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Schweizer Überfremdungsangst«Schwarzenbach huldigte einem kulturalistischen Rassismus»

Vor 50 Jahren wurde die Initiative von James Schwarzenbach abgelehnt. Der Abstimmungskampf war erbittert, wie Historiker Patrick Kury erklärt.

Nach der Ablehnung seiner Initiative am 7. Juni 1970 feierte Nationalrat James Schwarzenbach am 1. August auf dem Schlachtfeld von Sempach vor einer grossen Menschenmenge.
Nach der Ablehnung seiner Initiative am 7. Juni 1970 feierte Nationalrat James Schwarzenbach am 1. August auf dem Schlachtfeld von Sempach vor einer grossen Menschenmenge.
Foto: Keystone

Herr Kury, Ende der 1960er-Jahre lancierte James Schwarzenbach eine Initiative gegen «Überfremdung». Wie schätzen Sie ihn ein?

Er hatte grosse Fähigkeiten als politischer Motivator und langjährige Erfahrung als Journalist und Publizist. Als er als Nationalrat der Nationalen Aktion in Erscheinung trat, sah er die Chance, seine erzkonservativen Vorstellungen mithilfe des Themas der Migration umzusetzen.

Der 1911 geborene Schwarzenbach sagte von sich selber, er sei nicht rassistisch gewesen. Trifft das zu?

Niemand gesteht gerne ein, dass er ein Rassist ist. In den Zwischenkriegsjahren gehörte er aber der antidemokratisch und faschistisch ausgerichteten Frontenbewegung an. Schwarzenbach hat sich nie davon distanziert. Man kann sagen, er huldigte einem kulturalistischen Rassismus.

Gibt es Beispiele dafür?

Er bezeichnete etwa Gastarbeiter aus dem Süden als «artfremdes Gewächs», sprach von «braunen Söhnen des Südens» oder titulierte die UNO als «Negerklub».

Schwarzenbach war überzeugt, richtig gehandelt zu haben.

Er hat ein in der Bevölkerung weitverbreitetes Unbehagen aufgegriffen. Das Mass des sozialen Wandels war in dieser Boomphase gross. Einerseits verdoppelte sich dadurch das Einkommen in der Schweiz. Es gab aber auch negative Erscheinungen des Wandels, für die man die Ausländer als verantwortlich ansah. Die Abstimmung über die Initiative, die mit 54 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt wurde, war auch eine Abstimmung «gegen» den rasanten sozialen Wandel.

Schwarzenbach sagte, er hätte zum Anführer einer Massenbewegung werden können, mit einem Marsch auf Bern und einem Umsturzprogramm.

Das lehnt sich an Mussolinis Marsch auf Rom an. Schwarzenbach war antidemokratisch, antimodernistisch, antikapitalistisch, antifeministisch eingestellt und sprach damit gewisse Schichten an. Aber ob er wirklich Massen nach Bern hätte mobilisieren können, bezweifle ich sehr.

Der Abstimmungskampf wurde erbittert geführt. Woran lag das?

Es war der erbittertste Abstimmungskampf nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gab damals wenige so emotionale Themen in der Schweizer Politik. Das lag an der Radikalität der Vorlage. Der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung in der Schweiz sollte auf 10 Prozent begrenzt werden. 1970 betrug der Anteil 17,2 Prozent. 300’000 bis 400’000 Menschen hätten die Schweiz verlassen müssen. Die Initiative provozierte auch das ganze politische, wirtschaftliche und kirchliche Establishment. Schwarzenbach stellte sich gegen alle, was zu einem gewissen Winkelried-Mythos beitrug.

«Er bezeichnete etwa Gastarbeiter als ‹artfremdes Gewächs› oder titulierte die UNO als ‹Negerklub›.»

Patrick Kury

Wie war die Haltung der Gewerkschaften?

Die Gewerkschaften waren gespalten. Sie versuchten lange, die Zuwanderung zu bekämpfen und den Arbeitsmarkt zu schützen. Wegen der Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung funktionierte das nicht mehr. Die Wirtschaft verlangte Arbeiter aus dem Ausland. Schweizer Arbeiter goutierten das nicht, obwohl die Zuwanderung billiger Arbeitskräfte ihnen zum Teil auch den Aufstieg auf der Karriereleiter ermöglichte. Letztlich reihten sich die Gewerkschaften aber ein und bekämpften die Initiative.

Seit wann waren Einwanderung und befürchtete Überfremdung in der Schweiz ein Thema?

Das zog sich durch das ganze 20. Jahrhundert. Der Begriff Überfremdung wurde um 1900 von einem Zürcher Arbeitersekretär geprägt, obwohl der Anteil der Ausländer damals bei 11,6 Prozent lag. Die Zuwanderung hatte nicht zuletzt durch den Bau der Gotthardbahn ab 1872 zugenommen. Durch die Weltkriege sowie in der Zwischenkriegszeit sank der Anteil. Die Fremdenpolizei versuchte, den Anteil tief zu halten. Zudem wurde seit Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr nur die Zahl, sondern auch die Herkunft als störend empfunden, was besonders bei jüdischen Migranten der Fall war. Das trug zur restriktiven Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg bei.

Und nach dem Nein zur Schwarzenbach-Initiative?

Der Ausländeranteil ging wegen der Rezession zurück. Das Anliegen verlor an Dringlichkeit. Danach verlagerte sich die Diskussion zunehmend in den Asylbereich. Mit dem Aufstieg der «neuen» SVP nach 1990 wird mit den Themen Ausländer, Asyl und Einbürgerung permanenter Wahlkampf betrieben. Die Idee des permanenten Wahlkampfs findet sich schon bei Schwarzenbach. Über dessen Sekretär, Ulrich Schlüer, fand sie wohl Eingang in die Strategien der SVP.

Viele Arbeiter waren nur behelfsmässig und abgesondert in Baracken untergebracht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte lange eine Politik der Nicht-Integration vor. Man wollte Ausländerinnen und Ausländer gar nicht integrieren und so verhindern, dass sie sich dauerhaft in der Schweiz niederliessen. Doch in der Realität ging diese Politik nicht auf. Viele der Menschen, die hier arbeiteten, wollten bleiben.

Wie erfolgreich war die Schweiz bei der Integration längerfristig?

Bei der längerfristigen Entwicklung haben wir eine paradoxe Situation. Bei der wirtschaftlichen und sozialen Integration ist die Schweiz im internationalen Vergleich ausgesprochen erfolgreich. Es gibt keine eigentlichen Ausländerghettos wie in Frankreich. Bei der politischen Integration ist sie dagegen rückständig, was nicht zuletzt auf die Einbürgerung und die direkte Demokratie zurückzuführen ist.

«Man wollte Ausländerinnen und Ausländer gar nicht integrieren und so verhindern, dass sie sich dauerhaft in der Schweiz niederliessen.»

Patrick Kury

Über die Hälfte der ausländischen Bevölkerung stammte 1970 aus Italien. Italiener hatten es damals nicht leicht und wurden angefeindet. Wie kam es, dass sie später zu den «Lieblingsausländern» der Schweizer wurden?

Das hängt primär mit dem sozialen und kulturellen Wandel zusammen. Zunehmend wurde die Italianità als fortschrittlicher und erstrebenswerter Lebensstil angesehen. Da Hunderttausende von Schweizern in Italien Ferien machten, fand ebenfalls ein Kulturtransfer statt. Zudem ging der Anteil der Italiener ab 1973 zurück. Und sie konnten zunehmend besser integriert werden. Neue Gruppen kamen in die Schweiz, wie etwa die Tamilen, die teilweise zu Beginn auch heftig kritisiert wurden. Die Akzeptanz wird grösser, je besser man sich kennt.