Schiff der Schicksale

In der Nacht auf Sonntag jährt sich eine Tragödie, die wie kein anderes Unglück die Menschheit erschütterte, zum 106. Mal. Im Museum in Belfast taucht die Titanic wieder auf.

Einem Schiff nachempfunden, Höhe und Länge entsprechen dem Titanic-Rumpf: Titanic-Museum in Belfast. Foto: Chris Hill

Einem Schiff nachempfunden, Höhe und Länge entsprechen dem Titanic-Rumpf: Titanic-Museum in Belfast. Foto: Chris Hill

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Sie sind einander nie begegnet. Er war, als sie zur Welt kam, schon seit zwei Jahren tot. Doch es gibt ein Schiff, das die Schicksale des jungen Werftarbeiters und des Säuglings in der dritten Klasse miteinander verbindet: die Titanic.

Am 20. April 1910 arbeitete Samuel Scott auf einer Leiter im Trockendock von Harland & Wolff in Belfast, der damals grössten Werft der Welt. Während er Nieten in die Stahlplatten bolzte, glitt er aus, stürzte und blieb mit gebrochenem Schädel liegen. Samuel Scott, das erste von 1500 Titanic-Opfern, wurde nur 15 Jahre alt. Zwei Jahre später, in der Nacht auf den 15. April 1912, rammte der Luxusdampfer auf der Jungfernfahrt im Nordatlantik einen Eisberg und sank. Elizabeth Dean, später Millvina genannt, war mit neun Wochen die jüngste Passagierin an Bord; sie wurde in einen Leinensack gehüllt und in ein Rettungsboot gelegt. Millvina war, als sie 2009 im Alter von 97 Jahren starb, die letzte Überlebende der Titanic.

Ein Jahrhundert liegt zwischen den letzten Tagen von Samuel und Millvina. Zum 100. Jahrestag der Katastrophe Ende März 2012 hat das Titanic-Museum in Belfast die Tore geöffnet, genau an der Stelle auf dem Harland-&-Wolff-Geländes, an der Samuel zu Tode gestürzt war. Wo einst der Titanic-Rumpf zusammengeschweisst und mit jedem erdenklichen Luxus ausgestattet worden war, wächst er heute in architektonisch stilisierter Form aus dem Boden.

Eine nationale Schmach

Nach der Entdeckung des Wracks 1985 durch Robert Ballard, verbunden mit der Bergung von Geschirr, Weinflaschen und allerlei Rostschrott-Devotionalien, und nach der 1997 mit insgesamt elf Oscars geadelten Verfilmung der Tragödie ist die Eröffnung des Belfaster Titanic-Museums der vorerst letzte in einer langen Reihe von Meilensteinen.

Das Desaster, unter dessen Opfern sich auch viele Passagiere und Crewmitglieder aus Belfast befanden, war den Menschen in der nordirischen Hauptstadt so nachhaltig in die Knochen gefahren, dass sie die Erinnerung daran verdrängten. Der Untergang des «unsinkbaren Schiffs» wurde als nationale Schmach empfunden; er habe, so wurde offiziell verlautbart, «eine Wolke der Verzweiflung über die Stadt gebracht». Zudem hat die Krise in der Schiffbau-Branche in den 60er-Jahren auch Harland & Wolff nicht verschont: Weite Teile des Werftgeländes wurden stillgelegt.

Unterdessen hat der Aufschwung den Nordiren wirtschaftlich und moralisch auf die Beine geholfen. Man hat ein neues Selbstbewusstsein entwickelt. Die Titanic wird nicht länger als Unglücksschiff, vielmehr als Zeugnis irischer Schiffsbaukunst wahrgenommen.

Kultdestination

Schuld sind die Briten: «Als die Titanic in Belfast auslief», so das zynische Motto, «war sie noch in einem Stück.» T-Shirts mit dem Aufdruck «Built by Irishmen, Sunk by an Englishman» sind in der Merchandising-Abteilung des Museums ein Verkaufshit. Und der Zusatz «Gebaut von Iren, versenkt von einem Engländer» ist eine Häme auf den britischen Kapitän Edward Smith: Er hatte sein Schiff im Wissen um die Gefahr mit voller Kraft voraus in die Eisbergzone geprügelt.

Innert weniger Jahre mauserte sich das Titanic-Museum in Belfast zur Kultdestination; das Harland-&-Wolff-Gelände, zwischenzeitlich zur Industriebrache vergammelt, avancierte zum angesagtesten Quartier im Osten der Stadt.

Bewusst wird auf Nervenkitzel und Gruseleffekte verzichtet. Die dramatischen Phasen der Tragödie bleiben mit animierten Grafiken allenfalls angedeutet. «Wir wollen mit der Ausstellung nicht den Untergang zelebrieren», sagt Tim Husbands, der Geschäftsleiter des Museums. «Wir wollen nur zeigen, was Belfaster Ingenieure und Handwerker vor hundert Jahren geleistet haben.»

«Wir wollen zeigen, was Belfaster Ingenieure und Handwerker vor hundert Jahren geleistet haben.»Tim Husbands, Geschäftsleiter des Museums

Im Mittelpunkt die Werft. Der schwimmende Jahrhundertmythos. Und sehr viel Symbolik. Das fängt bei der Architektur an: Aussen stösst der Besucher auf eine Rostskulptur, die an das Wrack in 3800 Meter Tiefe erinnert. Die Form des Gebäudes ist einem Schiffsbug nachempfunden, Höhe und Länge entsprechen den Massen des Titanic-Rumpfes. Fürs Fundament wurden 40 000 Tonnen Zement verbaut, etwa die Bruttoregistertonnen des Schiffs. Die Zahl der Besucher, die das Museum fassen kann, passt zur Kapazität der Titanic, die 3300 Passagiere und Crewmitglieder aufnehmen konnte. Der Blick aus der Vogelperspektive auf das umliegende Gelände lässt die vielleicht grösste Seekarte der Welt erkennen: Auf zehntausend Quadratmetern stellt sie die nördliche Hemisphäre dar mit der Route der Titanic auf ihrer ersten und letzten Fahrt.

Innen taucht der Besucher ein in eine sinnliche Erlebniswelt: Auf elftausend Quadratmetern, verteilt auf sechs Stockwerke, ist man mittendrin: im virtuellen Maschinenraum, im Speisesaal 1. Klasse, wo einem auch mal ein Mitpassagier in gespenstischer 3-D-Hologramm-Technologie begegnen kann; und auf der goldenen Treppe, die in elegantem Schwung die Unterwelt im Schiffsbauch mit dem Luxus auf den oberen Decks verbindet.

Ohrenbetäubendes Schreien

Ganz oben wartet ein Gefährt, das aus gutem Grund mit Sicherheitsgurten ausgerüstet ist. Die wilde Fahrt auf der Titanic-Achterbahn führt unter ohrenbetäubendem Kreischen und Hämmern durch verschiedene Phasen einer gigantischen Baustelle, vorbei an Arbeitsplätzen, die schwarzweiss über die Wände flimmern, vorbei an einem riesigen Steuerruder, das wohl eben montiert worden ist.

Der junge Mann dort hinten, der auf der Leiter, das ist doch?.?.?. «Hier ruhen die sterblichen Überreste von Samuel Scott.» So sagt es die Inschrift auf dem Grabstein, der Ende Juli 2011, hundert Jahre und fünfzehn Monate nach dem tödlichen Arbeitsunfall am Rumpf der Titanic, auf dem Belfaster Stadtfriedhof eingeweiht wurde. Die sterblichen Überreste von Millvina Dean waren am 24. Oktober 2009, eingeäschert und im Hafen von Southampton dem Meer übergeben worden - dort, wo ihre Eltern mit dem Baby an Bord gegangen waren.

Die Reise wurde unterstützt von Irland Tourismus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2018, 16:54 Uhr

Tipps und Infos

Titanic-Museum

Anreise Aer Lingus fliegt zweimal täglich, ausser am Sonntag, von Zürich nach Dublin; vom Flughafen erreicht man Belfast in knapp zwei Stunden per Zug oder Bus.

Unterkunft Für Titanic-Touristen ist das Titanic Hotel Belfast die ideale Adresse. DZ ab 150 Franken, opulentes Titanic-Breakfast inbegriffen; www.titanichotelbelfast.com

Titanic-Museum Geöffnet 9 bis 18 respektive 19Uhr (Juni bis August)

Eintritt: Erwachsene 25Franken, Kinder bis 16 Jahre 11Franken; www.titanicbelfast.com

Allg. Infos: Irland Tourismus Zürich; www.ireland.com; www.visitbelfast.com

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