Schwelgen im Luxus der Stille

In Oman hat der Tourismus das Gebirge erreicht. Das Sultanat bewahrt aber ungefilterte Natur und kulturelle Eigenständigkeit.

Grüne Auszeit im Wadi Bani: Hier zu baden, hat fast schon etwas Spirituelles. Foto: Getty Images

Grüne Auszeit im Wadi Bani: Hier zu baden, hat fast schon etwas Spirituelles. Foto: Getty Images

Alexander Kühn@alexkuehnzh

Geht die Sonne nieder über dem Jabal Akhdar in Oman, wirkt die Szenerie, als habe jemand einen riesenhaften Insta­gram-Filter über die Landschaft gelegt. Der weite Himmel leuchtet in Orange, Rosa und Blau. Hart am Kitsch, würde man sagen, wenn das nicht ungefilterte Natur wäre. Wir stehen auf dem Fels­plateau vor dem aus Steinen des umliegenden Gebirges erbauten Hotels Alila und blicken hinaus in die scheinbare Unendlichkeit des Canyons am Fusse des höchsten Gipfels der östlichen Arabischen Halbinsel. Ein frischer Wind geht. Schwer vorstellbar, dass die Temperaturen unten im Tal im Sommer die 50-Grad-Celsius-Marke knacken.

Das luxuriöse Fünfsternhotel Alila Jabal Akhdar auf 2000 m ü. M. würde sich mit seinem weitläufigen Hauptkomplex und den diskret in die Landschaft gepflanzten Einzelunterkünften bestens als Schauplatz für einen James-Bond-Film eignen. Der Held dürfte hier nach erfolgreicher Rettung der Welt mit seiner Liebsten Ferien geniessen, bei Sonnenschein auf einem der grossen Liegebetten im Freien einen Martini trinken. Bond würde endlich zur Ruhe kommen. Denn trotz Infinity-Pool, Spa, hochklassiger Gastronomie und beeindruckender Halle mit Kaminfeuer bleibt die Stille der grösste Luxus dieses wunderbaren Resorts.

Jabal Akhdar heisst zu Deutsch grüner Berg. Und auch wenn auf den ersten Blick nur Fels zu sehen ist, wirkt dieser Jabal Akhdar tatsächlich grün, dank kunstvoll angelegten Terrassengärten rund um die an den Bergflanken klebenden Dörfer. Im Frühjahr blühen die filigranen omanischen Rosen, die wegen ihres intensiven Dufts weitherum bekannt sind und als Rohstoff für die Herstellung von Rosenwasser dienen. Neben Rosen gedeihen in den Gärten auch Tomaten, Knoblauch oder Zwiebeln. Die schlanken Wasserkanäle, Falaj genannt, verlaufen von einer Terrasse zur nächsten und sorgen dafür, dass kein Tropfen des in diesen Breiten besonders wertvollen Nasses verloren geht. Es ist ein Idyll. Doch wie so oft wird das Idyll bedroht. Bauern, die sich die beschwerliche Arbeit an den Berg­hängen antun wollen, werden immer weniger. Trotz Rosenduft.

Durchaus angenehme 36 Grad

Ein neuer Tag, ein neuer Ort: Wir bahnen uns mit dem Geländewagen den Weg durch das Wadi Bani, das wie der grüne Berg drei Autostunden von der Hauptstadt Muscat entfernt liegt. Im Tal hat der Mensch die Natur noch nicht unter Kontrolle gebracht, davon zeugen zahlreiche wegen Gerölls und Überschwemmungsschäden unpassierbare Wegstrecken. Nach dem jüngsten schweren Regenfall war entlang des sonst ausgetrockneten Flussbetts während Tagen gar kein Durchkommen gewesen.

Das Wasser macht den Zauber des Wadis aus, es lässt das Grün spriessen — und es staut sich an manchen Stellen zu kleinen, kristallklaren Seen. Hier zu baden, hat etwas fast schon Spirituelles, selbst wenn man wie ich beim Überqueren des Bachs auf einem Stein ausgleitet und unfreiwillig mitsamt Portemonnaie und Mobiltelefon im Wasser landet. Unser Guide und Fahrer muss schmunzeln, als ich neue Kleider anziehen will. In der omanischen Sonne, es herrschen wegen der Trockenheit durchaus angenehme 36 Grad Celsius, werde sich das Problem innerhalb einer Viertelstunde von allein lösen, sagt er. Also setzen wir uns auf einen Felsblock und verzehren einen Teil unseres Proviants. Den Rest verfüttern wir später einem hungrigen Esel, der sich zu hoch ins Gebirge gewagt hat und uns mit lautem Röhren auf seine Notlage aufmerksam macht. Überhaupt begegnen uns auf der Reise immer wieder Tiere: Ziegen, die tagsüber allein unterwegs sind, weitere Esel, nahe der Sandwüste gemächlich trottende Kamele und einmal sogar eine Antilope, die mit eleganten Sätzen ihre Sprint­qualitäten erprobt.

Zurück im Flachland, machen wir halt in der alten Hauptstadt Nizwa mit dem imposanten Fort aus dem 17. Jahrhundert. Tafeln in der Festung berichten davon, wie man in früheren Zeiten feindliche Heere vom Eindringen in den inneren Ring abhielt: mit siedendem Dattelsirup, der durch Luken gegossen wurde und schlimme Verbrennungen verursachte. Im nahe gelegenen Souk, der aus einem historischen und einem neuen Teil besteht, gibts die Datteln in der uns bekannten Form, dazu Gewürze in grossen Säcken. In der Fleischhalle hängen ganze gehäutete Ziegen. Wir müssen an die schauerliche Szene mit den toten Ziegen in Michael Steiners Film «Sennentuntschi» denken und gehen eilig weiter, zu den Silberarbeiten und Töpferwaren.

Ziegenmarkt in Nizwa: Einheimische Männer tragen die luftige Dishdasha, ein knöchellanges Gewand. Foto: Getty Images

Später trinken wir mit dem Guide im Schatten einer Mauer des Souks Kaffee. Wir erklären ihm mit gespieltem Ernst, dass sich der Europäer angesichts der hohen Temperaturen nun unbedingt auch eine luftige Dishdasha, das landestypische, knöchellange Gewand, zulegen wolle. Im besten Wissen, dass dieses an einem Blonden doch ziemlich seltsam wirken würde.

Eine andere Kleidung als die Dishdasha ist bei einheimischen Männern in Oman eigentlich nicht zu sehen, die Frauen tragen meist Kopftuch und mehr oder weniger züchtige Kleidung. Das Sultanat pflegt seine Traditionen noch immer — und seine Offenheit. Schliesslich war Oman einst ein Knotenpunkt des Welthandels.

Der Alltag ist wohltuend ruhig. Und anders als im Nachbarland Saudiarabien sind die Frauen Teil davon. Im öffentlichen Dienst kommt auf zwei Männer eine Frau. Fortschrittliche Gesetze ermöglichen weiblichen Angestellten auch in der Privatwirtschaft eine gute Karriere. Auf dem Areal der grossen Moschee in Muscat gibt es eine Art Café, in dem zwei freundliche Damen Touristen mit Kaffee und Datteln bewirten, während sie über die Stellung der Frau im nicht von Fanatikern beeinflussten Islam berichten.

Ein 4293 Quadratmeter grosser Gebetsteppich

Die grosse Moschee, benannt nach Sultan Qabus, dem Herrscher des Landes, ist der eindrücklichste unter den Prachtbauten Muscats. Stolz verweist der Führer auf den 8 Tonnen schweren Lüster mit unzähligen Swarovski-Kristallen und den 22 Tonnen schweren, 4293 Quadratmeter grossen Gebetsteppich, dessen Masse nur von einem Exemplar in der neuen Mega-Moschee in Abu Dhabi übertroffen werden. Für das Mauerwerk liess der Sultan 300'000 Tonnen indischen Sandstein verbauen, die Uhren, uns befällt ein wenig Nationalstolz, besorgte sich der Langzeit-Herrscher in der Schweiz, wo er eine ­Ferienresidenz besitzt.

In Muscat hat die Moderne gut sichtbar Einzug gehalten. Das prunkvolle Opernhaus, 2011 nach vier Jahren Bauzeit eröffnet, ist eine Art marmornes Überraschungsei voller Technik. Selbst an Monitore, die in die Lehnen der 1100 Sitze eingelassen sind und auf Arabisch und Englisch den Text der jeweiligen Oper anzeigen, haben die Bauherren gedacht.

Poulet, Gemüse, scharfe Sauce

Elegante Hotels säumen die Meeresbuchten der lang gezogenen Hauptstadt. Eine besonders luxuriöse Herberge ist al-Husn. Die in Hongkong ansässige Shangri-La-Gruppe betreibt das Haus ebenso wie zwei weitere Hotels im Barr al-Jissah Resort. Die grosszügige Anlage bietet das volle Programm für Familien, Wellnessgäste und Konferenzteilnehmer. Al-Husn-Gäste profitieren von einem Privatstrand, der unterhalb der Gärten und der Swimmingpools liegt. Wer hier badet, blickt auf die an eine Mondlandschaft erinnernden vulkanischen Gebirgszüge. Die Zimmer mit grosszügigen Marmor­bädern und Balkonen bieten Weitblick aufs Meer.

Kulinarisch hat das Sultanat vor allem abseits der Touristenpfade einiges zu bieten. Auf dem Fischmarkt von Sib stapeln sich an den Ständen Thun- und Schwertfische. Wer eines der Pracht­exemplare oder einen kleineren Fisch ersteht, kann den Kauf in einem der angrenzenden Restaurants für wenig Geld zubereiten lassen. Da die Regierung Ende der Achtzigerjahre Fangbeschränkungen festlegte, sind die Fischbestände bis heute relativ stabil geblieben.

Wer Glück hat, bekommt Kamel auf den Teller

Die einfachen Imbisslokale entlang der Küstenpromenade in Muscat oder an den Fernstrassen sind empfehlenswert. Ein mit Poulet, rohem Gemüse und scharfer Sauce gefülltes Fladenbrot kostet umgerechnet nicht einmal 3 Franken, kein Vergleich zu den internationalen Hotels, wo die Preise jenen in der Schweiz ähneln. Die Hotelküchen setzen mehrheitlich auf international-arabische oder westliche Gerichte, auch Fisch wird häufig und in sehr guter Qualität angeboten.

Wer traditionelle omanische Gerichte finden will, braucht entweder Glück oder Anschluss an eine lokale Familie. Ein besonderer Leckerbissen soll das fettarme, grobfaserige Fleisch der Kamele sein. Der Geschmack liege irgendwo zwischen Rind und Pferd, heisst es. Ziegenfleisch, wir erinnern uns an die gehäuteten Tiere in Nizwa, steht ebenfalls hoch im Kurs bei den Einheimischen.

Die indische und die pakistanische Küche sind in Oman wegen der grossen Anzahl Gastarbeiter und der geografischen Nähe zu diesen Ländern weit verbreitet. In bester Erinnerung bleibt uns ein Mittagessen in einem kleinen pakistanischen Lokal in den Bergen. Es bestand aus einer Schüssel Linsencurry mit grünen Chilischoten, ofenwarmem Fladenbrot und geviertelten, rohen Tomaten. Nicht irgendwelche Tomaten waren das, sondern leuchtend rote und ungemein aromatische Exemplare, die in der Region gezogen werden. Immer wieder spürten wir nach der Reise ein Verlangen nach diesem simplen Essen. Und natürlich auch nach der Stille auf dem Jabal Akhdar.

Die Reise wurde unterstützt von Travelhouse.

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