In Brixen liegt Südtirols Seele

Renaissance und Barock, Palmen und Schnee: Die Alpenhauptstadt 2018 lebt seit je von Gegensätzen.

Kirchenstadt: Der Brixner Dom wurde in seiner heutigen Form 1758 vollendet.

Kirchenstadt: Der Brixner Dom wurde in seiner heutigen Form 1758 vollendet. Bild: Huber Images

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Brixen ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Das sagt selbst Josef Gelmi. Auf die Frage, ob Brixens Vergangenheit tatsächlich grösser ist als seine Gegenwart, antwortet er nur mit einem Wort: «Ja!»

Josef Gelmi hat am Priesterseminar gewartet, einem Ort der Bildung und des Wissens, was hervorragend passt. Denn Gelmi ist so etwas wie ein Gedächtnis der Stadt. Er war von 1973 bis 2007 Professor für Kirchengeschichte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Brixen; seit 1998 ist er Präsident des Diözesanmuseums. Er hat viele Preise und Ehrungen erhalten und diverse Bücher zu Tirols Kirchengeschichte und über Brixen geschrieben. Kurz: Er kennt jeden Stein in Brixen. Samt dem Jahr, in dem er verlegt wurde.

Wer mit Gelmi durch die Brixner Altstadt geht, tut das in einem Tempo, das man von einem Herrn mit Jahrgang 1937 nicht erwarten würde. Pfarrkirche, Bischofskirche, Frauenkirche, Brixens Sakralgebäude im Sauseschritt. Mal legt er einen Zwischenstopp im romanischen Kreuzgang ein, mal im Jahr 990, als der Bischofssitz von Säben nach Brixen verlegt wurde. Die Münsteranlage geht auf das 10. Jahrhundert zurück, so viel bleibt hängen.

Da die Hofburg, «tolle Hochzeit zwischen Renaissance und Barock», sagt Gelmi, dort die Pfarrkirche mit ihren gotischen Spitzbögen. Er weiss, in welcher Wohnung Papst Benedikt und dessen Privatsekretär Georg Gänswein während ihres Aufenthalts vor einem Jahrzehnt logierten und wann die weltliche Herrschaft der Bischöfe, die Brixen letztlich angelegt hatten, endete, nämlich 1803. Er hat auch den Schlüssel für die leider nicht öffentlich zugängliche Bibliothek im Priesterseminar, wo es wirklich noch nach Büchern riecht. Manchmal sagt er nur: «Das steht auch in meinem Reiseführer.» Da steht dann zum Beispiel, dass Brixen nach 1803 von Adligen und Hofbeamten verlassen wurde und zu einer Provinzstadt verkam.

Tourismus hat Leben in die Stadt gebracht

Menschen wie Gelmi sind nicht nur deshalb wichtig, weil sie Zusammenhänge erklären können, statt nur Bruchstücke hinzuwerfen, sondern auch deshalb, weil in ihren Sichtweisen etwas wohltuend Altmodisches mitschwingt. Sie bedienen sich nicht der kaum erträglichen Vermarktungsprosa, die gerade dieser Tage, wenn die Urlauber von nördlich des Brenners gerne ihre Südtiroler Seele bei Kastanienmousse und Törggelen entdecken, noch einmal eine neue Blüte erfährt. Die Gelmis dieser Welt sind glaubwürdig.

Also, Herr Gelmi, bedauern Sie die touristische Entwicklung?

Gelmi sagt: «Nein. Dafür ist jetzt ja Leben hier.»

Er weiss ja noch allzu gut, wie das war, als er 1973 von seinem Studium der Theologie und Kirchengeschichte aus Rom zurückkehrte. In Rom hatte er mit Führungen für deutsche Touristen Geld verdient. Aber in Brixen? «Hier war alles ausgestorben.» Er hat sich die Haltung jener bewahrt, die ihre Heimat lieben, ohne sie zu verklären. Für ihn ist Brixen vor allem eine gemeinhin unterschätzte Kunst- und Kulturmetropole, der es noch nie an Polaritäten mangelte: Klerus und Laien, Renaissance und Barock, alte Hofburg und daneben der futuristische Bau der Tourismusinformation.

Als «vorbildliche Schlüsseldestination zwischen Stadt und Berg» wurde Brixen vom Verein Alpenstadt des Jahres zur Alpenhauptstadt 2018 ernannt. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Brixen in Kombination mit der Plose, dem 2576 Meter hohen Hausberg, inzwischen sogar zu viele Gegensätze bieten soll, als es einem Ort mit 22'000 Einwohnern gut tut. Im südlichen Teil des Domplatzes, «dem schönsten Platz in Tirol», bleibt Gelmi stehen, vor einer kleinen Anlage mit Palmen, Lavendel, Agaven, Olivenbaum. Gelmi meint: «Ein bisschen Toskana. Das hat man absichtlich so gemacht. Unten Palmen, oben Schnee.»

Einige sehen in Brixen gerne eines dieser Zwitterwesen aus mediterranem Lebensgefühl und alpinem Flair, aber wer sich mit Einheimischen unterhält, stellt fest, dass diese Schnittstelle weiter südlich liegt, in Bozen oder Meran. Dafür ist Brixen die südtirolerischste aller Städte, eine, die nach der Säkularisation unter österreichische, bayerische und italienische Herrschaft geriet und sich heute über das Umland und das Stadtzentrum definiert. Drinnen Hofburggarten, draussen Weinberge.

Manchmal ist Brixen aber schlicht noch das, was es einmal war. Am Pfarrplatz, dort, wo die Kirche auf den Kommerz trifft, verkaufen Händler an ihren Ständen Bioapfelringe, Cabernet-Wein, Trüffelöl und Wildschweinspeck. «Die gab es hier auch schon im 19. Jahrhundert», sagt Josef Gelmi.

Anreise: Mit dem Zug über Innsbruck und den Brenner oder über Domodossola und Verona (SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.10.2018, 14:46 Uhr

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