Säntis und Stockhorn im Einklang

Seit 30 Jahren singt Albert Koller im Appenzellerchörli Bern. Er fühlt sich im Kanton Bern zu Hause und trägt doch im Herzen die Appenzeller Kultur.

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Wenn der erste Vorsänger beginnt, dann der zweite folgt und er schliesslich mit dem Chor einsetzt. Wenn sich seine Stimme mit den andern zum Naturjodel zusammenfügt, ohne dass Notenlinien oder Textzeilen sie lenken. Dann empfindet der gebürtige Appenzeller Albert Koller Heimatgefühle. Jeweils am Mittwochabend erklingen die Naturjodel-Klänge aus dem Säntisgebiet – im Berner Restaurant Bahnhof Weissenbühl. Dort trifft sich das Appenzellerchörli Bern, knapp 20 Sängerinnen und Sänger kommen dann aus dem ganzen Kanton Bern zusammen und üben Jodellieder und Naturjodel, oft proben sie dabei auf einen Auftritt hin. Seit 30 Jahren singt Albert Koller mit, und seit gut 20 Jahren ist er der administrative Leiter oder Tätschmeister des Chors. «Es ist eine Herzensangelegenheit», sagt er.

Albert Koller ist ausserhalb von Appenzell auf einem Bauernhof aufgewachsen, sein Vater sei früh gestorben, die Kindheit nicht immer einfach gewesen, erzählt er. Schon früh verliess er des Studiums wegen das Zuhause, er ging nach Bern und kehrte danach nicht zurück. Heute wohnt er mit seiner Frau – auch sie ist im Appenzellerland aufgewachsen – in Schwarzenburg und ist noch etwa dreimal im Jahr im Säntisgebiet anzutreffen, um Angehörige zu besuchen.

Das Appenzellerchörli singt

Längst ist er im Kanton Bern zu Hause, und er gehört auch nicht zu jenen, die eine Rückkehr nach der Pensionierung ins Auge fassen, er möchte im Bernbiet alt werden. Und trotzdem ist da diese enge Verbundenheit mit der Appenzeller Kultur. Für Albert Koller erschliesst sie sich fast ausschliesslich über das Gehör – über die Sprache, den Gesang und die Musik. Schon immer hätten ihn Töne mehr berührt als Bilder, sagt er. Klänge sind nicht an einen Ort gebunden, wer sie mit Heimat verbindet, kann sich überall daheim fühlen. Das gilt auch für Albert Koller. Ob in einem Stall oder auf einer Bühne, ob im Ausland oder in Bern: «Für Appenzeller ist ein Ruggusserli oder ein Zäuerli überall reproduzierbar», sagt er. Natürlich passe der Appenzeller Naturjodel perfekt ins Alpsteingebiet, aber es seien durchaus auch andere «Kulissen» möglich: «Ob Säntis oder Stockhorn ist nicht entscheidend.»

Rote «Liibli»

Das Appenzellerchörli Bern gehört zur Interessengemeinschaft Appenzell-Bern («appenzellbern»). Der Verein ist über 100 Jahre alt und hatte gemäss eigenen Angaben Ende der 1990er-Jahre einen Höchstbestand von rund 250 Mitgliedern. Auch in anderen Kantonen haben sich Appenzeller zu Vereinen zusammengetan. Heute zähle jener im Kanton Bern 156 Mitglieder und 30 Gönner, rund drei Viertel der Mitglieder seien über 65 Jahre alt, sagt Koller. Den Dialekt zu sprechen, ist keine Voraussetzung für eine Mitgliedschaft, «einige reden kein Wort Appenzeller Dialekt».

Vor ein paar Jahren haben sich Chörli und Verein denn auch eine neue Ausrichtung gegeben und die Statuten in die Neuzeit übergeführt: Es ist nicht das alleinige Ziel, in der Fremde unter sich zu sein und zu bleiben, sondern die IG «appenzellbern» soll jenen offen stehen, welche die Volkskultur des Säntisgebiets pflegen und verbreiten möchten. Das Chörli zum Beispiel pflegt jedes Jahr den Austausch mit einem Berner Jodlerclub.

Zum Säntisgebiet zählt «appenzellbern» ausserdem nicht nur das Appenzellerland, sondern auch das Toggenburg, «also all jene mit den roten Liibli», sagt Albert Koller und verweist auf die rote Weste, die sowohl im Toggenburg als auch in Inner- wie Ausserrhoden zur Männertracht gehört. In Bern treffen sich also Leute aus drei Kantonen im gleichen Verein. Vor Ort hingegen verweisen Einwohner aus dem katholischen Innerrhoden und aus dem reformierten Ausserrhoden gerne auf die Unterschiede zwischen ihnen. «Absolut», stimmt Albert Koller zu, «aber die Unterschiede werden desto kleiner, je grösser die Distanz zum Appenzellerland wird, und im Exil spielen sie kaum eine Rolle mehr», sagt er – «bis auf einige gegenseitige Neckereien.»

Wie gut geratene «Goofe»

Wie Albert Koller, der in Schwarzenburg eine Tierarztpraxis führt, haben auch andere «appenzellbern»-Mitglieder die Heimat einst aus beruflichen Gründen verlassen und fühlen sich inzwischen im Kanton Bern zu Hause. «Wir sind keine Heimweh-Organisation.» Mit Heimat hat sein Engagement aber viel zu tun, nämlich mit einer Kultur, die er im Herzen aufgenommen hat und die er mit Gleichgesinnten teilt. «Es ist ein wenig wie eine Familie mit gut geratenen Goofe», sagt er und versichert sich, dass man das Wort Goof nicht etwa abschätzig versteht, sondern im Sinne des Appenzeller Dialekts neutral.

«Für Appenzeller ist ein Ruggusserli oder ein Zäuerli überall reproduzierbar.»


Albert Koller Administrativer Leiter des Appenzellerchörli Bern

Als Naturwissenschaftler weiss er auch um die positive Wirkung des Singens. Es entspanne und löse Glückshormone aus. «Natürlich müssen es nicht Appenzeller Lieder sein. Aber diese sind mir am nächsten, und wenn ich sie mit Freunden und Bekannten singe, verstärkt sich die positive Wirkung.» Alles sei Musik, sagt er, «fast alles». Am Morgen etwa, wenn sie sich in der Tierarztpraxis zu dritt um die Telefonanrufe kümmerten, sei das wie Chorsingen im Team: «Wir wissen, wer wann übernimmt.» Zu Hause jodle eher seine Frau, die ebenfalls im Appenzellerchörli mitmacht. Er selbst spart sich das Singen für Momente auf, in denen es ihm gut geht und er alleine im Auto unterwegs ist.

Ein wichtiger Ort

Kollers Heimat hat auf die nächste Generation abgefärbt. Seine Kinder sprechen sowohl Berner als auch Appenzeller Dialekt. Er selbst habe als «Überlebensstrategie» seine Muttersprache etwas angepasst, sagt Albert Koller, «man will schliesslich verstanden werden». Im Verlaufe des Gesprächs verstärkt sich sein Dialekt jedoch, denn inzwischen ist er nicht mehr alleine damit. Zwar macht das Appenzellerchörli derzeit Sommerpause, doch an diesem Juliabend kommen «appenzellbern»-Mitglieder zum Stamm zusammen.

Nach und nach treffen sie in der Wirtschaft zum Hähli in Thörishaus ein, und wenn man den Wirt sprechen hört, weiss man auch, warum dies ihr Treffpunkt ist. Nicht nur bei seinem Dialekt kommen die Appenzeller Wurzeln zum Ausdruck, sondern auch in der Küche. Jedes Jahr finden hier Appenzeller Wochen mit traditionellem Essen und einem Auftritt von Kollers Chörli statt. «Dieser Ort ist uns wichtig», sagt Koller und schenkt sein Appenzeller Bier ein. Mit der Zeit hat sich ein langer Tisch gefüllt, Albert Koller setzt sich dazu, man isst, trinkt und tauscht sich aus. Am späteren Abend wird es ruhiger am Tisch, schliesslich kurz still, und dann beginnt eine erste Stimme, eine zweite folgt ihr und kurz danach setzen Albert Koller und die andern im Chor mit ein. (Der Bund)

Erstellt: 20.07.2018, 06:42 Uhr

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