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Analyse zu «St. Gallen»Reisst euch am Riemen, liebe Junge

Jugendliche lassen in St. Gallen ihren Frust ab – und ernten viel Verständnis. Doch das Narrativ, das Junge zu den Hauptopfern der Pandemie erklärt, ist falsch.

Szene aus der St. Galler Innenstadt am Freitagabend.
Szene aus der St. Galler Innenstadt am Freitagabend.
Foto: Michel Canonica (Keystone)

Was St. Gallen von Freitag bis Sonntag erlebte, hat mit Osterbesinnlichkeit wenig zu tun: erst Krawalle mit Jugendlichen, am Sonntag schliesslich massive Polizeirepression, um erneute Randale zu unterbinden. Ob die Wegweisungen und sonstigen Zwangsmassnahmen der Bedrohungslage angemessen waren, sollte politisch untersucht werden. So oder so muss eine solch exzessive Ausübung des staatlichen Gewaltmonopols die absolute Ausnahme bleiben.

Von längerfristiger Tragweite ist indes die Debatte um die Situation der Jugend. Die Reaktionen in Politik und Medien auf «St. Gallen» gleichen sich: Gewalt sei zwar zu verurteilen, der Frust der Jungen aber verständlich. Schliesslich litten sie besonders unter den Folgen des Lockdown – Vereinsamung, geplatzte Träume, Langeweile, erschwerter Berufseinstieg. Mit viel Pathos brachte es der Jugendpsychologe Felix Hof gegenüber «20 Minuten» auf den Punkt: Es könne nicht sein, dass man mit Reizgas und Gummischrot gegen die zukünftige Generation vorgehe, anstatt ihr zuzuhören.

Dieser Diskurs führt in die Irre. Zunächst einmal sind die Krawallbrüder von St. Gallen nicht als «die Jugend» anzusehen, als Megafone ihrer Generation. Dasselbe gilt für Aktivisten wie die nahe am Verschwörungsmilieu operierende Gruppierung «Mass voll!», die namens der Jugend neuerdings überall Proteste organisiert.

Zu hinterfragen ist sodann das schleichend sich festsetzende Narrativ, wonach die Jungen als die Hauptopfer der Pandemie zu gelten hätten. Zweifellos sind sie auch Opfer, wobei Corona hinsichtlich mancher Probleme eher verstärkend als auslösend wirkte. Beispiel Ausbildung und soziale Mobilität: Schon vor der Pandemie bezogen über 80 Prozent der Studierenden Geld von ihren Eltern. Die Krise hat die Verdienstmöglichkeiten neben dem Studium noch einmal erschwert. Darunter leiden wiederum vor allem Junge aus ärmeren Familien wobei die unteren Einkommensschichten von der Krise sowieso schon schwerer getroffen sind. Solche Zusammenhänge werden bezeichnenderweise eher selten diskutiert, werfen sie für die Politiker doch ungemütliche Fragen auf.

Bequemer ist es, die Teenager um ihr weggebrochenes Partyleben zu bedauern. Doch der Lockdown wird in absehbarer Zeit wieder enden, die vor März 2020 vorhandenen Freiheiten werden zurückkehren. Wegen eines Jahres eingeschränkten Nacht- und Reiselebens von einer «geraubten Jugend» zu reden, ist übertrieben. Und schlichtweg zynisch – angesichts vieler Älterer (und auch Jüngerer), denen das Virus Leben oder Gesundheit genommen hat.

Gewiss, die Jahre zwischen 15 und 25 sind für viele Menschen eine schwierige Zeit. Nicht auszuschliessen, dass sich der Lockdown entwicklungspsychologisch da und dort negativ auswirkt. Umso mehr gebührt unser Respekt der grossen Zahl der Jugendlichen, die mit Ausdauer und Gleichmut diese Krise meistern. Jenen Lauten und allzu Lauten jedoch, die von ihrem Hedonismus auf die Strasse getrieben werden, möchte man ganz altväterisch zurufen, sich doch mal am Riemen zu reissen. Und ihnen sagen, wie alt sie gerade aussehen.

428 Kommentare
    PatZ

    Genau richtig, reist Euch am Riemen Jungs, machmal ist's kein Pony-Hof, aber es wird wieder anders sein.