Zeiger, Zifferblätter und Zahnrädchen

Das Watch Valley im Jura bietet den besten Einblick in die Kunst der Schweizer Uhrmacherei. Laien mit ruhigen Händen können sogar eine eigene Uhr bauen.

Sandra Fernandez führt die Kursteilnehmer in die Kunst des Uhrenmachens ein.  Foto: Marco Zanoni

Sandra Fernandez führt die Kursteilnehmer in die Kunst des Uhrenmachens ein. Foto: Marco Zanoni

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Wir ziehen die weissen Kittel über, klemmen uns die Uhrmacherlupe vor die Brille, stellen den Stuhl auf die richtige Höhe ein und beginnen mit der Arbeit. Das heisst: Zuerst sehen wir gebannt zu, wie Uhrmacherin Sandra Fernandez die winzigen Schräubchen aus dem Automatikuhrwerk dreht und den Rotor demontiert. Sie setzt den Mikroschraubenzieher an und fasst die Teile mit der spitzigen Pinzette. Dann stülpt sie rasch eine Cloche über das Uhrwerk, damit ja kein Stäubchen dazwischengerät.

Jetzt sind wir an der Reihe: Vier Männer mittleren Alters aus der Bau-, der Gastronomie- und der Dienstleistungsbranche wollen das Innenleben eines mechanischen Uhrwerks erforschen. Ohne Lupe vor dem Auge erkennen wir aber nicht einmal den Schlitz der Schrauben. Mit zitternden Fingern versuchen wir dennoch unser Glück. «Nicht wie bei Ikea», mahnt die Uhrmacherin. Sie zeigt, wie man den Schraubenzieher genau halten muss, um nichts zu beschädigen.

Hoch konzentriert entfernen wir Schritt für Schritt Räderwerk, Spiralfeder, Anker und Unruh. Fällt ein Schräubchen zu Boden, muss es gesucht werden, auch wenn das Element noch so klein ist. Da kennt Sandra Fernandez kein Pardon. Das Schräubchen von Hand aufzuheben, ist unmöglich. Dafür sind unsere natürlichen Werkzeuge – die Finger – viel zu grob.

Spuren der Uhrmacher-Bauern

Schon nach kurzer Zeit beginnen die Augen zu schmerzen, wir gönnen uns einen Blick aus dem Fenster. Vor dem Gründerzentrum im Juradorf Le Noirmont, wo sich das Start-up Initium eingemietet hat, erstrecken sich die Weiden und Wälder der Franches Montagnes. Hier haben die Uhrmacher-Bauern im 19. Jahrhundert einen entscheidenden Beitrag zum Aufschwung der Schweizer Uhrenindustrie geleistet. Vor allem im Winter, wenn es in der Landwirtschaft wenig Arbeit gab, haben sie auf ihren Höfen Gehäuse hergestellt und Uhrwerke zusammengebaut. Allein in Le Noirmont soll es 600 von ihnen gegeben haben.

Mathieu Gigandet, Mitbegründer und Chef von Initium, erklärt, wie man noch heute einen ehemaligen Uhrenbauernhof erkennt: an den grossen Fenstern. Die Jurassier waren verschlossene Leute, die keinen Beamten in ihre Werkstatt liessen. So ging die Obrigkeit dazu über, die Steuer nach der Anzahl Fenster festzusetzen, weil sie annahm, dass sich hinter jedem ein Uhrenatelier befand. Um die Steuern tief zu halten, machten die listigen Bauern daraufhin jedoch kurzerhand aus zwei Fenstern eines.

«Die Möglichkeit, 
einen Einblick in die Funktionsweise einer Uhr zu bekommen, ist einmalig.»

Ein Kursteilnehmer

In einem der ehemaligen Ateliers in Le Noirmont ist heute das Museum der Uhrengehäuse untergebracht. Anhand von Originalmaschinen wird hier gezeigt, wie in den letzten 300 Jahren die Boîtes hergestellt worden sind. Im nahen La Chaux-de-Fonds lohnt zudem das mit 4000 Exponaten grösste Uhrenmuseum der Welt einen Besuch. In der Region gibt es aber noch viele weitere Angebote für an Uhren interessierte Touristen. Lohnenswert ist der Uhrenweg in Porrentruy; in Saint-Imier zeigt die Uhrenmarke Longines ihre Geschichte.

Millionenteure Neubauten

Ein weiteres Highlight des Watch Valley entsteht derzeit in Biel, der neben Genf wichtigsten Uhrenstadt der Schweiz. Die Swatch Group investiert hier 150 Millionen Franken in Neubauten für ihre Marken Omega und Swatch, die in Etappen 2018 und 2019 in Betrieb gehen. Sie sollen nicht nur ein Museum für die beiden Marken, sondern auch den ersten Drive-through-Swatch-Store der Welt beherbergen.

Der Höhepunkt einer Reise in die Welt der Uhrmacherkunst bleibt allerdings ein Workshop, in dem man für einen Tag lang selber Uhrmacher sein und am Schluss eine selbst gestaltete Uhr mit nach Hause nehmen kann. Mehrere Ateliers und Institutionen bieten solche Kurse an. Mathieu Gigandet setzt mit seiner Firma Initium ganz auf dieses Geschäft. Noch während des Studiums hatte der Jungunternehmer die Idee entwickelt, unterdessen haben mehrere Hundert Personen bei ihm den Initiationsritus der Uhrmacherei durchlebt und anschliessend aus einem grossen Sortiment an Gehäusen, Uhrwerken, Zifferblättern, Zeigern und Armbändern ihre eigene Uhr zusammengebaut. Mit 2000 Franken ist das ganztägige ­Vergnügen nicht billig. Die Luxusuhren wären jedoch in der Bijouterie fast so teuer. Und im Kurs ist ein Gourmetmittag­essen bei Starkoch Georges Wenger inbegriffen. «Die Möglichkeit, eine persönliche Uhr herzustellen und einen Einblick in ihre Funktionsweise zu bekommen, ist einmalig», sagt der Hotelassistent aus Lausanne, der ­den Uhrenmacherkurs zum Geburtstag geschenkt erhalten hat. Und er erkennt Parallelen zur seiner Branche: «Auch hier machen die Details den Unterschied.»

Tatsächlich sind es Kleinigkeiten, die uns herausfordern. Die winzigen Zahnräder dürfen wir mit der Pinzette nur an den «Armen» greifen, damit die Zähne keinen Schaden nehmen, und die hochsensible Feder sollten wir am besten gar nicht berühren. Als Novizen in diesem diffizilen Geschäft geraten wir bald an unsere Grenzen. Die Versuchung ist gross, mit etwas Druck nachzuhelfen. Doch sofort mahnt Sandra Fernandez: «Forcer ça n’existe pas dans l’horlogerie!» Wenn es gar nicht mehr weitergeht, zeigt die Uhrmacherin aber Nachsicht und eilt mit ihren flinken Fingern und ihren scharfen Augen zu Hilfe.

juradreiseenland.ch

initium.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2017, 18:00 Uhr

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Prächtige Naturerlebnisse

Wer genug hat von der Uhrmacherei, dem bieten sich in der Region zwischen Biel, Neuenburg und dem Jura auch ­prächtige Naturerlebnisse. Eine kleine Auswahl:

Combe Grède: Die Schlucht auf der ­Nordseite des Chasserals lässt sich von Saint-Imier oder Villeret aus durchwandern. Nicht selten begegnet man hier Gämsen oder Murmeltieren. Der anschliessende Blick vom Chasseral über das Mittelland ist atemberaubend.

Etang de la Gruère: Der verträumte See liegt zwischen Tramelan und Saignelégier inmitten eines ausgedehnten Hochmoors. Er ist umgeben von Bergföhren und Moor­birken. Die weichen Böden sind mit Moosen und Heidelbeeren überwachsen. Ein Wanderweg führt rund um den See herum.

Le Doubs: Der Fluss, der in ein bewaldetes Tal ­eingebettet ist, bildet die grüne Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Nur selten führt eine Strasse zum Wasser hinunter, ansonsten geniesst man als ­Wanderer oder Kanufahrer die Einsamkeit.

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