsmethoden gegeneinander abgewogen und berücksichtigt werden. Die Unsicherheiten, die sich aus verschiedenen Methoden ergeben, können dann bewertet werden.

Der Direktor von Swissnuclear, Phi­lippe Renault, weist die Kritik auf Anfrage zurück: «Das Reviewteam beleuchtet Punkte, die wissenschaftlich interessant, aber in der praktischen Konsequenz wenig bedeutsam sind.» Er räumt zwar ein: «Natürlich sind keine Unsicherheiten vorhanden, die man bewerten könnte, wenn nur eine einzige Umrechnungsformel verwendet wird. Für ein neues Projekt wäre es interessant, unterschiedliche Formeln zu berücksichtigen.» Die im Projekt involvierten Experten hätten aber das Problem durchaus thematisiert und zumindest indirekt die Auswirkungen anderer möglicher Berechnungsmethoden berücksichtigt. Sein Fazit: «Es gibt keinen Grund, die PRP-Ergebnisse deshalb infrage zu stellen.» Diese Ansicht teilten auch die unabhängigen Experten, welche die PRP-Studie erarbeitet haben.

«Peinlich für Ensi»

Anders sieht dies Sabine von Stockar von der AKW-kritischen Schweizerischen Energiestiftung. Sie kennt – anders als Renault – die geheimen PRP- und Review-Berichte nicht. «Es ist peinlich für das Ensi, dass immer noch kein gültiges Resultat vorliegt, obwohl wir schon seit 1999 wissen, dass der Schutz der Bevölkerung vor AKW-Unfällen auf veralteten Erdbebenzahlen beruht», sagt sie. Die PRP-Studie habe

Das Ensi betont auf Anfrage, dass mit dem anspruchsvollen Projekt Pegasos in der Schweiz viel Pionierarbeit auf hohem Niveau geleistet wurde – dies durchaus zu Recht. Die konkret gestellten Fragen zur Anwendung der Pegasos-Studie und den Problemen mit dem Nachfolgeprojekt PRP beantwortete die Aufsichtsbehörde jedoch nicht und fasste stattdessen frühere Medienmitteilungen zusammen. Den Entscheid zum PRP-Projekt will das Ensi vor Jahresende fällen. (Der Bund)

Erstellt: 09.10.2015, 11:53 Uhr

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