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Schweigen darf der Sport nicht

Clubs, Spieler, Funktionäre: Alle müssen zeigen, dass sie etwas lernen aus dem Erdbeben, das uns gerade erschüttert.

Der Sport ist zum Stillstand gekommen. (Bild Getty)
Der Sport ist zum Stillstand gekommen. (Bild Getty)

Noch über Sport schreiben, wenn der Sport schweigt? Der ganze Sport. Der in den grossen Arenen, den wir konsumieren, der weltweit verbreitet wird, der uns begeistert und fesselt und ablenkt, aber manchmal auch anwidert, mit seinen Auswüchsen und Übertreibungen; auch der, den wir selber betreiben, auf Spielplätzen, in Hallen oder auf Pisten, der uns so gut tut, dem Körper, aber auch der Psyche, den wir ganz alleine ausüben können oder zusammen mit anderen.

Er ist doch völlig unwichtig geworden in diesen Zeiten, die uns Angst machen – aber auch solidarisch, weil es um ganz anderes geht, um unsere Gesundheit, um Existenzen, die gefährdet sind, um ganz viele Schicksale.

Die Welt steht still. Nichts mehr findet statt, kann und darf stattfinden, weil wir auch Musik oder Filme nur noch zu Hause und abgeschottet von den anderen anhören oder ansehen dürfen. Den Sport, der uns über Grenzen hinweg verbindet, weil manchmal an einem Tag fast alle über das Gleiche reden, diskutieren und streiten, gibt es nicht mehr, und wir können uns auch nicht mehr austoben oder quälen, ablenken oder geniessen, abends beim Spiel irgendwo mit Freunden, selbst auf einer Wiese nicht mehr, weil wir Abstand halten müssen voreinander, Distanz, wo Nähe so wichtig wäre, weil alles so unheimlich ist, wir die Orientierung verloren haben.

Also totschweigen? Denn in diesen Zeiten haben wir ganz andere Sorgen als zu wissen, ob und wann irgend einmal vielleicht etwas stattfinden kann, ein Turnier, auf das wir uns so gefreut haben und das fest angestrichen war in unserem Kalender für 2020, irgendeinen Meister zu kennen in irgendeiner Sportart, einen Sieger oder eine Siegerin in irgendeinem Rennen.

Es wird nichts mehr so sein, wie es war, sind viele überzeugt und sagen auch, dass es nötig ist, einen Schritt zurück zu machen und uns zu besinnen, weil fast alles so selbstverständlich war. Das gilt auch für den Sport, den Profisport, der jetzt weltweit zum Stillstand gekommen ist. Es wäre gut, wenn die Spirale, die immer weiter drehte, gestoppt wird, nicht nur im Moment.

Den Sport totschweigen, dazu sind wir gezwungen, aber Schweigen darf der Sport jetzt nicht: Er, die Clubs, die Spieler, die Funktionäre und Verbände, sollten zeigen, dass auch sie etwas lernen aus diesem Erdbeben, das uns alle und überall erschüttert.

Es muss sich im Selbstverständnis etwas ändern. Es wird ihn auch nach Corona wieder geben, irgendwann. Der Sport, der uns gut tut sowieso, aber auch jener, der zu einem Spiel von irrwitzigen Millionen geworden ist, wie der Fussball. Vorläufig geht es aber auch bei ihm ums Überleben.

Das ist nach 233 Kolumnen, erst «Espresso», dann «Im Auge», die vorläufig letzte.

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