«Ein Kind soll sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist»

SVP-Bildungspolitiker Ulrich Schlüer beschreibt das Ziel der Mundart-Initiativen: Deutschschweizer Kinder fänden den Zugang zur Sprache nur über den Dialekt.

Soll nur noch auf Mundart erlaubt sein: Spielen im Kindergarten.

Soll nur noch auf Mundart erlaubt sein: Spielen im Kindergarten. Bild: Keystone

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Herr Schlüer, die SVP lanciert in Zug eine Volksinitiative, damit in den Kindergärten nur noch Mundart gesprochen wird. Plant die Partei eine schweizweite Mundartoffensive?
Die Frage wird in vielen Kantonalsektionen ernsthaft diskutiert. Für viele SVP-Politiker, die sich mit Bildung befassen, ist Mundart im Kindergarten ein sehr wichtiges Anliegen. Die erfolgreiche Volksabstimmung im Aargau hat gezeigt: Die Zeit ist reif, um zu Taten zu schreiten. Aber die kantonalen Sektionen handeln aus eigenem Antrieb.

Ist diese Mundartoffensive nicht ein weiterer Versuch, die einheimischen Kinder zu bevorteilen?
Darum geht es doch nicht! Für viele Eltern ist es einfach überzeugend, dass das Kind im Kindergarten sprechen soll, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Erst wenn ein Kind entdeckt, dass es seine Gefühle, sein Denken, seine Eindrücke in Worte fassen kann, findet es einen echten Zugang zur Sprache. Darf es mit Mundart beginnen, dann fällt ihm das am leichtesten.

Das sehen zahlreiche Experten anders. Sie warnen davor, dass Mundart im Kindergarten die fremdsprachigen Kinder benachteilige und zu einem Sprachenwirrwarr führe.
Das ist eine völlig falsche Sicht. Jedes Kind muss zuerst einen unverkrampften Zugang zur Sprache finden können. Das geschieht am einfachsten im Dialekt. Diese sogenannten Experten verkaufen ihre Ideologie als Fakten. Erinnern Sie sich an die Fremdsprachendiskussion? Die selbsternannten Pädagogikexperten haben immer behauptet, Kinder müssten möglichst früh möglichst viele Fremdsprachen lernen. Und jetzt schauen Sie mal dieses Chaos an, das der frühe Fremdsprachenunterricht angerichtet hat. Überforderung auf allen Ebenen. Der Kindergarten soll von solchen Leistungsanforderungen befreit sein. Der Kindergarten soll Kindergarten sein. Ein Ort, an dem die Kinder so sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Der Schnabel ist aber nicht allen Kindern gleich gewachsen. Es geht Ihnen am Ende doch um die Abgrenzung des Einheimischen vom Fremden, es geht um Identität.
Das hat doch nichts mit Diskriminierung zu tun! Ausserhalb des Kindergartens sprechen die Kinder ja auch Mundart. Ausländer, die sich für ein Leben in der Schweiz entscheiden, müssen sich mit den hiesigen kulturellen Bedingungen identifizieren.

Was soll eigentlich mit den deutschen Kindergärtnerinnen passieren?
Die müssen Mundart lernen.

Wie soll kontrolliert werden, ob nach Annahme einer entsprechenden Volksinitiative auch tatsächlich Mundart gesprochen wird im Kindergarten?
Die Sprachenfrage muss in den Lehrplänen verankert werden. Dabei macht sicher niemand ein Theater, wenn die Kinder auch einmal ein französisches Lied wie etwa «Frère Jacques» singen.

In der Romandie verfolgt man die Mundartoffensive mit Sorgen. Man befürchtet, bald im eigenen Land sprachlich diskriminiert zu werden.
Wenn ein Kind den Sprachraum wechselt, spielt es keine Rolle, ob es Hochdeutsch oder Mundart sprechen muss. Die Bedenken aus der Romandie, dass der Französischunterricht in Teilen der Deutschschweiz vernachlässigt wird, muss man ernst nehmen. Die Vermittlung des Französischen in der Oberstufe muss durch sorgfältigere Ausbildung der Französischlehrer verbessert werden. Das ist viel wichtiger als Frühfranzösisch. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.07.2014, 16:04 Uhr

Ulrich Schlüer ist Präsident der SVP-Bildungskommission. (Bild: Keystone )

Mundartoffensive in Zug

Auch im Kanton Zug soll im Kindergarten ausschliesslich Mundart gesprochen werden. Die SVP Kanton Zug hat am Donnerstag die kantonale Volksinitiative «Ja zur Mundart» lanciert.

Neben dem Kindergarten soll auch in der Primarschule in gewissen Fächern wie Sport, Musik und Gestalten auf die Standardsprache verzichtet und stattdessen in Mundart unterrichtet werden. Gemäss Mitteilung fördert Mundart die Integration. Zudem sei Mundart «Teil unserer Kultur und Identität».

Bereits in anderen Kantonen wurden ähnliche Initiativen lanciert und darüber abgestimmt. Die Zürcher Stimmberechtigten stimmten der Volksinitiative «Ja zur Mundart im Kindergarten» im Mai 2011 zu. Auch im Kanton Aargau bekam im Mai 2014 eine Initiative der Schweizer Demokraten (SD) ebenfalls eine Mehrheit.

In Basel-Stadt hiess das Stimmvolk im Mai 2011 eine Dialekt-Initiative und einen Gegenvorschlag gut. In der Stichfrage obsiegte der Gegenvorschlag. Deshalb wurden für Dialekt und Hochdeutsch «gleichwertige Lernziele» im Schulgesetz festgeschrieben.

Im Kanton Luzern wurde die Volksinitiative «Für Mundart im Kindergarten» der Jungen SVP im September 2013 abgelehnt. Angenommen wurde der Gegenvorschlag von Regierung und Parlament, der das bereits praktizierte Nebeneinander von Hochdeutsch und Mundart im Kindergarten neu ausdrücklich im Volksschulbildungsgesetz festschrieb.

Ebenfalls abgelehnt wurde im Mai 2013 ein entsprechender Antrag an der Glarner Landsgemeinde. Im Kanton Solothurn scheiterte die Initiative «Mundart im Kindergarten» bereits bei der Unterschriftensammlung. (sda)

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