Schöne Frauen, Kunst und viel Geld

Die Galerie Gmurzynska spielt eine Rolle in der Affäre um angeblich unversteuerte Bilder im Dolder Grand.

Hat die Leitung der Galerie von ihrer Mutter übernommen: Krystyna Gmurzynska.

Hat die Leitung der Galerie von ihrer Mutter übernommen: Krystyna Gmurzynska.

(Bild: Keystone Arno Balzarini)

Michèle Binswanger@mbinswanger

Diskretion ist in der Kunstszene mindestens so wichtig wie im Bankengeschäft. Kein Wunder findet sich niemand, der über die Familie oder die Geschäfte der Gmurzynskas Auskunft geben würde. Die Familie selber hat in ihren fast fünfzig Jahren im Geschäft nie das Rampenlicht gesucht – vielleicht auch deshalb, weil die Galerie damit gross wurde, russische Avantgardekunst aus dem Ostblock in den Westen zu bringen. Nun steht die Galerie unter dem Verdacht, für den Unternehmer Urs E. Schwarzenbach Bilder im Wert von 75 Millionen Schweizer Franken über eine Scheinfirma in die Schweiz importiert zu haben. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Sicher ist: Die Galerie Gmurzynska gehört zu den global wichtigsten Kunstadressen mit besten Verbindungen in die Hochfinanz, die Mode und das Showbusiness: Hedi Slimane, Sylvester Stallone, Karl Lagerfeld, Marc Rich gehören zu den Hausfreunden, zudem verwaltet sie den Nachlass des Künstlers Yves Klein und hat Künstler wie Juan Miró oder Fernand Léger im Programm. Von Anfang an lag die Galerie zudem fest in Frauenhand – Frauen, die mit Raffinesse, Geschäftstüchtigkeit und auffälliger Schönheit gesegnet waren und sind. Die Zürcher Presse singt jedenfalls gerne das Loblied auf die Schönheit der jüngsten Tochter, Isabelle Bscher, die die Geschäfte der Mutter dereinst übernehmen soll.

Russische Avantgarde

Ihren Anfang nahm die Geschichte 1965 in Köln, als die 1923 in Warschau geborene Antonia Gmurzynska die Galerie eröffnete. Von Anfang an spezialisierte sie sich auf die klassische Moderne. Sie setzte auf damals im Westen noch unterbewertete Vertreter der russischen Avantgarde wie Kasimir Malewitsch, Alexander Rodtschenko oder Natalia Gontscharowa und zeigte grosses Geschick darin, Nachlässe osteuropäischer Künstler aufzuspüren. Viele russische Modernisten waren im Ostblock damals wenig angesehen, doch im Westen wuchs das Interesse schnell. Und Antonia war mit ihren weitläufigen Kontakten zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Bald schon gingen Grosssammler wie Thyssen-Bornemisza oder Peter Ludwig in der Galerie Gmurzynska ein und aus. Dass die Werke, die sie akquirierte, mitunter über zweifelhafte Wege in den Westen kamen, störte dabei niemanden. Den Kunstliebhabern ging es darum, die gefährdete Avantgardekunst vor dem Zugriff der russischen Staatsmacht zu retten. Und natürlich gutes Geld zu verdienen.

1994 geriet die Galerie Gmurzynska in die Schlagzeilen. Antonias Tochter Krystyna hatte mittlerweile die Geschäfte der verstorbenen Mutter übernommen und 1990 Mathias Rastorfer als Direktor für die Galerie an Bord geholt.

Im Februar 1994 fand ein Zöllner im Gepäck eines israelischen Passagiers russischer Herkunft auf dem Weg nach Düsseldorf verdächtige Ware. Neben Manuskripten, Drucken, Zeichnungen und Fotos fand er auch zwei handbeschriebene Zettel, auf denen eine gewisse Krystyna Gmurzynska-Bscher dem Ehepaar Chardschijew nach dessen Ankunft in Amsterdam zweieinhalb Millionen Dollar für seinen «Lebensunterhalt» zusicherte.

Als Gegenleistung sollte sie sechs Kunstwerke von Kasimir Malewitsch zur «ewigen Aufbewahrung» übernehmen dürfen. Nikolai Chardschijew war ein russischer Kunstwissenschafter, im Besitz einer der grössten Sammlungen russischer Avantgardekunst, bestehend aus rund 1300 Kunstwerken, vielen Meter Archiv und einer grossen Bibliothek. Als der Zöllner den Schmuggel entdeckte, war der grösste Teil der Sammlung allerdings bereits im Westen. Bis heute besteht der Verdacht, dass Teile des Archivs abgezweigt worden seien. Später erwarb die Galerie aus Chardschijews Nachlass vier weitere Malewitschs für 12,5 Millionen Dollar.

Im Jahr 1993 eröffnete Gmurzynska ein weiteres Standbein in Zug, 2003 kam eine Galerie in St. Moritz dazu. Zwei Jahre später, 2005, gaben Rastorfer und Gmurzynska den Standort Köln ganz auf, dafür eröffneten sie ihre Galerie am Zürcher Paradeplatz. Man habe beim Einzug grosse Investitionen getätigt, um das Gebäude zu sanieren, dafür habe man «vernünftige» Mietkonditionen erhalten, sagten sie bei der Eröffnung zum exklusiven Standort.

Günstige Mehrwertsteuern

Die Schweiz biete ideale Rahmenbedingungen für Kunsthändler, sagten Rastorfer und Gmurzynska ausserdem. Das Land sei gut erreichbar, steuertechnisch günstig und gesetzlich liberal. Vor allem kenne die Schweiz weder ein Folgerecht, das den Künstlern oder seinen Erben eine Gewinnbeteiligung bei Weiterverkauf garantiert, noch die Künstlersozialversicherung noch gravierende Ausfuhrrestriktionen. Ausserdem fielen auch die Mehrwertsteuerabgaben in der Schweiz niedrig aus. Dass nun gegen die Galerie ermittelt wird, weil sie einem Kunden geholfen haben soll, Steuern zu sparen, entbehrt in diesem Licht nicht der Ironie.

Tages-Anzeiger

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