Zum Hauptinhalt springen

Dieser Jubel könnte ihn ins Gefängnis bringen

Der Äthiopier Feyisa Lilesa kreuzt bei seinem Lauf zu Marathon-Silber die Arme. Das dürfte das Regime in seiner Heimat nicht gerne sehen.

Mit dieser Geste erinnert Feyisa Lilesa an das Schicksal der Oromo, einer ethnischen Minderheit in Äthiopien.
Mit dieser Geste erinnert Feyisa Lilesa an das Schicksal der Oromo, einer ethnischen Minderheit in Äthiopien.
Reuters

Es war eine kleine Geste, aber sie wird Feyisa Lilesa eine Menge Mut gekostet haben. Als der Äthiopier als Zweiter die Ziellinie des olympischen Marathonlaufs überquert, kreuzt er seine zwei Arme über dem Kopf. Später, als ihm die Silbermedaille überreicht wird, wiederholt er die Geste. Sie dürfte dafür sorgen, dass er nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann.

Lilesa erinnerte mit seinen gekreuzten Armen an das Schicksal der Oromo, einer ethnischen Minderheit in Äthiopien, die laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen vom herrschenden Regime unterdrückt wird. Amnesty International berichtet immer wieder davon, dass Proteste der Oromo brutal niedergeschlagen werden. Zuletzt meldete Amnesty am 8. August mindestens 97 Tote nach Demonstrationen in den Regionen Amhara und Oromia. Lilesa stammt aus Oromia.

«Vielleicht werde ich getötet»

An der Pressekonferenz klagte Lilesa an: «Die äthiopische Regierung tötet die Oromo und nimmt ihnen ihr Land und ihre Rohstoffe. Die Oromo wehren sich dagegen, und ich stehe hinter den Protesten, da ich auch Oromo bin.» Gefragt, warum er die Olympischen Spiele als Plattform nutzte, erklärte er: «Verwandte von mir sind im Gefängnis, und wer über demokratische Rechte redet, wird getötet. Ich hatte das Gefühl, dass ich den Protest unterstützen musste. Wir haben ein riesiges Problem zu Hause – aber in meiner Heimat zu protestieren, ist sehr gefährlich.»

Ob Lilesa nach seiner Aktion wieder nach Äthiopien zurückkehren wird, ist schwer vorstellbar. «Vielleicht werde ich bei meiner Rückkehr getötet», sagte er, «und wenn nicht, werde ich in ein Gefängnis gesteckt. Ich überlege mir, in ein anderes Land zu ziehen.» Stimmen seine Aussagen, dann hätte er nach Schweizer Gesetz Anrecht auf Asyl.

Die Fäuste von 1968

Gemäss Regel 50.3 der Olympischen Charta ist jede «Demonstration oder politische, religiöse oder rassische Propaganda» verboten. Trotzdem hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) bislang nicht reagiert. An der Abschlussfeier im Maracanã war es gar IOC-Präsident Thomas Bach, der Lilesa die Silbermedaille um den Hals hängte und ihn sanft auf den Hinterkopf tätschelte.

So verständnisvoll war das IOC nicht immer. Als 1968 die US-amerikanischen Sprinter Tommie Smith und John Carlos während der Siegerehrung des 200-m-Laufs die Faust als Zeichen ihrer Unterstützung der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung erhoben, wurden sie innerhalb von 48 Stunden von der olympischen Familie ausgeschlossen und nach Hause geschickt. Sie waren danach in den USA schweren Anfeindungen ausgesetzt.

Dieser Protest wurde mit Ausschluss bestraft: Tommie Smith (Mitte) und John Carlos strecken ihre Fäuste in den Himmel von Mexiko-Stadt.
Dieser Protest wurde mit Ausschluss bestraft: Tommie Smith (Mitte) und John Carlos strecken ihre Fäuste in den Himmel von Mexiko-Stadt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch