Meer und noch mehr Meer

Die Altstadt von Trapani im äussersten Nordwesten Siziliens wird auf zwei Seiten von Wellen umspült.

Alltag am Wasser auf Sizilien. (Foto: iStock)

Alltag am Wasser auf Sizilien. (Foto: iStock)

Was ist denn das? Liegt heute ein Schiff in den Gassen der Stadt?

Nichts charakterisiert die besondere Lage Trapanis besser als diese überraschende Begegnung in der verkehrsfreien Via Torrearsa, die den schmalen Landsporn mit der Form einer Sichel ziemlich genau in der Mitte durchschneidet. Die Strasse mit dem Marmorbelag beginnt im Norden an der Piazza Mercato del Pesce und endet nach wenigen Hundert Metern an den Quais der Stazione Marittima auf der Südseite, und mittendrin erhebt sich gerade heute wieder die weisse Schiffswand eines imposanten Kreuzfahrtenkahns, der eben am Quai angelegt hat. Wer das zum ersten Mal sieht, fühlt sich von der mächtigen, raumfüllenden Präsenz des Schiffs im Strassenbild irritiert und braucht einen Moment, bis er das nicht mehr als bedrohlich empfindet, sondern als optisches Spektakel.

Auch vom Monte Erice aus, 750 Meter über Meer und mit einer Luftseilbahn zu erreichen, präsentiert sich die unvergleichliche Lage perfekt: Auf dem schmalen Sporn liegt die Altstadt von Trapani, auf zwei Seiten vom Meer bespült, im Norden vom Tyrrhenischen und im Süden vom Mittelmeer, auch wenn, genau genommen, das erste Teil des zweiten ist.

In Trapani darf man sich nicht wundern, wenn einem plötzlich ein Kreuzfahrtschiff die Sicht versperrt. Foto: Udo Bernhart

Die geografisch und topografisch aussergewöhnliche Lage auf dem äussersten nordwestlichen Zipfel von Sizilien blieb nicht lange unbemerkt. So waren sie denn schon alle da, auf dieser dramatisch ins Meer ragenden Sichel, quer durch die Jahrhunderte: die Griechen, die Karthager, die Römer, die Araber, die Normannen und die Spanier. Und heute sind es immerhin noch die Kreuzfahrer aus allen diesen Ländern und noch einigen dazu, die hier für ein paar Stunden haltmachen und irgendwelche Tempel im Umland besuchen.

Keine Speisekarte ohne Fisch

Dabei verdient Trapani mit seinen 70 000 Einwohnern für Leute, die die Exotik lieber im sizilianischen Alltag als in der Archäologie suchen, durchaus einen längeren Aufenthalt. Seine Palazzi, Kirchen und Monumente stammen alle aus vergleichsweise neuerer Zeit – und die Ruinen ebenfalls. Trapanis Sehenswürdigkeiten sind unaufdringlich, fast alltäglich.

Ein besonderes Bijou ist die alte Hauptpost im klassischen Jugendstil, die sich völlig zu Recht Palazzo delle Poste nennt; ihre Schalterhalle schmücken Eisengitter und ein Glasdach mit Blumenmuster – ein prächtiges Stück Architektur! Der massive Torre dell’Orologio in der bereits genannten Via Torrearsa, gleich am Anfang des belebten Corso Vittorio Emanuele und damit der Fussgängerzone, bildet den historischen Eingang zur Altstadt, und die gewaltige Mura di Tramontana schützt auf der Nordseite die Häuser vor den anrollenden Wellen. Vom äussersten Punkt der Sichelspitze aus, dem Torre di Ligny, überblickt man die ganze Küstenlinie, die vom Monte Erice dominiert wird.

Wo immer man steht und geht, das Meer ist nie fern. Auch auf dem Teller. Früher fand der Fischmarkt auf der malerischen Piazza Mercato del Pesce statt, auch sie eine städtebauliche Sehenswürdigkeit; heute spielt er sich direkt im Hafen ab, auf der Piazza Scalo d’Alaggio am Porto Peschereccio, wo an den hölzernen Verkaufstischen von frühmorgens bis mittags ein lebhaftes Schreien und Gestikulieren, Feilschen und Scherzen herrscht, aus dem der Besucher mehr über das sizilianische Wesen erfährt als aus den Vitrinen der Museen. Wenn es gegen Mittag geht, wird die Feilscherei lauter, der Fisch preiswerter – ein tägliches Stück Strassentheater, aus dem authentischen Leben gegriffen. Das Bühnenbild dazu liefert die vertäute Flotte der weiss-blauen Fischerboote. Dahinter erheben sich die blendend weissen Halden der Salinen mit den charakteristischen Windmühlen. Trapani – das ist Meer, wohin immer man schaut. Und dann höchstens noch mehr Meer.

Das mittelalterliche Städtchen Erice indes, oben auf dem Berg, präsentiert sich als Freilichtmuseum mit Kirchen, Burgen und Schlössern, für deren Besuch man am besten ein Pauschalticket löst, weil man sonst an jedem Eingang neu abgezockt wird. Unzählige Trattorien säumen die schmalen Gassen. Das Meer ist auch hier präsent: Eine Speisekarte ohne Fisch und Meeresfrüchte müsste man lange suchen.

Im Strassenbild von Trapani fällt dem Passanten bald mal auf, dass die Häuser im Stockwerkeigentum bewohnt werden. Manchmal ist die Parterrewohnung hübsch renoviert, genau wie der oberste Stock samt seiner einladenden Dachterrasse, doch die beiden Stockwerke dazwischen zerfallen und verrotten. So gibt es denn in der Altstadt zahlreiche Ruinen zu besichtigen, mehr oder weniger malerisch, die nicht zwingend aus der römischen Zeit stammen, aber trotzdem von der Pracht vergangener Perioden zeugen.

Griechen, Karthager, Römer, Araber, Normannen und Spanier waren schon da. Heute kommen die Kreuzfahrer.

Und während am Quai gerade die Pacific Princess oder auch die Princess of the Sea anlegt, dämmert der Sackbahnhof still vor sich hin. Gerade mal drei Triebwagen stehen hier; sie bringen jeden Morgen Pendler in die Stadt. Entschieden regere Nachfrage herrscht bei den Schnellbooten am Quai, die auf die Ägadischen Inseln rauschen, nach Favi­gnana, Levanzo und Marettimo.

Favignana lebte einst vom Thunfischfang, der das Inselleben bestimmte und eine eigene Kultur hervorbrachte, wenn auch eine blutige. Die Fischschwärme wurden in ein ausgeklügeltes Netzlabyrinth gelockt und am Ende mit langen Enterhaken auf die Fischerboote gehievt. Das war die sogenannte Mattanza, was so viel heisst wie Gemetzel. Das Spektakel, für die Einheimischen lange Zeit Existenzgrundlage, gibt es heute praktisch nicht mehr, weil die Thunfische, schon mal durch notorische Überfischung dezimiert, bereits auf offener See von Fangflotten, schwimmenden Fischfabriken, abgefischt werden. Auf Favignana aber lebt die Erinnerung daran weiter. Davon zeugen die grosse Fischfabrik sowie der Souvenirstand.

Aber sowieso, in Trapani gibt es auch einen lang gezogenen Strand! Er nennt sich grossspurig Copacabana und liegt auf der Nordseite der Sichel. Fürs Baden braucht niemand hierherzukommen, dafür gibt es bestimmt verlockendere Destinationen, zum Beispiel die verborgenen Badebuchten der Ägadischen Inseln. Nicht der Strand ist Trapanis Trumpf, sondern die typische Kleinstadtatmosphäre und der Charme der Provinzialität. Nicht umsonst trägt ein dicker, reich illustrierter Wälzer über die Lokalgeschichte den Titel: «Tra Sicilia e Africa», was sowohl die besondere geografische Lage als auch die spezielle Kultur des Landstrichs beschreibt. Und auch auf dem Tisch ist Afrika nie fern: Die Busiate sind eine Pasta mit Griess, und Couscous findet sich auf jeder Speisekarte. Aber nie ohne Fischbrühe.


Wo einst Audrey Hepburn lustwandelte

Wer in Trapani residiert, hat sich mit eher rustikalen Unterkünften zu bescheiden. Am andern Ende von Sizilien, viereinhalb Autostunden entfernt, in Taor­mina hingegen, kommt der Luxustourist reichlich auf seine Kosten. Belmond Hotels (vormals Orient Express) führt hier gleich zwei aussergewöhnliche Herbergen, die zuletzt beim G-7-Gipfel auf Sizilien im Fokus der Weltöffentlichkeit standen.

Das Belmond Grand Hotel Timeo, 1870 erbaut, beherbergte schon Audrey Hepburn und Sophia Loren. Die Filmdiven genossen den Ausblick von der Panoramaterrasse auf den Ätna und die malerische Bucht von Naxos und pflegten gerne im 2,5 Hektaren grossen subtropischen Garten zu lustwandeln. Das Grand­ Hotel und die zum Anwesen gehörende Villa Flora verfügen über 70 Zimmer und Suiten im klassischen mediterranen Stil. Das Traditionshaus ist das beste Hotel Siziliens, das Doppelzimmer kostet ab 590 Euro.

Ein Shuttle fährt die Gäste hinunter zum Schwesterhotel Belmond Villa Sant’Andrea und dem dazugehörenden Strand in der Bucht von Mazzaro.

Die Villa ist vier Jahrzehnte älter als das Grand Hotel Timeo und gehörte einst adeligen Briten. In den 36 Zimmern und 28 Suiten finden sich kostbare Antiquitäten und Gemälde; das Flair einer herrschaftlichen Villa wird mit Liebe zum Detail gepflegt. Neu sind die Cabanas am Strand, in denen sich die Gäste auch einer privaten Spa-Behandlung hingeben können. DZ ab 590 Euro.

Beide Häuser bleiben bis Anfang November geöffnet. www.belmond.com

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