Schwimmende Museen

Auf über 450 Kreuzfahrtschiffen reisen Kunstgegenstände im Wert von Abermillionen Franken mit.

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Schwarzer Rumpf, weisse Aufbauten, rote oder gelbe Schornsteine – so präsentierten sich damals die ersten Oceanliner. Über hundert Jahre lang waren sie die einzigen regelmässigen Verbindungsmöglichkeiten für Menschen zwischen den Kontinenten und auch immer Aushängeschilder für die Kunststile der entsprechenden Zeit, von aussen wie von innen.

Die goldene Ära der luxuriösen Schiffe der 20er- und 30er-Jahre ist besonders gut dokumentiert im Escal’Atlantic, einem in den ehemaligen deutschen U-Boot-Bunkern im französischen Saint-Nazaire eingerichteten Museum. Vor allem Objekte von Bord der legendären French Lines sind hier zu sehen, wie zum Beispiel Lack- und Wandmalereien zeitgenössischer Künstler, ein kompletter Musiksalon, Glasmalereien von Auguste Labouret, Glaskreationen von René Lalique oder fein gearbeitete Wandkoffer von Louis Vuitton.

Kunstliebhaber sind die neuen Kunden

Kunst an Bord war von jeher ein wichtiges Thema. Sie verkörperte den Geist der Zeit, den Chic der jeweiligen Reederei. Mit der Demokratisierung der Kreuzfahrt wurden schnell andere (Kunst-)Töne angeschlagen. Der schon fast legendäre amerikanische Schiffsarchitekt Joe Farcus, der auch den charakteristischen roten Flügelschornstein von Carnival entworfen hat, steht für den Einzug von schrillen Farben, überdimensionalen Skulpturen und Gemälden – Las Vegas eroberte die Kreuzfahrtschiffe. «Die amerikanischen Gäste haben wenig Ferien – sie wollen ihre Zeit nutzen und sofort in ein neues Umfeld eintauchen, um abzuschalten», sagte Farcus.

Viele Reedereien haben erkannt, dass Kunst auch solche Kunden auf die Schiffe bringen kann, die bis anhin keine Kreuzfahrtfans waren. Und so kommunizieren sie es auch. Viele bieten Kunstkurse, Vorträge von Experten, Kunsthistorikern, Treffen und Workshops mit Künstlern oder auch ganze Kunst­themenreisen an.

Kunstexperten stehen Rede und Antwort

Eine besonders gelungene Einrichtung hat Holland America Lines (HAL) mit dem «Rijksmuseum at Sea» kreiert, das sukzessive auf allen Schiffen der HAL-Flotte eingeführt werden soll. Das berühmte Amsterdamer Museum präsentiert sich mit ausgewählten Reproduktionen von Kunstwerken an Bord, hauseigene Experten stehen den Passagieren in Seminaren Rede und Antwort. So schaffe, freut sich der Museumsdirektor, die Cruise auch Neugierde auf sein Museum und Kunst schlechthin.

Tausende von Kunstwerken, Gemälden, Designideen, Fotos oder auch tonnenschweren Skulpturen werden heute an Bord von Kreuzfahrtschiffen präsentiert. Wo früher in den Kabinen billige Nachdrucke bekannter Impressionisten hingen, glänzen heute oft Originallithografien oder Gemälde von jungen Kreativen. Royal Caribbean International hat nach eigenen Angaben die Schiffe mit Kunst im Wert von insgesamt über 120 Millionen Dollar ausgestattet wie die überdimensionale Giraffe mit Schwimmreifen an Deck der «Anthem of the Seas», ein echter Hingucker.

Einige der Werke können an Bord erworben werden

Auch TUI Cruises setzt mit Megakunstwerken Akzente: sei es eine gigantische Sonnenbrille («Mein Schiff 4»), ein überdimensionales Glace-Cornet («Mein Schiff 5») oder die Pinguine und Bären, die von der Reling der Kreuzfahrtdampfer aus das Meer betrachten.

Allein 5700 Objekte umfasst die Kunstsammlung auf der «Mein Schiff 6». Und der Wert der Kunst an Bord des Luxusschiffes Europa 2 befindet sich nach Angaben der Reederei im einstelligen Millionenbereich. Gerhard Richter, David Hockney, Hans Hartung – die Liste der Künstler ist prominent. Zusammengestellt durch internationale Kuratoren, sollen die Werke kein «dekoratives Element» der Architektur sein, sondern Teil des Reiseerlebnisses. Einige der Werke können in der bordeigenen Galerie erworben werden, Auktionen gibt es dagegen nicht.

Von Mickymaus bis Picasso

Ganz im Gegensatz zu fast allen amerikanischen Reedereien. Auf feinstem Papier wird dort zum Champagnerempfang und zur Vorstellung der neuen Kunstkollektionen geladen. Die angebotenen Werke decken denn auch fast sämtliche Geschmäcker ab – von Mickymaus bis Picasso. Im Minutentempo wird die kurz zuvor aufgebaute Galerie von professionellen Auktionatoren Stück um Stück zu oft haarsträubenden Preisen verkauft.

Über die mit diesen Kunst- deals an Bord generierten Umsätze mochte sich auf Anfragen keine Reederei äussern. Eine Journalistin der «Huffington Post» empfand solche Kunstauktionen an Bord vieler Schiffe aber als «the worst place on a cruise ship». Manche der Schiffspassagiere hätten so in wenigen Minuten sehr viel Geld in wenig Wert investiert.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.01.2018, 16:57 Uhr

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