Hintergrund

Juden gegen Dollars

Engagierte jüdische Brüder und Schwestern, ein US-Agent und ein Alt-Bundesrat, der eigentlich mit den Nazis sympathisierte: Wie 1945 über tausend KZ-Insassen in die Schweiz gerettet wurden.

«Viele innerlich zerbrochen»: Überlebende aus Theresienstadt im St. Galler Schulhaus Hadwig.

«Viele innerlich zerbrochen»: Überlebende aus Theresienstadt im St. Galler Schulhaus Hadwig. Bild: Walter Schweiwiller/Keystone

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Der Zug hielt an. Sie sassen an den Fenstern, müde von der langen Reise, aber glücklich, und blickten hinaus auf die Schaulustigen. Zöllner stiegen ein, kontrollierten Papiere, Ärzte fragten nach Krankheiten, Rotkreuzschwestern reichten heissen Tee. Einige der Zaungäste verteilten Obst und Zigaretten. Ein Passagier sollte sich später erinnern: «Wir sahen nach Jahren wieder in gute Gesichter, und das von Menschen, die deutsch sprachen!»

Es war der 7. Februar 1945. Ein Zug der Deutschen Reichsbahn war nach zwei langen Tagen und Nächten im Bahnhof Kreuzlingen angekommen. In den siebzehn Waggons sassen zumeist ältere jüdische Frauen, Männer und einige Kinder. Sie waren dem Tod in Theresienstadt entkommen.Theresienstadt war nicht ganz dasselbe wie andere deutsche Konzentrationslager. Dreitausend Einwohner hatten das befestigte Städtchen Terecin nördlich von Prag verlassen müssen, um 85 000 jüdischen Deportierten Platz zu machen. Der Ort war nicht gleichermassen abgeschottet wie andere Lager, obschon es auch hier natürlich keine Zeitungen und Radios gab. Aber die Insassen erhielten manchmal Hilfspakete und zensurierte Briefe. «Wir führten ein Leben in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft», sagte ein Überlebender später (vgl. Kasten).

Die Retter

Juden und Jüdinnen in der Schweiz, die ihren Glaubensgenossen helfen wollten, befanden sich in einer denkbar schwierigen Lage. Da war der übermächtige Gegner: Die Achsenmächte kontrollierten fast ganz Europa, sichere Fluchtorte waren an einer Hand abzuzählen. Und sie waren schwer zu erreichen, so wie Portugal, Nordafrika oder England, oder hatten, so wie die Schweiz, ihre Grenzen geschlossen. Die Helfer hatten keine Wahl: Sie mussten sich den Vorgaben der Behörden beugen. So blieb nur der Kampf um die Aufnahme möglichst vieler einzelner Flüchtlinge. Und die Hoffnung auf einen raschen Sieg der Alliierten.

Recha Sternbuch war eine der Helferinnen. Sie stammte aus einer belgischen Rabbinerfamilie, ihr Mann Isaak war der Sohn eines chassidischen Textilindustriellen, der sich 1905 in der Schweiz eine neue Existenz aufgebaut hatte. Als 1938 Juden in der Schweiz eintrafen, halfen sie, mittlerweile von Montreux aus, wo sie konnten. Daraus erwuchs ein Hilfskomitee, das sich in erster Linie orthodoxer Juden annahm. 1944 begannen in Ungarn die Deportationen in die deutschen Vernichtungslager in Polen. In Budapest stellte der Schweizer Konsul Carl Lutz Tausende Schutzpässe aus, «in Übertretung seiner Kompetenzen», wie er nach Krieg offiziell gerügt wurde. Jüdische Organisationen und das War Refugee Board, das Komitee für Kriegsflüchtlinge der US-Regierung, nahmen Verhandlungen mit Deutschen auf, die die Niederlage kommen sahen. Sie führten im Dezember 1944 zur Ausreise von 1368 ungarischen Juden aus dem KZ Bergen-Belsen in die Schweiz. Als die Disziplin in Nazideutschland zu bröckeln begann und sich einzelne Exponenten im Verwaltungsgestrüpp von Staat und Partei absetzten, sahen Isaak und Recha Sternbuch die Zeit für eine Offensive gekommen. Sie schalteten einen Vermittler ein, von dem sie wussten, dass er gute Kontakte zu Nazigrössen unterhielt und vereinzelt Juden in Frankreich geholfen hatte: der frühere Bundesrat Jean-Marie Musy.

Der Vermittler

Der Freiburger Musy war in seinem antiliberalen Denken dem Nationalsozialismus gefährlich nahegekommen. Die Rassenideologie lehnte er ab; was ihn aber sehr wohl faszinierte, waren die vom Faschismus erzwungenen autoritären Regierungssysteme. «Der Rufer in der Wüste», wie ihn deutsche Zeitungen nannten, mahnte in den Dreissigerjahren, die Schweiz dürfe die «neue Ordnung» nicht ignorieren; auch hier sollten Männer die Führung übernehmen, die «die gewaltige Revolution verstehen, die sich in Europa vollzieht». Auch der Bundesanwaltschaft war nicht entgangen, dass der 1934 zum Rücktritt gedrängte Bundesrat ausgezeichnete Kontakte zu den Nazis pflegte.

Nach einem Treffen mit Sternbuchs im Oktober 1944 reiste der Alt-Bundesrat mit seinem Diplomatenpass ins polnische Breslau, wo Reichsführer Heinrich Himmler, Chef der deutschen Polizei, seinen persönlichen Zug extra für Musy anhalten liess. Vermittelt hatte das Gespräch Walter Schellenberg, der opportunistische Leiter des deutschen Auslandsnachrichtendiensts, der über die Schweiz Kontakte mit den Alliierten aufbauen wollte. Himmler verlangte im Gegenzug für die Freilassung von Juden die Lieferung von Lastwagen und Traktoren durch die Alliierten. Himmler und Musy trafen sich wieder im Januar 1945, diesmal in Wildbad im Schwarzwald, wo Musy erklärte, die Alliierten würden einem solchen Deal niemals zustimmen. Himmler, früher Promotor des Vernichtungsfeldzugs, stimmte nun einer für die Amerikaner akzeptablen finanziellen Transaktion zu und übertrug die weiteren Verhandlungen seinem Vertrauten Schellenberg.

Nach dem Treffen wurden Dollars im Wert von fünf Millionen Schweizer Franken auf ein gesperrtes Konto in Basel hinterlegt. Jüdische Organisationen in den USA hatten das Geld aufgebracht; es konnte nur mit einer Zustimmung des War Refugee Board abgehoben werden. Die Sternbuchs hatten unbemerkt und inoffiziell die Unterstützung von Sam Woods erhalten, der in Zürich als Handelsattaché akkreditiert war, in Wahrheit aber für das Office of Strategic Services arbeitete, den amerikanischen Geheimdienst. Beide US-Behörden hatten die Genehmigung erhalten, in der Schweiz, im stillen Auge des Sturms in Europa, Filialen aufzubauen.Das Politische Departement unter Max Petitpierre drängte den Bundesrat derweil, die Schweizer Aussenpolitik neu auszurichten. Eine aktive humanitäre Politik in den letzten Kriegsmonaten sollte helfen, alliierte Vorwürfe zu entkräften, was die wirtschaftliche Anpassung der Schweiz an Deutschland betraf.

Fast bis Kriegsende reiste Musy mehrmals für Verhandlungen zu Schellenberg. Wenn man seinem Biografen Gaston Castella Glauben schenken will, handelte der katholisch sozialisierte Jurist aus christlichen Motiven. Man sollte den Alt-Bundesrat aber als politischen Menschen nicht unterschätzen. Es ging ihm wohl auch um einen letzten Ausweg vor der «roten Gefahr», wie er den Vormarsch der Sowjets nannte. Er hoffte, wie seine deutschen Verhandlungspartner, auf einen Separatfrieden zwischen Deutschland und den Westalliierten und versuchte das Terrain dafür zu bereiten. Seine Verhandlungsreisen nach Deutschland waren nicht ungefährlich; für seine Dienste als Anwalt wurde er von jüdischen Organisationen finanziell und mit einer Lebensversicherung entschädigt. Schliesslich ging es ihm wohl auch um seine Rehabilitation: «Was Herr Musy in dieser Sache getan hat, sei ihm gutgeschrieben», meinte die sozialdemokratische Zeitung «Volksstimme» in St. Gallen, nachdem sie die «Freigabe der Juden» zunächst als blosse «Propaganda-Aktion» abgetan hatte.

Die Geretteten

«Langsam», so der Berichterstatter der «Volksstimme», «senkte sich die Dämmerung auf die Stadt. Ein langer Zug Verstossener bewegte sich stadtwärts.» Um fünf Uhr nachmittags waren zwei Sonderzüge aus Kreuzlingen im St. Galler Vorstadtbahnhof St. Fiden eingetroffen. Nun zogen die 1200 Flüchtlinge aus Theresienstadt, die Musy freibekommen hatte, zu einem Schulhaus, wo sie notdürftig untergebracht wurden. «Von Haus und Habe vertriebene Leute, zum Teil unterernährt, apathisch dreinblickende Menschen, viele innerlich zerbrochen. Die einen trugen einen Koffer, andere mussten sich mit einem Bündel begnügen.» Der teilnahmsvolle Beobachter hoffte, dass die Verfolgten nun «Ruhe und Erholung finden werden». Es kam aber anders.

Die Schweizer Behörden, von der Rettungsaktion zunächst überrumpelt, hatten mit den Alliierten schnell ausgemacht, die Flüchtlinge nach Philippeville weiterzuschicken. Das Lager in Algerien diente als Durchgangsstation auf dem Weg nach Palästina. Davon wussten die Betroffenen allerdings nichts. Bei der Abreise hatten ihnen SS-Offiziere lediglich befohlen, die gelben Sterne abzunehmen und in den Zug zu steigen. Als nun der Umsiedlungsplan ruchbar wurde, protestierten sie; sie konnten sich eines Gefühls nicht erwehren, «das sie an die Diskriminierung in den deutschen Lagern erinnert», wie sie den Behörden schrieben. Die Überlebenden wollten selber über ihr Schicksal entscheiden. 320 wünschten sich eine Rückkehr in ihre holländische Heimat; von den 843 aus Deutschland wollte ein Teil lieber in die USA.

Die Aufgenommenen

Die Eidgenössische Fremdenpolizei hielt an der ursprünglichen Planung fest. Die Proteste bekannter Persönlichkeiten und die Interventionen von Hilfswerken und europäischen Staaten häuften sich. Ein Skandal bahnte sich an. Die Zensur fing ein Telegramm an die schwedische Zeitung «Aftonbladet» ab, worin einer ihrer Journalisten den Ausreisezwang der schweizerischen Praxis gegenüberstellte, gleichzeitig Faschisten aufzunehmen. Als sich die Umsetzung weiter verzögerte, weil die Briten die Einwanderungszertifikate für Palästina zurückhielten, gab die Fremdenpolizei nach.

Am 20. Dezember 1945 versicherte sie den Flüchtlingen, in der Schweiz bleiben zu können, bis sie ins Land ihrer Wahl ausreisen konnten. Mittlerweile waren sie in leer stehenden Hotels untergebracht worden. Einige wenige Alte und Kranke profitierten dann 1947 vom neu geschaffenen Dauerasyl und blieben in der Schweiz.

Guido Koller ist Historiker und arbeitet im Bundesarchiv. Die Fälle der hier zu Ende gehenden Serie «Fluchtgeschichten» hat er in privater Forschung für den «Bund» aufgearbeitet. (Der Bund)

Erstellt: 10.03.2014, 07:43 Uhr

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KZ Theresienstadt

Reinhard Heydrich nannte Theresienstadt «Judensiedlung». Der Chef des Reichssicherheitshauptamts gab die Einrichtung des Lagers 1942 an der Wannsee-Konferenz bekannt. Geplant war es für 85 000 Juden und Jüdinnen über 60, die damals noch in Deutschland lebten. Zu den alten Menschen kamen einige Tausend, die sich im Ersten Weltkrieg um Deutschland verdient gemacht hatten.

Tatsächlich diente das Lager der Legende von der «Umsiedlung der Juden nach Osten». Heydrich hoffte so, den nazistischen Vernichtungsfeldzug kaschieren zu können. Er lud mehrmals Vertreter neutraler Staaten und des Roten Kreuzes nach Theresienstadt ein. Einige mochten sich vom Musikpavillon und von der Lagerkapelle täuschen lassen.

Die Insassen errichteten neben den Baracken auch ein Krematorium. Über 33 000 Menschen starben in diesem Ghetto – viele an Unterernährung und fehlender medizinischer Betreuung. Über den extra ins Lager verlegten Bahnanschluss wurden rund 87 000 in die Vernichtungslager abtransportiert. Die Alliierten befreiten Theresienstadt im Mai 1945. 17 000 hatten überlebt, 1200 von ihnen in der Schweiz (vgl. Haupttext). (G. K.)

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