«Flugangst kann jeder bekommen»

Rund 30 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer haben Angst vor dem Fliegen. Coach Diederika Tasma erklärt, wie man sie in den Griff bekommt.

Angst vor einem Absturz, Höhenangst, Enge: Die Flugangst hat viele Gesichter. Foto: Getty Images

Angst vor einem Absturz, Höhenangst, Enge: Die Flugangst hat viele Gesichter. Foto: Getty Images

Frau Tasma, was ist eigentlich Flugangst und wie macht sie sich bemerkbar?
Bei Flugangst oder auch Aviophobie handelt es sich um eine Kombination verschiedener Ängste. Das kann zum Beispiel Angst vor Kontrollverlust aufgrund fehlenden Vertrauens in das Flugpersonal oder die Technik sein. Oder man hat soziale Ängste oder Platzangst wegen zu vieler Leute auf zu kleinem Raum oder wegen zu viel Körperkontakt. Auch die Angst davor, Angst zu haben, spielt immer wieder eine wichtige Rolle. Die Flugangst macht sich entsprechend unterschiedlich bemerkbar. Oft beginnt es mit negativen Gedanken: Was ist, wenn das Flugzeug abstürzt? Betroffene Personen sind beispielsweise auch sehr sensibel auf Gerüche und Geräusche an Bord. Es kann zu innerer Unruhe, Herzrasen, Atemnot, Kopfschmerzen oder Schwindel- und Ohnmachtsgefühl führen. Oftmals folgt dann der Griff in die Minibar, man nimmt ein Beruhigungsmittel oder vermeidet das Fliegen komplett.

Leiden viele Leute an Flugangst?
In der Schweiz geht man davon aus, dass rund 30 Prozent der Bevölkerung an Flugangst leiden. Statistisch gesehen, sind die Betroffenen meist zwischen 20 und 50 Jahre alt, da diese Altersgruppe am häufigsten fliegt.

Wer kann Flugangst bekommen?
Flugangst kann jeder bekommen. Ob jemand Vielflieger oder noch nie in einem Flugzeug gesessen ist, spielt dabei keine Rolle. Die Angst vor dem Fliegen beginnt im Kopf. Wir interpretieren Geschichten, die wir von Bekannten hören und in der Zeitung lesen. Oder man hatte selbst ein einschneidendes Flugerlebnis wie Turbulenzen in der Luft, einen Druckabfall in der Kabine oder einen Landeabbruch bei starkem Seitenwind. Der Auslöser muss aber nicht zwingend mit dem Fliegen zusammenhängen. Ursache kann beispielsweise auch erhöhter Alltagsstress sein. Gerade bei Geschäftsreisenden kommt dies immer wieder vor.

«Unser Ziel ist es nicht, die Flugangst in den Griff zu bekommen, sondern sie komplett abzubauen.»Diederika Tasma, Flugangst-Trainerin

Was kann gegen Flugangst unternommen werden?
Es gibt ein paar Tricks, die helfen können: Viel Wasser statt Kaffee trinken, denn Dehydration verstärkt das Schwindelgefühl, und Kaffee wirkt anregend und unterstützt damit die Flugangst. Ablenkung kann ebenso helfen, zum Beispiel mit Musik, einem Film oder einem Gespräch mit dem Sitznachbarn. Bei zunehmender Nervosität kann es auch hilfreich sein, die Crew zu informieren. Wir empfehlen ausserdem die Reservation eines Sitzplatzes in der Mitte oder im vorderen Teil der Kabine, weil es im hinteren Teil der Maschine deutlich unruhiger ist.

Und wenn das nicht hilft?
Dann sollte professionelle Hilfe in Betracht gezogen werden. Wir bieten beispielsweise Flugangstseminare mit ausgebildeten Trainern an, die auch in den Bereichen Coaching und Psychologie geschult sind. Aus unserer Sicht ist es zudem ein Vorteil, wenn die Coaches selbst über Erfahrung in der Fliegerei verfügen, sei es als Pilot, Cabin-Crew-Mitglied oder im Bereich der Technik.

In den Seminaren wird auch technisches Wissen vermittelt. Foto: PD

Wie sieht ein solches Seminar aus?
Wir arbeiten ausschliesslich in kleinen Gruppen oder in Einzelseminaren. So kann optimal auf die Teilnehmer und ihre Ängste eingegangen werden. Zur Förderung des Verständnisses vermitteln wir in dem eintägigen Seminar zuerst die Theorie zu Angst generell sowie zur Flugangst im Speziellen. Danach folgen verschiedene Atem-, Entspannungs- und mentale Übungen, die helfen, Negatives in Positives umzuwandeln. Zudem arbeiten wir mit verschiedenen wissenschaftlich getesteten Methoden, um die Verknüpfungen im limbischen System zu lösen, die für die Flugangst verantwortlich sind. Im zweiten Teil des Seminars besichtigen wir am Flughafen Bern oder St. Gallen-Altenrhein ein Flugzeug. Die Teilnehmer lernen auf diese Weise, das Flugzeug und den Flugbetrieb zu verstehen: Was wird im Cockpit alles gemacht, wie wird im Flugzeug und mit dem Tower kommuniziert, wie funktioniert eine Notausgangstür, welche Geräusche gibt es in einem Flugzeug, was passiert, wenn ein Triebwerk ausfällt, wie viele Turbulenzen halten die Flügel aus etc. Die Maschine wird von innen und aussen genauestens begutachtet, und alle Fragen werden von den anwesenden Flugprofis und Trainern beantwortet.

Wird auch geflogen?
Im Rahmen unseres zweitägigen Seminars wird auch geflogen. Auf einer normalen Linienstrecke geht es in Begleitung des Flugangsttrainers zu einer Destination innerhalb Europas und wieder zurück. Die Teilnehmer sitzen dabei auf einem ganz normalen Platz und durchlaufen den normalen Boarding-Prozess. Die nach dem ersten Tag spürbar verminderte Nervosität tritt hier wieder deutlicher hervor. Aufregung bedeutet aber nicht zwingend Angst. Oftmals ist der Start noch etwas anstrengend, die Teilnehmer beruhigen sich aber relativ schnell. Auf dem Rückweg sind sie im Normalfall schon ziemlich beruhigt und können den Flug sogar geniessen.

Wie erfolgsversprechend ist diese Methode?
Unser Ziel ist es nicht, die Flugangst in den Griff zu bekommen, sondern sie komplett abzubauen. Die langfristige Erfolgsquote des eintägigen Seminars liegt bereits bei 94 Prozent, bei den Zweitagesseminaren sogar bei 96 Prozent. Es kann sein, dass nach dem Seminar gewisse Verknüpfungen im Gehirn noch nicht ganz gelöst sind, dann empfiehlt sich allenfalls noch eine Einzelsitzung mit einem gezielten Training (Travelcontent).

Diederika Tasma ist Flugangsttrainerin, diplomierter Coach, Dozentin und Inhaberin von Tasma Life Balance. Sie verfügt durch ihre langjährige Tätigkeit bei renommierten Fluggesellschaften und an Flughäfen über umfassende Kenntnisse der Fliegerei. www.flugangst-berater.com

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