Zum Hauptinhalt springen

Warten auf Auschwitz

1942 reiste der Berner Fotoreporter Paul Senn durch den Süden Frankreichs. Seine Bilder aus den Vertriebenenlagern wurden damals zensiert. Heute zeigen sie: Es gab eine humanitäre Schweiz. Doch der Bund gab sich alle Mühe, den freiwilligen Flüchtlingshelfern die Arbeit schwer zu machen.

Das sind Paul Senns Aufnahmen aus dem Lager Rivesaltes, die die Schweiz damals nur in milder Dosierung zu sehen bekam.
Das sind Paul Senns Aufnahmen aus dem Lager Rivesaltes, die die Schweiz damals nur in milder Dosierung zu sehen bekam.
Paul Senn (FFV/Kunstmuseum Bern/Dep. GKS)
Einen allzu drastischen Eindruck durfte keine der Illustrierten riskieren.
Einen allzu drastischen Eindruck durfte keine der Illustrierten riskieren.
Paul Senn (FFV/Kunstmuseum Bern/Dep. GKS)
Wer genau diese Leute waren, woher sie kamen, vor wem sie geflohen waren - kein Thema.
Wer genau diese Leute waren, woher sie kamen, vor wem sie geflohen waren - kein Thema.
Paul Senn (FFV/Kunstmuseum Bern/Dep. GKS)
1 / 6

Der Wind! Der Wind fegte durch die Ebene zwischen den Pyrenäen und dem schwarzblauen Meer, mitten durch die Barackenstadt im grauen Geröll, und manchmal war er derart heftig, als wollte er den Leuten in diesem Niemandsland zeigen, dass alles nichts hilft. Dann stiess er den Handwagen mit den Reistöpfen um, den die Krankenschwestern durchs Lager zogen. Oder er zerrte den Kindern die Sachen vom ausgemergelten Leib. «Ein Sechsjähriger, vom Wind an eine Mauer gedrückt, Löffel und Essgeschirr in den blaugefrorenen Händchen, versuchte vergebens eine Wolldecke über die Schultern zu ziehen, immer wieder entriss sie ihm der Wind. Schliesslich trug ich ihn auf dem Buckel in seine Baracke.»

So steht es im Tagebuch von Friedel Reiter. Sie war eine der vier Krankenschwestern aus der Schweiz, die sich im Lager von Rivesaltes bei Perpignan einquartiert hatten. Es ist der Eintrag vom 8. Januar 1942. «Heute fand ich einen», notierte Reiter dann am 12. Februar, «mit blutig geschlagenem Gesicht in den letzten Zügen. Gestern Nacht vom starken Wind umgeworfen, blieb er einige Stunden unbemerkt liegen, unfähig, sich selbst zu erheben. Neben ihm stand seine Frau. Sie beklagte sich nicht, sie erklärte mir nur, mit heissen Augen auf unseren vollen Reiskessel schauend, dass sie entsetzlichen Hunger habe - ihren sterbenden Mann erwähnte sie nicht.»Es waren die Tage, in denen Paul Senn Rivesaltes besuchte, der Berner Fotoreporter, der heute ein ganz Grosser der Schweizer Fotogeschichte ist. Den ganzen Januar war er im Süden Frankreichs unterwegs, in jener Hälfte des Landes, die noch nicht deutsch besetzt war, aber vom Vichy-Regime kontrolliert wurde; es kollaborierte mit den Nazis, und zwar auch bei der Verfolgung und Vernichtung der Juden. Senns Mission: von den Schweizer Hilfswerken zu berichten, die hier mit rund vierzig Freiwilligen Kinderheime und Maternités für Kriegsvertriebene führten und sich um die Internierten in den Lagern kümmerten, Kinder und Kranke dort pflegten sowie Essen, Kleider und andere Hilfsgüter verteilten.

Helfen, nicht anklagen

Auch wenn sich Friedel Reiter bis zu ihrem Tod an ihn erinnerte: In ihrem Tagebuch hat Paul Senn seinerzeit keine Spuren hinterlassen. Ende Februar erschienen seine Bilder dann als grosse Reportage in der «Schweizer Illustrierten Zeitung», darauf auch in einer Reihe weiterer Blätter. Es ist da viel die Rede von den «tapferen Schweizer Frauen», der «herrlichen Schweizer Pulvermilch», den «fröhlichen Schweizer Liedern». Und unter den Bildern ist auch eines mit Friedel Reiter. Man sieht sie in einem der Kinderspitäler ausserhalb des Lagers; sie verteilt, eine weisse Haube auf dem Kopf, ein gütiges Lächeln im Gesicht, Essen in Blechgeschirren an die Kinder, die mit Wollmützen und Mänteln in Holzbettchen sitzen.

Das Anliegen, das die Schweizer Presse mit Senns Bildern verfolgte, ist nicht zu übersehen: Sie sollten Mitgefühl und Spendenbereitschaft zugunsten der Kinderhilfe mobilisieren. Dabei sonnte man die Leser in der Glorie einer Nation, die «sich auch diesmal der heiligen Aufgabe, zu helfen und Not zu lindern, nicht entzogen» habe, so die «Schweizer Illustrierte». Zugleich aber sollte das Schicksal des Nachbarlands den Selbstgerechten eine Mahnung sein: «Manch einer wird sich angesichts dieses Elends vor Augen halten müssen, wie wenig doch unsere Einschränkungen bedeuten im Vergleich zu dem Jammer und der Verzweiflung von Millionen, die hungernd, frierend und obdachlos durch die Strassen irren. All diejenigen, die bei uns aufbegehren, wenn der Kaffee nicht mehr so aromatisch duftet als einst in den Vorkriegstagen - allen denen möchten wir zurufen: Versündigt euch nicht!»Merkwürdig nur, dass sich nirgends ein Wort zur Ursache jener humanitären Katastrophe findet. Und auch keines zum Zweck der Lager. Vor dem Krieg wurde Rivesaltes noch als «Empfangszentrum» für die Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkriegs geführt; dann auch für die Juden, die die Nazis aus Deutschland und anderen Ländern vertrieben hatten. 1941 liefen aber auch in Vichy-Frankreich die Arisierungsprogramme an. Und mit Hitlers Vormarsch wurde das Lager für viele zur Falle. Juden, Fahrende, Staatenlose, Unerwünschte - hier wurden sie interniert, bevor man ab Sommer 1942 dreitausend von ihnen nach Auschwitz deportierte. «Vorhof der Vernichtung»: Das war der Titel, unter dem Friedel Reiter 1995 ihr Tagebuch erstmals veröffentlichte. In 150 Baracken wurden in Rivesaltes zeitweise gegen 18 000 Menschen gehalten. Und das bei Bedingungen, die zweihundert das Leben kosteten, darunter fünfzig Kinder unter einem Jahr. Die französischen Behörden waren nicht in der Lage, das Lager zu versorgen; die Internierten waren geschwächt durch Kälte, Krankheiten und die katastrophale Hygiene, vor allem aber durch den Hunger. Vom ganzen Ausmass des Elends sprach die Schweizer Presse aber so wenig wie von der Jagd auf die Juden in Frankreich, die schon vor den Deportationen in die Vernichtungslager eingesetzt und sie hierher gebracht hatte.

«Heute nicht möglich»

Eines von Senns Bildern in der «Schweizer Illustrierten» zeigt eine «greise Lehrerin»; ein ausgezehrtes Gesicht, ein banger Blick unter einem schwarzen Kopftuch. «Um das nackte Leben zu retten», steht unter dem Foto, «hat sie ihre Heimat verlassen. In sich gekehrt sass sie im Krankenzimmer eines Flüchtlingsheimes, als sie unser Photograph entdeckte. Was sie ihm aus ihrem Leben erzählte, dürfen wir nicht bekannt geben, jedoch - in ihrem Antlitz steht alles geschrieben . . .»

Alles? Paul Senn habe, erklärt die Redaktion in einem Vorwort, aus Frankreich «erschreckende, erschütternde, niederschmetternde Dokumente» mitgebracht - auch solche, «deren Publikation uns heute nicht möglich ist». Und das war keine Frage der Nerven der Leser, sondern eine der Staatsräson. Ein Teil von Senns Reportage sei der Schweizer Pressezensur zum Opfer gefallen, sagt Markus Schürpf. Der Fotohistoriker betreut Senns Nachlass am Berner Kunstmuseum, und hier liegen auch sämtliche Aufnahmen aus Rivesaltes. Sie zeigen exemplarisch, was man damals von der Judenverfolgung wusste, aber nicht bekannt machen durfte. Und welche Vorsicht, ja Rücksicht bei den Bundesbehörden regierte, wenn es um die Beziehungen zu Deutschland ging.

Die Pressepolitik im Krieg war vor allem Aussenpolitik, und «Neutralität» war eben nicht nur Neutralität, sondern auch ein anderes Wort für die Beflissenheit, den aggressiven Nachbarn nicht mit «Gräuelpropaganda» in der Schweizer Presse zu reizen. Darum durfte keine der Illustrierten mit Senns Bildern einen allzu drastischen Eindruck riskieren. Darum war auch die Frage nach den Urhebern des Elends nicht opportun. Und darum standen Senns Bilder auch nur derart abstrakt für «das Leid», das «der Krieg» über «die Menschheit» bringe. Wer genau diese Leute waren, woher sie kamen, vor wem sie geflohen waren - kein Thema. Und natürlich gab es auch keine Erklärung zu den Gründen der Zensur. Sie lockerte sich erst 1943 massgeblich; von da an konnte die Presse die Nazis und ihre Verbrechen beim Namen nennen.

Derweil stemmten sich in Südfrankreich eine Handvoll Schweizerinnen in den Lagern und Heimen gegen die Katastrophe und riskierten dafür auch ihren eigenen Kopf. Friedel Reiter und ihre Kolleginnen in Rivesaltes hintergingen die Lagerbehörden, um entgegen ihrem Auftrag neben den Kindern auch hungerkranke Erwachsene zu versorgen; sie fälschten Papiere, versteckten Kinder, befreiten sie aus dem Lager und konnten schliesslich auch einige vor der Deportation retten.

Bern allerdings hatte andere Prioritäten. Für die Flüchtlinge gesammelte Kleider und Schuhe blieben wegen Exportbeschränkungen in der Schweiz liegen. Und während das Schweizerische Rote Kreuz vertriebene und verwaiste Kinder «arischer Abstimmung» zu dreimonatigen Erholungsaufenthalten in die Schweiz holte (das waren die legendären «Kinderzüge»), schloss die Fremdenpolizei jüdische Kinder davon ausdrücklich aus. Zu Recht, meinte Rotkreuzchef Hugo Remund: Einmal im Land, seien sie «nicht mehr herauszubringen». Tatsächlich war die Ausländer- und Asylpolitik des Bundes schon vor dem Krieg unverhohlen antisemitisch, und auch der Völkermord an den Juden war nicht Anlass genug, abzurücken vom Kampf gegen die «Überfremdung und Verjudung der Schweiz». So nannte es Heinrich Rothmund, Chef der Polizeiabteilung im Justizdepartement.

Verloren und verraten

Das alles heisst nicht, dass dem Bund die private Flüchtlingshilfe unwillkommen gewesen wäre. Aber nur so lange, wie sie «neutral» blieb, sich der offiziellen Flüchtlings- und Aussenpolitik unterordnete und zudem einen PR-Profit für die Schweiz versprach. Nicht umsonst übernahm das Schweizerische Rote Kreuz im Januar 1942 alle Kinderhilfswerke - es war im Krieg dem General und damit dem Bundesrat unterstellt. Wie viel mehr nun diplomatische als humanitäre Massstäbe zählten, zeigt das Drama, das sich im Winter jenes Jahres abspielte. Frauen der Schweizer Kinderhilfe hatten eine Gruppe Jugendlicher durch Frankreich geschleust, um sie vor den Gaskammern zu retten; die illegale Schlepperei war der einzige Weg, auf dem wiederholt jüdische Kinder evakuiert werden konnten. Doch an der Schweizer Grenze lief diese Gruppe deutschen Soldaten in die Hände. Worauf sich das Rote Kreuz in Bern nicht damit begnügte, die drei Helferinnen zu entlassen - es entschuldigte sich in Berlin für den Vorfall und lieferte gleich auch die Namen der Frauen.

Unter solchen Bedingungen musste die Hilfe zum zivilen Ungehorsam werden. Natürlich kamen in den Reportagen aus Südfrankreich auch die Probleme nicht vor, die die Freiwilligen mit den Behörden hatten. Mehr noch: Mit ihrem Muster aus blinden Flecken sorgte die Zensur dafür, dass sich Senns Fotos im Kleinen genau zu jenem schiefen Bild zusammensetzten, das später so lange den ganzen Blick auf diese Zeit bestimmen sollte: Ja, der Krieg war schrecklich. Aber wir haben getan, was wir konnten.

Obwohl mittlerweile rege erforscht, spielt die private Flüchtlingshilfe in der öffentlichen Debatte um die Schweiz im Krieg nach wie vor kaum eine Rolle. Dabei könnte sie zeigen, dass es damals neben der offiziellen noch eine andere Schweiz gab, eine wirklich humanitäre. Und zudem eine Bevölkerung, die allein zwischen 1942 und 1945 fast 25 Millionen Franken für die Kinderhilfe spendete, Patenschaften übernahm und in Teilen auch gegen die Schliessung der Grenze im Sommer 1942 protestierte. Allerdings zeigt diese Geschichte eben auch, wie viel Mühe sich der Bundesrat und seine Funktionäre machten, die Hilfe zu vereinnahmen und zu verhindern. Edouard de Haller, der Delegierte der Regierung für die Hilfswerke, verspottete im Herbst 1942 die «Welle naiver Grossherzigkeit, die zurzeit in unserem Land grassiert».

Ohnmacht im Rucksack

Am 6. August 1942 berichtet Friedel Reiter in ihrem Tagebuch von Selbstmordversuchen. In Rivesaltes sind die Gerüchte Gewissheit geworden, die Deportationen in die Vernichtungslager angelaufen. «Die Menschen schlucken, was sie gerade haben. Ganze Schachteln Schlafpillen.» Dann die Appelle vom Morgen bis in die Nacht, der Weg zum Bahnhof, die Viehwagen.

Reiters letzter Eintrag stammt vom 25. November. Einmal mehr geht der Wind, er holt die Krankenschwester fast vom Velo auf ihrer Fahrt vom Bahnhof zurück ins Lager. Das ist nun leer. Was sie am nächsten Morgen mitnimmt, ausser ihrem Rucksack, ist das Gefühl der Ohnmacht. 1990 wird Friedel Reiter von Israel als «Gerechte unter den Völkern» geehrt. Sie stirbt 2001 in Basel. Eine Frage hat sie bis zuletzt nicht verlassen: ob sie mehr hätte tun können.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch