Russische Olympiarealitäten

Die Organisatoren von Sotschi brauchen einen fulminanten Finish, sollen nicht nur die Athleten zufriedene Gäste sein.

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Christian Brüngger@tagesanzeiger

Der Chef staunt. Man kann Roger Schnegg verstehen. Erstmals sieht der Direktor von Swiss Olympic die Unterkunft der Schweizer Delegation im Olympiagelände ausserhalb von Sotschi – und hat gleich ein Zweibettzimmer mit den Dimensionen einer kleinen Turnhalle vor sich. Durch die beiden Fenster flutet das Sonnenlicht herein, und Schnegg bietet sich ein Panorama auf das Schwarze Meer. Nur ein Sicherheitszaun trennt dieses helvetische Haus des Sports vom Wasser.

Wer nicht um die bevorstehenden Winterspiele hier in Sotschi wüsste, die in zwei Tagen beginnen, würde sich in einer südländischen Ferienanlage wähnen. Palmen inklusive, versteht sich. Von den Schweizern sind schon 21  Eishockeyspielerinnen im Haus. Die 10 Curler folgen heute, die 25 Eishockeyaner morgen Donnerstag. Zusammen bilden sie über mehrere Zimmer verteilt die sportlichste Schweizer WG in Sotschi. Der Rest des 163-köpfigen Teams ist in der Bergregion rund um Krasnaja Poljana untergebracht, das sich 46 Kilometer oder eine knappe Autofahrstunde entfernt befindet. Eine neue Schnellstrasse und Zuglinie verbindet die Orte.

Weil die Schweizer Eishockeyspielerinnen beim Besichtigungstermin am Trainieren sind, ist das Schweizer Haus eher still. Es strahlt dafür die Frische eines modernen Neubaus aus, wie er ­irgendwo in der Ersten Welt stehen könnte. Nach den Spielen werden sämtliche Athletenunterkünfte im sogenannten Coastal Cluster als Apartments verkauft. Dann dürften auch die Küchen eingebaut sein.

Ein Handy vom Sponsor

An den Wänden im Schweizer Haus hängen bereits PR-Bilder der anvisierten Kundschaft: Junge, gut aussehende Menschen sind darauf zu sehen. Etwas Geld werden sie auch mitbringen müssen. Toll aber dürfte das Wohnen hier werden. Zumindest die (schönen) Models räkeln sich wohlig in den Fotoshop­stuben der Bilder.

Irdischer wirkt die Realität um das Schweizer Team im zweiten Stock. Dort hat sich die Führungsequipe eingerichtet. Laptops stehen auf den Tischen, Umzugsboxen im Gang. In einer Ecke spult eine kleine Kaffeemaschine pflichtbewusst ihren Einsatz ab. Daneben liegen Lindor-Kugeln. In jedem Zimmer haben die Schweizer Heinzelmännchen ebenso ein paar Süssigkeiten auf jedes Athleten-Kissen drapiert. Sie sollen sich schliesslich möglichst heimisch in ihren Temporärzimmern fühlen.

Auch die Hauptsponsoren des IOK haben ein paar Geschenke in einem überbunt-hässlichen Rucksack hinterlassen. Ein Duschgel gehört dazu, ein Nassrasierer oder ein Bierhumpen. Diese Gegenstände werden die Heimreise kaum miterleben. Anders wohl das Handy, welches jeder der rund 2500 Sportler aus 88  Nationen von einem Hauptsponsor erhält. Wer sich an der Eröffnungsfeier am Freitag nämlich selber verewigen will, muss ansonsten die Logos anderer Marken überkleben. Da kann ein neues Handy ganz schön nützlich sein.

Das «Family-Hotel» des IOK ist praktischerweise auch gleich ans Athletendorf angeschlossen und wie alle Sportlerunterkünfte in Gehdistanz und Sichtweite zu den Anlagen. Diese sind nur einige Hundert Meter entfernt und die Wege folglich kurz, was jeden Teilnehmer freuen dürfte. In den Bergdörfern, in denen die Alpinen und Nordischen in einigen Kilometern voneinander entfernt logieren, befinden sich die Skilifte und Loipen in unmittelbarer Nähe. Diese athletenfreundliche Unterbringung erklärt mit, weshalb Russland vor sieben Jahren den Zuschlag erhielt. Auch Schnee liegt genug in den Bergen, seit vor rund einer Woche dicke Flocken vom Himmel fielen. Die prall gefüllten Schneereservoirs dürften darum un­angetastet bleiben.

«Die russischen Gastgeber haben gute Vorarbeit geleistet», lobt Gian Gilli, der Chef de Mission der Schweizer Delegation. Die Unterkünfte der Langläufer und Biathleten bezeichnet er gar als die besten, welche er an Spielen jemals gesehen habe. «Entsprechend mussten nur mehr Kleinigkeiten verbessert werden.» Überhaupt hätten sämtliche Chefs de Mission beim täglichen Austausch mit den Organisatoren nur geringfügige Probleme zu melden: streunende Hunde vor den Athletenunterkünften, Warteschlangen beim Essen oder dreckige Zimmer.

Langsam satteln, schnell reiten

Diese erfreuliche Situation für die Sportler aber bildet nur eine olympische Realität ab. Im Berghub von Krasnaja Poljana, wo 2000 Journalisten unter­gebracht sind, offenbart sich eine andere Situation. Dort wird klar, dass das Jahrhundertprojekt einen unglaublichen Endspurt bis zum Start braucht, damit diese weiteren ausländischen Gäste zufrieden sein werden.

An vielen Hotels wird noch gearbeitet, teilweise finden die Ankömmlinge chaotische Zustände vor. Eine Österreicherin berichtete, dass sie in ihrem Zimmer einen Arbeiter vorfand, der im halb fertigen Raum gerade ein Nickerchen machte. Ein anderer Berichterstatter wurde mitten in der Nacht von einem zweiten Gast geweckt, weil ihm das gleiche Zimmer zugeteilt worden war. Ein Dritter musste aus dem Fenster klettern, weil sich seine Ein- bzw. Ausgangstür nicht mehr öffnen liess. Und wer beim Duschen einzig auf warmes Wasser verzichten muss, gehört je nach Hotel noch zu den Glücklicheren.

Von New York über Paris bis München rapportieren darum die angereisten Medienleute, wie mies diese Prestigespiele des Wladimir Putin doch aufgegleist seien. Was mit Sicherheit stimmt: 24'000 neue Zimmer bauten die Russen in den vergangenen Jahren für ihren Grossanlass und übernahmen sich offensichtlich. Regen im Vormonat führte zu weiteren Verzögerungen.

Wer abends durch Krasnaja Poljana läuft, entdeckt darum immer wieder einmal ein Gefährt mit Matratzen auf der Ablagefläche. Sie finden erst ihren Weg in zahlreiche Hotelzimmer. Dennoch sah sich der Schweizer Berichterstatter vom russischen Bonmot bestätigt, das da heisst: «Wir satteln das Pferd langsam, dafür reiten wir dann umso schneller.»

Auch ein neues Warenhaus wurde beispielsweise in Krasnaja Poljana gebaut. Am Sonntagabend stellte es eine Hülle ohne Innenleben dar. «Das wird auch nach den Spielen niemals fertig sein», dachte sich der Zürcher Gast und fand seine Meinung bestätigt, als am Montagabend ausser Sicherheitsschleusen samt Personal und vielen Schachteln weiterhin nur Leere klaffte. Nur 24 Stunden später aber richteten fast alle Shopbetreiber ihre Artikel ein oder hatten schon geöffnet. Der gute Mann aus der Schweiz rieb sich darum die Augen, wie ein solcher Rush möglich sei.

Dem Wirrwarr aber wird in Krasnaja Poljana trotzdem nicht zu entgehen sein, wie unser Hotelmanager sagt. ­Natürlich wählte er weitaus dezentere Worte für selbe Aussage. Klar ist: Normalerweise eröffnen neu gebaute Hotels gerne erst einmal nur einen Teil ihres Etablissements, damit Abläufe geübt und Fehlerquellen stillgelegt werden können. Dafür aber fehlte in diesem Fall die Zeit.

Mittlerweile allerdings befindet sich die Mehrheit der Gäste auf der Anreise. Unter Vollzeitbelegung werden die Hotelmanager deshalb ihre Equipen einführen und sich darum mit manchem erbosten Kunden beschäftigen müssen.

Hauptroute bereits uneben

Dabei hatte Russlands Präsident Wladimir Putin der Welt mit seinen Spielen gerade beweisen wollen, wie modern und wettbewerbsfähig sein Land inzwischen sei. Will er Krasnaja Poljana, das Anlaufstelle zu verschiedenen Skigebieten ist, jedoch längerfristig auf der Wintertourismuskarte etablieren, benötigt er zusätzliche Mittel zu den 50 Milliarden Dollar. So viel verschlangen diese Spiele.

Denn die Substanz der Infrastruktur ist bescheiden. Die gepflasterte Hauptroute durch die Hotelschlucht beispielsweise ist jetzt schon uneben. An manchen Stellen reisst sie bereits auf. Aber vielleicht muss man sich auch einfach daran erinnern, was hier vor wenigen Jahren existierte: nicht viel mehr als ein Fluss, ein Wald und eine holprige Strasse hinauf in die Berge.

Im russischen Fernsehen berichtete Putin dieser Tage davon, wie er 2001 im Jeep durch die Gegend gefahren sei und sich beim Anblick der Landschaft gesagt habe: Hier sollen einst Olympische Winterspiele stattfinden. Bald beginnen sie.

Tages-Anzeiger

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