Auf den Trümmern der Antike

Jenseits des Postkartenidylls überrascht Santorini mit originellen Protagonisten und geheimnisumwitterten Attraktionen.

Kamari an der Ostküste der Vulkaninsel ist kein Ort für den Ferienkatalog, sondern ein authentisches Fischerdorf. Foto: Getty Images

Kamari an der Ostküste der Vulkaninsel ist kein Ort für den Ferienkatalog, sondern ein authentisches Fischerdorf. Foto: Getty Images

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Die Schilfdächer der Sonnenschirme vibrieren im warmen Wind. Auf einem Liegestuhl sitzt eine Frau, sie trägt ein Brautkleid, darüber ein rosa Jäckchen. Die Füsse hat sie im schwarzen, steinigen Sand vergraben. Sie klammert sich an ihre beiden Stofftaschen mit asia­tischem Schriftzug, vor ihr steht eine Kamera auf einem Stativ. Die Frau wartet – ihr Bräutigam ist nirgends zu sehen. Der Strand in Kamari ist menschenleer.

Kamari liegt an einem Zipfel im Südosten der griechischen Vulkaninsel Santorini, das schrille Fira und das hippe Oia scheinen Welten entfernt – in Wirklichkeit liegen sie aber nur an der gegenüberliegenden Küste. Kamari ist kein Postkartensujet. Zwar gibt es auch hier weiss getünchte Häuser mit blauen Fensterläden und Kugeldächern, ja, mit etwas gutem Willen und ein paar Gläsern griechischem Wein wirkt das Fischerdorf gar so etwas wie pittoresk. Doch es klebt nicht wie die Vorzeigeorte der Insel spektakulär am Rande des Kraters, sondern wirkt wie hingepflatscht am Fusse des Berges.

Den Berg zu erklimmen, bedeutet eintauchen in eine andere, vergangene Welt, nur schon wegen der Kapelle, der «Kirche des Lebens», die sich auf halbem Weg befindet. Der Pfad ist nicht sonderlich lang, aber steil, und es fühlt sich gut an, oben angekommen zu sein. Hier oben scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, hier auf fast 400 Metern über Meer, wo sich auf einem Hochplateau erstreckt, was von der antiken Stadt Alt-Thera übrig geblieben ist.

Ein Bänklein zum Überlegen

Die Minoische Eruption des Vulkans von Santorini zerstörte um 1613 vor Christus alle Siedlungen auf der Insel. Alt-Thera entstand im 9. Jahrhundert vor Christus, erkennbar von der antiken Stadt sind Strassen und Ruinen von Bädern, Wohnhäusern und einem Theater.

Unter dieser Stätte, beim Parkplatz, verkauft ein melancholisch dreinblickender Grieche Nüsse, Glace und Wasser. Das Bänklein vor seinem Kiosk eignet sich wunderbar, um sich zu überlegen, wo es jetzt hingehen soll: auf den höchsten Berg Santorinis, den Profítis Ilías. Das würde ungefähr 200 Höhenmeter, eine weitere Stunde wandern und einen giftigen Wind im Haar bedeuten und sich vielleicht so halb lohnen: Zwar befinden sich dort eine militärische Radarstation, ein Kloster und eine TV-Sendeanlage. Wirklich zu sehen gibt es aber nichts ausser gelegentlich vorbeischlurfenden Mönchen oder Eseln, die an den öden Hängen stehen und einen mit grossen Augen mustern. Ausserdem müsste man dann irgendwie nach Pyrgos, einem Dorf in der Mitte Santorinis, gelangen, und der Weg dorthin ist mässig spektakulär. Es würde allerdings – wie auf vielen anderen Pfaden auch – ein Duft in der Luft liegt, der an Vanille und Sonnencreme erinnert. Feigenbäume strömen ihn aus, er macht fast ein bisschen süchtig.

Später von Pyrgos nach Kamari zurückzuwandern, wäre spannender, auf halbem Weg liegt ein Weingut und, noch besser, die einzige Bierbrauerei der Insel. The Santorini Brewing Company hat einen Esel im Logo und macht «hip hoppy kick-ass Ales». Sie schmecken grandios, besser als die gängigen Mythos, Alpha und Fix, und beim Wandern auf griechischen Inseln ist Bier nun mal ein famoser Durstlöscher. Nur ein paar Hundert Meter von der «Donkey experience» entfernt steht die älteste Kirche der Insel, Panagia Episkopi, sie ist – einfach eine weitere Kirche. Es gibt so viele auf den Kykladen, staatliche und private, und ein eigenes Gotteshaus zu bauen, bedeutet Reichtum.

Ist Santorini Atlantis?

Natürlich könnte man in Pyrgos auch in einen Bus steigen und nach Fira fahren – alle Strassen führen nach Fira – und von dort nach Oia wandern, was sich nicht unbedingt wegen des berühmten Sonnenuntergangs lohnen würde, und schon gar nicht, weil man auf diesem Wegstück Teil einer Völkerwanderung ist, sondern wegen einer Buchhandlung namens Atlantis. Taucht man ein in den mit Reiseliteratur, philoso­phischen Werken und tausend anderen Dingen vollgestopften Keller, glaubt man sich in einer anderen Welt. Und das passt so sehr, dass es fast wehtut, denn auf Santorini, besonders beim Wandern entlang des Kraters, kommt man schon dann und wann ins Grübeln: Ist Santorini Atlantis? Ist Atlantis, das mythische Inselreich, heute Santorini? Welche Welt verbirgt sich auf dem Meeresgrund und unter der Erde?

Mit Sicherheit jene von Akrotiri, einer Stadt, die beim Vulkanausbruch vor 2400 Jahren verschüttet worden war. Ausgrabungen sind im Gange, es heisst, über 90 Prozent der Stätte seien immer noch unentdeckt. Der Gang durch dieses gedeckte griechische Pompeji ist atemberaubend, auch, weil man kaum fas­sen kann, in welch gutem Zustand Vasen und Wandbilder leuchten. Und wie wenig bekannt diese Schätze doch sind.

Der kettenrauchende Kapitän

Doch zurück nach Alt-Thera auf dem Hausberg von Kamari: Entscheidet man sich, talwärts zu gehen, hinunter nach Perissa, tut man gut daran, ein wenig Münz im Sack zu haben. Zuerst kauft man dem melancholischen Griechen ein weiteres Wasser ab. Der Abstieg, so steil er auch sein mag, dauert nicht lange. Eine Fressmeile am Meer würde nun ­locken, doch der Perivolos-Strand ist – überfüllt. Er würde fast bis zum nächsten Dorf reichen, in Vlichada wiederum befände sich ein Tomatenmuseum, das an sich sehr empfehlenswert ist.

Die Strandbars von Perissa Beach sind zwar weniger chic, aber angenehmer. Und hier nun kommt das Münz zurück ins Spiel. Nach Kamari zurück führen nur drei Wege. Entweder nimmt man eine lange Busfahrt quer über die Insel auf sich. Oder man wandert noch einmal über den Berg. Zu empfehlen ist allerdings die letzte Möglichkeit: Man kann ins Taxiboot steigen, das einen um den gigantischen Felsen herumfährt, der Perissa und Kamari trennt. Allerdings ist die Fahrt nur bei ruhiger See möglich. Und auch dann zuweilen etwas rau. Sie kostet fünf Euro – oder vier, wenn der kettenrauchende Kapitän des Fischkutters gut gelaunt ist.

Die romantischste aller Inseln

In der etwas heruntergekommenen Kamara Beach Bar, bei einem kühlen Weissen mit Oliven, sieht man der wartenden Braut zu. Und wie der asiatische Bräutigam auftaucht, der sich wie Tausende andere einen Lebenstraum erfüllen will: ein Hochzeitsfoto vor Santorinis Kulisse. Dann begreift man, warum die Griechen sagen, Santorini sei die romantischste aller Inseln, selbst wenn Sommer für Sommer über zwei Millionen Touristen die Insel überfallen.

Weil es auch ein anderes Santorini gibt. Das am Ende des Strandes, dort wo die zweite Geige spielt, und wo sich viele der von weit hergereisten Pärchen keinen Hochzeitsfotografen leisten können. Und sich deshalb auf den Selbstauslöser verlassen müssen. Was so viel ­romantischer sein kann als jede noch so rote Sonne, die über weissen Häusern mit blauen Fensterläden untergeht.

Die Reise wurde unterstützt von Eurotrek. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2018, 19:48 Uhr

Tipps und Infos

Wandern auf Santorini

Anreise Mit der griechischen Aegean Airline ab Zürich via Athen nach Santorini, ab ca. 330 Fr.; ab Mitte Mai bis Mitte Oktober fliegt Edelweiss Air direkt von Zürich nach Santorini.

Wandertouren Zum Beispiel mit Routen­vorschlägen von Eurotrek, das für Santorini eine Wanderwoche anbietet (Niveau: moderat). Weitere Infos: www.eurotrek.ch

Unterkunft 3-Stern-Hotel Glaros in Kamari: sauber, zentral, gutes Frühstück

Weitere Aktivitäten Ausflug auf die Insel Thirassia, die mit ihren beiden ­verschlafenen Häfen, einem Steinstrand und einem Wanderpfad eine wohltuende Abwechslung zum Rummel auf der ­Hauptinsel bietet. Die Wanderung von Akrotiri aus über den Roten Strand zum Leuchtturm Kávos Akrotíri, mit Aussicht auf Oia.

Allgemeine Infos www.santorin-insel.de, www.visitgreece.gr

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