Franchise-Hüpfen soll nicht mehr möglich sein

Wer eine hohe Franchise wählt, soll diese drei Jahre lang nicht mehr wechseln dürfen. Krankenkassen befürchten, dass solche Knebelverträge kontraproduktiv sind.

Bald Knebelverträge? Versicherungspolice. (Keystone)

Bald Knebelverträge? Versicherungspolice. (Keystone)

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Die Krankenkassenprämien steigen auch nächstes Jahr wieder, im schweizerischen Durchschnitt um 1,2 Prozent. Je nach Wohnkanton und Kasse kann der Aufschlag auch höher ausfallen. Noch bis Ende Monat können die Versicherten jedoch mit einem Wechsel der Krankenkasse oder des Versicherungsmodells ihre Prämienlast für nächstes Jahr senken.

Wer mit der Wahl einer hohen Franchise Geld sparen will, wird sich das aber bald gut überlegen müssen. Denn die bürgerlichen Gesundheitspolitiker im Parlament wollen die Versicherten dazu verpflichten, dass sie während drei Jahren bei der gewählten Franchise bleiben müssen. Die Gesundheitskommission des Nationalrats hat eine entsprechende Gesetzesänderung letzte Woche verabschiedet und die Vorlage könnte bereits in der kommenden Dezember-Session in der Grossen Kammer beraten werden.

Mit den Dreijahresverträgen soll verhindert werden, dass Versicherte dank der hohen Franchise Prämien sparen, solange sie gesund sind und im Krankheitsfall zur Minimalfranchise von 300 Franken wechseln. Heute ist dies möglich: Wer zurzeit eine Franchise von 2500 Franken hat und nächstes Jahr wegen einer Erkrankung hohe Arzt- oder Spitalrechnungen erwartet, kann für 2019 zur Minimalfranchise wechseln. Er muss dies seiner Kasse einfach bis Ende November mitteilen.

Damit verliert er zwar den Prämienrabatt von bis zu 1540 Franken im Jahr, fährt aber dennoch besser. Denn wenn für einen Versicherten bereits jetzt klar ist, dass 2019 beispielsweise wegen einer Operation Arztrechnungen von mehr als 2500 Franken anfallen, rechnet sich die Franchise von 300 Franken. Durch den Wechsel von der Maximal- auf die Minimalfranchise spart dieser Versicherte nämlich unter dem Strich 660 Franken im Jahr. Wenn er in einem Jahr wieder gesund ist, kann er 2020 wieder zurück zur Maximalfranchise.

«Schuss könnte nach hinten losgehen»

Dieses Franchisen-Hüpfen ist einem Teil der Krankenkassen schon lange ein Dorn im Auge. Heinz Brand (SVP), Präsident des Kassenverbandes Santésuisse, vertritt die vom mittlerweile abgewählten Parteikollegen Roland Borer initiierte Gesetzesänderung im Nationalrat. Ziel sei es, die Eigenverantwortung im Krankenversicherungsgesetz zu stärken. Wenn Versicherte zu tieferen Franchisen wechselten, wenn sie einen medizinischen Eingriff planten, untergrabe dies den Solidaritätsgedanken im Krankenversicherungsgesetz.

Allerdings halten nicht alle Krankenkassen die dreijährige Verpflichtung der Versicherten für eine gute Idee. Die Nationalratskommission wolle ein Problem lösen, dass gar nicht existiere, sagt Pius Zängerle, Direktor des Verbandes Curafutura. Zängerle verweist darauf, dass nur wenige Versicherte mit einer Wahlfranchise diese vorübergehend senken. Laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) betreiben lediglich 0,4 Prozent ein solches Franchise-Hüpfen. Zängerle warnt gar davor, dass die vorgeschriebene Vertragsdauer von drei Jahren die Versicherten davon abhalten könnte, sich für eine höhere Franchise zu entscheiden. «Tendenziell sind die Leute eher risikoscheu, und deshalb könnte der Schuss nach hinten losgehen», sagt er.

Statt dass wie heute rund 56 Prozent der erwachsenen Versicherten eine Wahlfranchise haben, könnten es künftig aufgrund der Einschränkungen deutlich weniger sein. Damit würde das Parlament mit der vorgeschriebenen Vertragsdauer die Eigenverantwortung der Versicherten schwächen statt stärken, sagt Zängerle. Der Verband Curafutura vertritt die vier Krankenversicherer CSS, Helsana, KPT und Sanitas.

Nur noch für Kerngesunde?

Felix Schneuwly, Krankenversicherungsexperte von Comparis, kritisiert den geplanten Vertragszwang ebenfalls. «Es ist unglaubwürdig, wenn die Krankenkassen dauernd auf die Wahlfreiheit für die Versicherten pochen und dann eine solche Einschränkung fordern.» Schneuwly befürchtet, dass sich künftig nur noch völlig Gesunde und junge Versicherte für eine hohe Franchise entscheiden, wenn sie sich für drei Jahre zu einer hohen Kostenbeteiligung verpflichten müssen. Schneuwly plädiert dafür, dass die Kassen den Versicherten die Wahl lassen, ob diese sich für mehrere Jahre verpflichten wollen oder nur für jeweils ein Jahr. «Dies wäre im Sinne der Kundenbindung, aber sicher nicht solche Knebelverträge.»

Eine Minderheit der Kommission um Isabelle Moret (FDP) und Philippe Nantermod (FDP) will im Nationalrat eine solche Wahlfreiheit verlangen. Die Kassen sollen den Versicherten Verträge mit bis zu drei Jahren Laufdauer anbieten können, in denen sich die Versicherten freiwillig für eine höhere Franchise oder ein alternatives Versicherungsmodell entscheiden können.

SP sagt «Knebelverträgen» Kampf an

Die SP will die «Knebelverträge» mit allen Mitteln bekämpfen. Versicherte in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen, die hohe Franchisen wählten, könnten bei einer schweren Erkrankung sonst in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Versicherte könnten innerhalb der drei Kalenderjahre nämlich arbeitslos oder sozialhilfeabhängig werden. Die SP wirft den Bürgerlichen vor, einen immer noch höheren Anteil der Gesundheitskosten auf die Versicherten zu überwälzen. Bereits heute müssten die Schweizer im internationalen Vergleich einen überdurchschnittlich hohen Teil der Gesundheitskosten selber tragen, sagt SP-Vizepräsidentin Barbara Gysi . Zur Franchise kommt auch noch der Selbstbehalt.

Dies werde durch die Franchisenpläne der bürgerlichen Gesundheitspolitiker noch verschärft. Zusammen mit der dreijährigen Vertragsdauer will die Gesundheitskommission des Nationalrats die ordentliche Franchise (Minimalfranchise) von heute 300 auf 500 Franken erhöhen. Als Drittes soll eine automatische Anpassung der Franchisen an die Teuerung beschlossen werden. Alle Franchisen sollen jeweils um 50 Franken erhöht werden, sobald die Kosten einen bestimmten Grenzwert übersteigen. Diese Erhöhung dürfte aufgrund der steigenden Gesundheitskosten ungefähr alle vier Jahre erfolgen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.11.2018, 17:23 Uhr

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