Kreuzfahrt zum guten Gewissen

Die Reederei Costa bekämpft die Verschwendung von Nahrung an Bord – und unterstützt Bedürftige an Land.

Essen für rund 4900 Passagiere: Nicht alles, was aus der Küche der Costa Diadema auf den Tisch kommt, wird verzehrt. Foto: Dominik Buholzer

Essen für rund 4900 Passagiere: Nicht alles, was aus der Küche der Costa Diadema auf den Tisch kommt, wird verzehrt. Foto: Dominik Buholzer

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Unbekümmert jongliert Andres mit Messern, reisst Witze und bereitet nebenbei das Abendessen zu: marinierte Rindfleischwürfel, Gemüse und Fried Rice. Bevor die Passagiere zuschlagen, die erwartungsvoll um den Teppanyaki-Grill sitzen, müssen sie noch eine letzte Nummer des froh gelaunten philippinischen Bordkochs erdulden: Statt die Wurst aus Rührei unter den Reis zu mischen, schneidet er kleine Stücke und katapultiert sie mit dem Messer in die geöffneten Münder der staunenden Zuschauer. Bei einer Mitreisenden verfehlt Andres das Ziel eindeutig, der gelbe Klacks verschwindet im Décolleté der wenig amüsierten Dame.

Das Missgeschick des Entertainers aus Fernost passt überhaupt nicht in die Nachhaltigkeitskampagne, die auf dem Kreuzfahrtschiff Costa Diadema gefahren wird: Die italienische Reederei Costa unternimmt alles, um Nahrung nicht unnötig zu versenken. «Taste don’t waste» heisst es auf den opulenten Buffets im Corona Blu.

Auch in den anderen sechs Restaurants des Costa-Flaggschiffs werden die Passagiere sanft ermahnt, nur so viel zu schöpfen oder zu ordern, wie sie auch essen mögen. «Unser Ziel ist es», sagt Antonio Di Stasio, Food and Beverage Manager der Costa Diadema, «bis 2020 flottenweit 50 Prozent weniger Essensabfälle zu verursachen.» In den eineinhalb Jahren, seit die Aktion «4GoodFood» läuft, hat man die 50 Prozent auf der im Mittelmeer kreuzenden Diadema bereits übertroffen. Die maximal 4900 Passagiere hinterliessen beispielsweise in den Restaurants 20 Prozent weniger Abfall als zu Beginn der Kampagne. Hinter den Kulissen wurden sämtliche Prozesse im Gastronomiebereich optimiert.

In der 100 Meter langen, fensterlosen Bordküche auf Deck 3 arbeiten 227 Leute – vom indischen Spüler bis zum österreichischen Gourmetkoch. Überall stehen Waagen, wo Abfall gewogen und registriert wird: natürliche Überreste wie Knochen oder Muschelschalen, aber auch Rüst- und Kochabfälle. «So können wir festhalten, was wo weggeworfen wird und auf Un­regelmässigkeiten reagieren», sagt Antonio.

Nahrungsmittel für soziale Institutionen

Kollege Luigi Carotenuto packt 15 Koteletts in eine Schale. Die fertig gebratenen Fleischportionen sind Reste vom Mittagessen. «Wir versuchen zwar durch eine exakte Planung, Ausschuss so weit wie möglich zu vermeiden», sagt der Küchenchef der Diadema, «ganz gelingt uns das aber nicht. Die Bedürfnisse der Passagiere sind nicht immer voraussehbar.» Was mal auf den Buffets lag, darf nicht mehr wiederverwertet werden und kommt in den Biomüll. Das gilt jedoch nicht für Gekochtes oder Gebratenes wie Luigis Koteletts, welche die Küche nie verlassen haben. Der Chefkoch schiebt das Schweinefleisch in den Tiefkühler, wo es schockgefroren wird, wie auch Couscous, gemischtes Gemüse oder Fisch.

Seit Dezember 2017 kooperiert Costa mit sozialen Institutionen in der Nähe der wichtigsten Häfen. Anderntags wartet Gianpietro Lepore mit seinem Fiat-Transporter am Quai von Civitavecchia. Aus dem Schlund der Diadema strömen die Passagiere zu den Ausflugsbussen, die sie nach Rom bringen. Seit kurzem erlaubt ein Gesetz, fertig Gekochtes von Bord zu bringen. Gian­pietro lädt 36 Boxen ins Auto, inklusive Koteletts und Couscous. Dann braust er am Jachthafen von Civitavecchia und am Luxusschiff des Playboys Flavio Briatore vorbei zum Jugendheim von Repubblica dei Ragazzi.

Der 79-jährige ehemalige Typograf hatte einen Teil seiner Jugend hier verbracht, vor vier Jahren übernahm er als Freiwilliger die Leitung der Institution. In der malerischen Anlage, die mit den ockergelben Gebäuden und den spitzen Zypressen an die Kulisse eines Visconti-Films erinnert, wohnen 46 Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen und 18 Betreuer. «Unsere Köchin», sagt Gianpietro, «hat am Wochenende frei. Dank der Mahlzeiten von Costa können wir die Lücke überbrücken.» Das Heim lebt vor allem von Spenden. Die 70 Euro pro Kind und Tag, die der Staat bezahlt, reichen auch in Tieflohn-Süditalien nirgends hin. 35 000 Mahlzeiten hat Costa bisher an Einrichtungen wie Repubblica dei Ragazzi verschenkt, auf Civitavecchia und Savona folgen nun auch Institutionen in Palermo, Cagliari, Bari, Barcelona oder Marseille.

Am Abend treffen sich die Experten Luigi und Antonio in der Bordküche. Jetzt geht es nicht mehr um Verschwendung, sondern um das Wohl der Passagiere. Die Brigade hat 16 Teller mit den Gerichten, die heute in den Hauptrestaurants Adularia und Fiorentina zur Auswahl stehen, vorbereitet: von Rindscarpaccio mit Kapern über gegrillte Hühnerbrust mit Bratkartoffeln und Gemüse bis zu Pannacotta mit Beeren. Die Küchen-Capitanos probieren von allen Gerichten, monieren zu wenig Salz in der Suppe oder bemängeln die Käse-Ravioli, die nicht al dente seien. «Wir machen das zweimal am Tag», schmunzelt Antonio, «Sie können mir glauben, ich bin nie mehr hungrig und setz mich nur noch selten freiwillig an einen gedeckten Tisch.» «Buon appetito».

Die Reise wurde unterstützt von Costa Kreuzfahrten, www.costakreuzfahrten.ch. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.08.2018, 17:10 Uhr

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