Kein Platz in diesem Boot

Dramatische Tage im August 1942: In Bern wird ein junges jüdisches Paar aufgegriffen und ausgeschafft. Es kommt zum Protest gegen die Schliessung der Grenze, die der Bundesrat geheim halten wollte.

Zuflucht für eine Nacht: Der jüdische Friedhof, wo Céline (17) und Simon Zagiel (19) vom Gärtner gefunden wurden.

Zuflucht für eine Nacht: Der jüdische Friedhof, wo Céline (17) und Simon Zagiel (19) vom Gärtner gefunden wurden. Bild: Valérie Chételat

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Es war 1967, als der Schweizer Journalist Alfred A. Häsler nach einer Geschichte für den Anfang seines Buchs suchte. Sie sollte die Leser nicht nur fesseln, sondern auch auf seine kritische Analyse einstimmen. Häsler war keiner, der mit der Generation seines Vaters so leichtfertig abrechnete, wie das andere in diesen Jahren taten. Kritik ja, aber fundiert, das war seine Devise. Es ging ihm um Menschlichkeit: «Auf der Suche nach dem Menschen schreibe ich», sagte er immer wieder.

Schliesslich erinnerte er sich an einen Artikel, den er 1942 in der Basler «National-Zeitung» gelesen hatte. Sie hatte von einem jüdischen Paar berichtet, das sich in jenen Tagen in die Schweiz gerettet und auf dem israelitischen Friedhof in Bern versteckt hatte, bevor es zurück an die Grenze gestellt wurde.

«Nur aus Rassegründen»

Sommer 1942 also – Hermann Böschenstein war aufgebracht. Er konnte die Geschichte, die ihm vom Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Bern zugetragen wurde, kaum glauben. Aber alle, die er fragte, erklärten ihm, sie habe sich so zugetragen. Auch die Berner Behörden stritten sie nicht ab. Sie wollten aber nichts dazu sagen und verwiesen auf die Eidgenössische Polizeiabteilung. Deren Chef, Heinrich Rothmund, räumte schliesslich ein, dass er die Grenze für jüdische Flüchtlinge geschlossen hatte – auf Beschluss des Bundesrats hin, wie er versicherte.

Böschenstein, Redaktor der «National-Zeitung», machte am 24. August 1942 mit dieser Geschichte bekannt, was eigentlich hätte geheim bleiben sollen: Rothmunds Weisung vom 13. August, wonach «Flüchtlinge nur aus Rassegründen, z. B. Juden, nicht als politische Flüchtlinge gelten». Sie konnten somit weggewiesen werden, und zu den ersten Opfern dieser Entscheidung gehörte das Paar, dessen Ausschaffung 25 Jahre später den Einstieg in Häslers Buch abgeben sollte.

Nach einer langen Flucht hatten die beiden jungen Leute die Nacht vom 17. auf den 18. August auf dem israelitischen Friedhof in Bern verbracht. Am Morgen fand sie der Gärtner, brachte sie ins Amtshaus und informierte die Gemeinde. Deren Präsident, George Brunschwig, suchte die Flüchtlinge auf, sprach ihnen Mut zu und versicherte den Berner Behörden, dass die Gemeinde für das mittellose Paar aufkommen werde. Es nützte nichts: Die Kantonspolizei schaffte die beiden auf Geheiss der Polizeiabteilung am 19. August in das von den Deutschen besetzte Frankreich aus.

Der Nationalrat will Milde

Häsler erinnerte sich auch daran, dass Böschensteins Artikel eine Debatte ausgelöst hatte. Auch andere Zeitungen hatten sich über die drohende Zensur hinweggesetzt, die Schliessung der Grenze für Juden ebenfalls thematisiert und so bewirkt, dass sich der Nationalrat in seiner Herbstsession damit befasste.

Er stützte im Grossen und Ganzen die Flüchtlingspolitik des Bunds, verlangte aber Milderungen. So wies Bundesrat Eduard von Steiger die Polizeiabteilung an, Weisungen zu erlassen, die für Kinder, Familien mit Kleinkindern und ältere Menschen Ausnahmen von der Wegweisung zuliessen. Von ihm stammt allerdings auch der Satz, der dann Häslers Buch den Titel geben sollte: dass man in einem schon stark besetzten Rettungsboot nicht noch mehr Leute aufnehmen könne.

«Das Boot ist voll» war ein grosser Erfolg und machte Häsler berühmt; das Buch von 1967 wurde von Markus Imhof verfilmt und kürzlich zum zehnten Mal wieder aufgelegt. Es trug schliesslich auch seinen Teil dazu bei, dass sich Bundespräsident Kaspar Villiger 1995 für das Leid entschuldigte, das die Massnahmen der Schweiz den Juden zugefügt haben. Was Häsler aber nicht kannte, war das Ende der Geschichte des Paars vom jüdischen Friedhof. Die Namen der beiden waren 1967 in Vergessenheit geraten.

Eine Spur im Archiv

Das änderte sich erst Mitte der Neunzigerjahre. 1995 bat Yad Vashem, die Holocaust-Forschungsstätte in Jerusalem, die Schweizer Behörden um eine Liste weggewiesener Flüchtlinge. Die Dokumentation sollte für die Erinnerung und das Gedenken vervollständigt werden. Aus dem Ludwig-Bericht von 1957 war bekannt, dass die Polizeiabteilung ein Wegweisungsregister geführt hatte. Abklärungen im Bundesarchiv ergaben aber, dass es in den Fünfzigerjahren vernichtet wurde. Die Dossiers der aufgenommenen Flüchtlinge hingegen sind erhalten.

Bekannt war auch, dass die Schweiz die Eltern des jungen Manns im gleichen Jahr aufgenommen hatte, in dem er selber abgewiesen worden war. Nach der Aufarbeitung aller Flüchtlingsdossiers aus dem Zweiten Weltkrieg konnte das Dossier der Eltern identifiziert werden.

Es enthält auch die Briefe des Vaters, der nach seinem Sohn und dessen Braut sucht, nach Simon und Céline Zagiel. So bekam das Paar seine Namen zurück, und es wurde auch klar, wie die Geschichte der 17-jährigen Jüdin und ihres 19-jährigen Gatten aus Belgien ausging.

Zug 23 nach Auschwitz

Aus der Schweiz ausgeschafft, wurden die beiden gleich an der französischen Grenze verhaftet, von Belfort ins Sammellager von Drancy deportiert und von dort dann mit dem «Transportzug Nr. 23» nach Auschwitz. Das geschah am 24. August 1942 – am gleichen Tag, an dem Hermann Böschenstein gegen die unmenschliche Bürokratie anschrieb.

Das Paar erlitt ein ungleiches Schicksal. Céline Zagiel wurde in Auschwitz umgebracht, Simon Zagiel überlebte die Zwangsarbeit, wie Henry Spira in privaten Recherchen herausgefunden hat. Die Eltern und die jüngeren Geschwister Simon Zagiels nahm die Schweiz im gleichen Sommer 1942 auf, weil sie als Familie mit minderjährigen Kindern die Bestimmungen zur Ausnahme von der Wegweisung erfüllten. Wie gesagt: Häsler schrieb «auf der Suche nach dem Menschen».

Er hat gewusst, dass die Schoah die Erinnerungen der Juden und Jüdinnen besetzt, und veröffentlichte ein Werk, das dieser Katastrophe auch aus seiner christlichen Sicht entsprechen sollte. Als Abgrund, als Negation des Menschlichen lehrt sie eines: nicht zu vergessen. Denn die Hoffnung, die Sehnsucht nach dem Guten in der Zukunft, das wusste Häsler, gründet in der Erinnerung. Er starb am 7. April 2009 in Zürich. Als Chronist des Boots, das Flüchtlinge aufnahm, aber nicht voll war (vgl. Kasten), lebt er weiter.

Guido Koller ist Historiker und arbeitet im Bundesarchiv. Die Fälle der Serie «Fluchtgeschichten» hat er in privater Forschung für den «Bund» aufgearbeitet. (Der Bund)

Erstellt: 05.03.2014, 15:50 Uhr

Wie sich die Behörden später rechtfertigten

Die «fremde Wesensart» der Juden

Die Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg wird nach wie vor heftig debattiert. Einer der umstrittenen Aspekte sind die Wegweisungszahlen. So erneuerte etwa der bekannte französische Nazi-Jäger Serge Klarsfeld neulich in der «Weltwoche» seine Kritik am Flüchtlingsbericht der Bergier-Kommission. Die Schweiz habe nur einen Bruchteil jener Juden abgewiesen, so Klarsfeld, von denen im Bergier-Bericht die Rede ist.

Das Bundesarchiv hat 1996 quellengestützt die Wegweisungen ziviler Flüchtlinge in der Zahl von 30'000 zusammengefasst: eine vorsichtige Annäherung zwischen Minimal- und Maximalwerten. Sie wurde zur Grundlage für die Forscher der Bergier-Kommission.

Allerdings ist die Quellenlage insgesamt derart lückenhaft, dass zur Zahl der weggewiesenen Juden kaum je eine gesicherte Aussage möglich sein wird. Besser dokumentiert ist hingegen die Zahl der geretteten Flüchtlinge. Die Schweiz hat aufgrund von internationalen Verpflichtungen und humanitären Erwägungen rund 230'000 militärische und zivile Flüchtlinge, worunter 20'000 Juden und Jüdinnen, aufgenommen – vor allem gegen Kriegsende.

Das zeigt die Problematik der Schweizer Flüchtlingspolitik im Spannungsfeld zwischen Überfremdungsdebatte und humanitärer Tradition: Die am stärksten an «Leib und Leben» gefährdeten Personen, die dem Gedanken des Asyls zufolge gerettet werden sollten, machen lediglich knapp zehn Prozent aus. In einem Rechenschaftsbericht von 1950, der nie veröffentlicht wurde, kann man nachlesen, wie die Polizeiabteilung diese Zahlen nach dem Krieg interpretierte.

Der Bericht begründet zunächst, wieso die Aufnahme von Italienern, Franzosen oder Deutschen leichter fiel: «Die Ausländer aus den Nachbarländern sind zumeist Elemente, deren Lebensweise von der unseren nicht sehr verschieden ist. Sie assimilieren sich viel leichter als andere Ausländer, denen unsere Wesensart weniger verwandt ist.»

Die «fremde Wesensart» ist die jüdische, was der Bericht aber nicht explizit sagt. Hingegen führt er weiter aus: «Es durfte nicht der beschränkte Platz in unserem Lande durch uns eher fernstehende Flüchtlinge völlig besetzt werden, sodass es dann nicht mehr möglich gewesen wäre, Notleidenden aus unserer unmittelbaren Nachbarschaft zu helfen.»

Die Polizeiabteilung verdrängte also nun, da man um die Folgen wusste, die gegen Juden gerichtete Haltung und rechtfertigte sie mit der Aufnahme von Flüchtlingen gegen Kriegsende. Bundesrat von Steigers These, wonach das Boot mit ein paar Tausend Flüchtlingen im Sommer 1942 voll war, wird im Nachhinein zur These umgebaut, wonach das Boot für andere frei bleiben musste.

Dabei hatte die Polizeiabteilung schon in jenem Sommer ziemlich genau um diese Folgen gewusst. Heinrich Rothmund schrieb dem Bundesrat vor der Grenzschliessung vom 13. August 1942: «Die übereinstimmenden und zuverlässigen Berichte über die Art und Weise, wie die Deportationen durchgeführt werden, und über die Zustände in den Judenbezirken im Osten sind derart grässlich, dass man die verzweifelten Versuche der Flüchtlinge, solchem Schicksal zu entrinnen, verstehen muss und eine Rückweisung kaum mehr verantworten kann.»

Er hat es aus fremdenpolizeilichen Gründen trotzdem getan, bis ihn die Politik zur Mässigung rief. (G. K.)

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