Versetzen Sie sich in die Lage der Frauen

Die meisten Forderungen des Frauenstreiks von 1991 sind noch so akut wie einst. Um politisches Handeln in Gang zu setzen, genügen Schlagworte aber nicht.

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Regula Fuchs

Vergegenwärtigen Sie sich folgende Szene: zwei Kinder, nennen wir sie A und B, ein Lehrer. Der Lehrer stellt eine Aufgabe und verspricht als Belohnung für die richtige Lösung Bonbons. Beide Kinder lösen die Aufgabe korrekt, der Lehrer lobt sie und gibt Kind A vier Bonbons. Kind B erhält fünf. Begründung dafür gibt es keine.

Logisch, das ist ungerecht und unverständlich. Aber es ist, was noch immer allzu viele Frauen in der Arbeitswelt erleben, wenn es um den Lohn geht. Das Beispiel hört sich banal an, aber wer ganz intensiv versucht, sich vorzustellen, was Kind A fühlen muss – so intensiv wie ein Schauspieler, der sich auf eine Rolle vorbereitet und in seinem Gefühlsgedächtnis ähnliche Erlebnisse abruft –, der entwickelt eine Ahnung von der Bitterkeit, die Kind A empfindet. Vielleicht wird sogar der Kloss im Hals spürbar, der heruntergeschluckt werden will, bevor Kind A überhaupt den Mut aufbringen kann, sich zu wehren.

Die Lohndifferenz ist in den letzten Jahren zwar geringer geworden. Aber auch kleine Unterschiede, die nicht mit Kriterien wie Qualifikation oder Berufserfahrung erklärbar sind, ändern nichts an der grundsätzlichen Benachteiligung. Schliesslich ist der Lohn nicht nur Geld, sondern auch Ausdruck von Wertschätzung und der Anerkennung von Wissen, Können und Leistung. Frauen verdienen offensichtlich auch davon weniger. Und noch stossender erscheint diese Ungleichbehandlung, wenn man bedenkt, dass es in anderen Bereichen Entwicklungen gegeben hat – Krippenplätze sind, beispielsweise, vielerorts kein rares Gut mehr.

Die deutsche Philosophin und Autorin Carolin Emcke beschreibt, was nötig ist, um die Erfahrungen anderer nachvollziehen zu können: «Es braucht die Einsicht, dass die Bedingungen der eigenen Existenz nicht verallgemeinerbar sind. Man braucht Identifikation, aber auch das Wissen, eine Erzählung vom anderen.» Emcke bezieht sich auf den Umgang mit Minderheiten, aber ihre Sätze gelten auch für jene Minderheit, die eigentlich keine ist.

Zugegeben, es ist schwierig, eine solche Einsicht zu entwickeln angesichts von blossen Schlagworten: Lohngleichheit, familienfreundliche Arbeitsbedingungen, Frauen in Führungspositionen. Die Begriffe haben sich in den Jahren seit dem ersten Frauenstreik abgenutzt, auch wenn die Forderungen dahinter unverändert akut sind. Darum braucht es stattdessen die «Erzählung vom anderen», die Emcke fordert, und zwar immer wieder und sehr konkret. Man muss über die unrechtmässigen Kündigungen nach einer Mutterschaft sprechen; man muss die Diskriminierungen im Arbeitsalltag benennen; man muss Bescheid wissen darüber, wie es um den Frauenanteil in der eigenen Chefetage steht; man muss Löhne vergleichen. Wie sonst soll bei jenen, die es in der Hand haben, etwas zu ändern, ­Identifikation entstehen?

Darum ist der Frauenstreik, egal wie viele Menschen heute auf die Strasse gehen und egal, wie man politisch zu ihm steht, schon jetzt von entscheidender Bedeutung. Denn solche Geschichten wurden im Vorfeld erzählt, und sie richteten sich auch an jene Generation, die den Eintritt ins Arbeitsleben noch vor sich hat. Meine elfjährige Tochter war wohl nicht die Einzige, die sich darüber gewundert hat, dass es so etwas wie Lohndiskriminierung überhaupt gibt.

Doch die Art der Einfühlung, wie Emcke sie vorschlägt, ist noch nicht stark genug – wie sonst können es jene an den Schalthebeln hinnehmen, dass Partnerinnen, Mütter, Töchter oder Schwestern benachteiligt sind? Es geht dabei, wohlverstanden, nicht um ein sentimentales Mitgefühl, sondern um eine Art von Empathie, die Gefühl, Vorstellungskraft und Intellekt umfasst; eine, die zum Handeln anregt und die im Grunde jedem politischen Tun vorangehen sollte. Diese Identifikation könnte etwa zur Erkenntnis führen, dass eine Familie, ein Team oder eine Gesellschaft besser funktioniert, wenn die Bedingungen für möglichst viele gut sind.

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