Hungrige Seehunde und ein lachender Seebär

Eine Kreuzfahrt auf holländischen Gewässern ist ein beruhigendes Reise-Erlebnis – und perfekt auf den Geschmack des leicht gehobenen Schweizer Publikums abgestimmt.

Auf der westfriesischen Insel Texel lassen sich hervorragend Strandvögel beobachten. Foto: Eric Martin (Laif)

Auf der westfriesischen Insel Texel lassen sich hervorragend Strandvögel beobachten. Foto: Eric Martin (Laif)

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Oleksy Barbuta bleibt ein gefragter Mann. Schiffsführer Ilja, ebenfalls Ukrainer, bittet den Kapitän auf die Brücke. Die Steven-Schleuse zwischen Watten- und IJsselmeer muss etwas schräg angefahren werden, zumal bei Ebbe. Seebär Barbuta kommandiert das Motorschiff Excellence Allegra, das mit 130 Schweizer Passagieren und 50 Crewmitgliedern aus 13 Nationen durch Hollands Norden fährt. Nach einer Schlaufe über Rotterdam zurück nach Amsterdam gleitet die Allegra durchs eingedeichte IJssel- und Markermeer und wagt sich vorwitzig aufs Wattenmeer hinaus. «Schönes Schiff», lobt der 59-jährige Kapitän.

Die 2011 gebaute Allegra fuhr erst unter der Flagge von TUI und ist nun die zweite Saison fürs Reisebüro Mittelthurgau im Einsatz. Die beachtliche Länge von 135 Metern schränkt die Beweglichkeit ein. «Erinnert mich an meine Zeit als Lastschiffkapitän auf der Donau», schmunzelt Barbuta.

Die Allegra legt 700 Kilometer zurück und passiert neun Schleusen. Manchmal öffnen sich die Tore erst nach einer halben Stunde Wartezeit; es ist viel los auf Hollands Flüssen, Kanälen und Meeren.

In dieser Juliwoche streichelt ein sanfter Wind die Passagiere, die es sich auf dem lang gestreckten Sonnendeck gemütlich machen. Die grossen Wasserflächen und die flunderflache Landschaft mit Deichen und Dämmen, sattgrünen Viehweiden und niedlichen Klinkerhäusern beruhigt.

Nicht immer soll es so unaufgeregt zu- und hergehen. «Der Wind kann auf dem IJssel- und Wattenmeer ganz schön stören», räumt der Kapitän ein. «Bläst er zu stark, flüchten wir in einen Schutzhafen.» Kürzlich verkroch sich das Schiff drei Tage lang in Hoorn. Ohne Schaden für die Kundschaft. Die Twerenbold-Busse, welche die Gäste von der Schweiz zum Einsteigeort Arnheim trugen, folgen dem Schiff treu auf der Strasse. Die Landausflüge konnten trotz Sturmtiefs stattfinden.

Barockschloss und Strandlauf

Carchauffeur Jörg ist stolz auf seinen Schnappschuss. Frühmorgens hat er die Excellence Allegra mit dem weissen Rumpf und dem rostbraunen Unterbau fotografiert, wie sie im Hafen von Kampen friedlich neben einem grünen holländischen Schiff namens Allegro ruhte. Er zeigt das ungleiche Paar an den Bildschirmen im Bus, derweil die Reisegesellschaft zum königlichen Schloss Het Loo rollt. Die Besichtigung der barocken Residenz samt Kutscherei und dem streng symmetrischen Park ist einer von sechs Ausflügen, die von den meisten Passagieren im Paket gebucht wurden.

Schönstes Erlebnis neben dem Besuch des Wohnzimmer-Planetariums von Eise Eisinga aus dem Jahre 1782 im Städtchen Franeker ist die Tagestour nach Texel. Auf der Insel, zwanzig Fährenminuten vom Festland entfernt, nutzen die mobileren Passagiere den freien Auslauf zu einem Strandspaziergang. Auf dem hart gepressten Sand an der Nordsee wimmelt es von Muschelschalen. Ein wohltuendes Gefühl, nach langen Tagen an Bord, im Bus und auf gemächlichen Stadtspaziergängen Wind und Wellen zu spüren und Löffler, Austernfischer und Bachstelzen zu beobachten. Im Naturschutzzentrum Ecomare, wo gestrandete Meeresbewohner aufgepäppelt werden, degradieren Möwen die Seehunde Rob, Karien und Antonius zu Statisten. Bei der Fütterung schnappt ein Vogel Rob den nachlässig aufgefangenen Hering aus der Schnauze, worauf vier weitere Möwen die Schnäbel in den Fisch rammen und das Fleisch in einer spektakulären Flugshow zerfetzen. Der dreiste Raub von Texel wird am Abend zum Tischgespräch auf der Excellence Allegra.

Am Anfang der Reise werden alle ­Passagiere einer fixen Runde zugeteilt. Wir haben in der Sympathielotterie Glück mit Tisch 28. Zwei bodenständige Schwestern aus dem Knonauer Amt und ein weit gereistes Ehepaar aus dem Oberengadin tragen zu einer munteren Unterhaltung bei. Unsere Sechserbande mit einem geschätzten Durchschnittsalter von 58 Jahren gehört zu den Jüngsten an Bord. Flusskreuzfahrten bleiben weiterhin vor allem das Vergnügen von Senioren. «In den Schulferien», sagt Sara Strebel, Cruise-Managerin auf der Allegra, «kann das ganz anders aussehen. Dann steigen auch jüngere Paare und Familien mit Kindern zu.»

Mittelthurgau bietet keine Billigtörns an und garantiert auf den neun Excellence-Schiffen hohe Standards. Die grösseren Kabinen erinnern an sehr komfortable Hotelzimmer. Service und Essen sind hervorragend. Die Menüs sind auf den Geschmack eines leicht gehobenen Schweizer Publikums abgestimmt. Und wer müde vom Ausflug an Bord zurückkehrt, wird mit Feuchttuch und einem Glas Tee begrüsst. «Viel mehr Arbeit auf einem Passagier- als auf einem Frachtschiff», sagt Kapitän Barbuta und bricht in schallendes Lachen aus.

Die Reise wurde unterstützt vom ­Reisebüro Mittelthurgau Fluss- und Kreuzfahrten AG.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2017, 17:53 Uhr

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