Wo ist mein Koffer?

Der Albtraum jedes Flugreisenden: Man ist angekommen, das Gepäck aber nicht. Wie kann das passieren? Und ist Besserung in Sicht?

Ob sie immer noch auf ihren Koffer wartet? (Foto: iStock)

Ob sie immer noch auf ihren Koffer wartet? (Foto: iStock)

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Hatten Sie nach Ihrer letzten Flugreise noch alle Koffer beieinander? Glückwunsch! Denn glaubt man den Debatten in sozialen Netzwerken und manch spontaner Selbsthilfegruppe beim spätsommerlichen Biergartenbesuch, so grenzt es an ein Wunder, mit all seinen Habseligkeiten wieder daheim angekommen zu sein.

Die Statistik der Luftfahrt- und IT-Organisation Sita, die selbst Logistiklösungen für Airports entwickelt, spricht von 5,73 Gepäckstücken je 1000 Flugreisenden, die 2016 verlustig gingen. Heisst: An der Gepäckausgabe eines Fluges mit 300 Passagieren warten im Schnitt ein bis zwei Reisende vergeblich auf ihren Koffer. Die Wahrscheinlichkeit steigt sogar noch, wenn der Flug einen Zwischenstopp an einem der grossen Drehkreuze wie London-Heathrow, New-York-JFK, Paris-Charles-de-Gaulle oder auch Frankfurt am Main einlegte. Allein an letzterem laufen je nach Passagieraufkommen jeden Tag zwischen 80 und 250 fehlgeleitete Gepäckstücke auf, die auf den richtigen Weg gebracht werden wollen.

Fast die Hälfte der Koffer auf Abwegen findet bei Transferflügen den Weg in den richtigen Flieger nicht. Oft deshalb, weil die Zeit zwischen Landung und nächstem Start knapp bemessen ist. Mit etwas Verspätung kommt jedoch dieses Gepäck meist doch noch am Ziel an, nur sieben Prozent der weltweit zehn Millionen abhanden gekommenen Koffer gelten als unwiederbringlich verloren.

Selber schuld?

Aber wie kann es einem so ergehen wie Frank Elstner, der nach einem direkten Inlandsflug in Berlin ohne seinen Koffer am Flughafen stand? Auch das kann vorkommen, denn 16 Prozent der verlorenen Koffer verlassen den Startflughafen erst gar nicht. Die Gründe fürs Verschwinden von Gepäckstücken sind vielfältig: technische Fehler beim Check-In gehören dazu, abgerissene Gepäckabschnitte, schlechtes Wetter oder schlicht und einfach menschliches Versagen.

Manchmal trifft die Schuld sogar den Reisenden selbst: Wer verbotene Gegenstände transportiert, darf sich nicht wundern, wenn der Koffer einer verschärften Sicherheitskontrolle unterzogen wird und deshalb verspätet ankommt. Auch zu knappes Erscheinen am Check-in-Schalter vor dem Abflug kann dazu führen, dass es zwar der Passagier gerade so, das Gepäck aber nicht mehr zum Flieger schafft. Rucksäcke und Koffer mit Schlaufen oder Haken können auf den Förderbändern leicht hängen bleiben und dadurch fehlgeleitet werden, vom Gepäckband oder Transporter fallen. Sie sollten für den Flug in einer speziellen Schutzhülle verpackt werden.

Immerhin ist die Anzahl fehlgeleiteter Koffer im Vergleich zu 2007 weltweit um 70 Prozent gesunken, von fast 19 auf eben jene 5,73 Gepäckstücke je 1000 Passagiere. Und das, obwohl das Fluggastaufkommen im selben Zeitraum von 2,48 um mehr als die Hälfte auf 3,77 Milliarden Passagiere gestiegen ist. Dank neuer Scanner-Technologien und Prozessoptimierungen ist die Kofferverlustquote auf einem erfreulichen Tiefstand. Doch allein im Jahr 2016 entstanden den Airlines 2,1 Milliarden Dollar an Kosten, etwa um verschlamptes Gepäck zu suchen und zuzustellen oder um Schadenersatz zu leisten.

Ein Chip soll es richten

Um diesen Kostenfaktor weiter zu reduzieren, will die Luftfahrtindustrie eine umfassende Nachverfolgung von Gepäckstücken realisieren, ähnlich der Paketverfolgung von Logistikdienstleistern. Die Mitglieder der International Air Transport Association (Iata), zu welcher die meisten Fluggesellschaften der Welt gehören, wollen künftig die Bewegung jedes Gepäckstücks lückenlos und in Echtzeit nachvollziehen können. Möglich macht dies die drahtlose RFID-Technologie per Mikrochip. Die Funkwellentechnik hat sich in etlichen anderen Alltagsbereichen bereits bewährt, wie etwa beim kontaktlosen Bezahlen mit Geldkarten, sich automatisch aktivierenden Wegfahrsperren für Automobile oder im Bestandsmanagement von Bibliotheken.

Laut Iata-Beschluss 753 muss ab Juni 2018 jedes Gepäckstück an vier vorgeschriebenen Schritten innerhalb des Beförderungsprozesses - beim Check-In, bei der Flugzeugbeladung, beim Flugtransfer zwischen Airlines und bei der Ankunft am Zielflughafen - getrackt werden können. Die Gepäckverfolgung an diesen kritischen Punkten im Reiseablauf soll dabei helfen, Irrläufer und Verspätungen zu vermeiden. Die Fluggesellschaften sollen zudem im Fall eines verlustigen Gepäckstücks schneller in der Lage sein, die notwendigen Massnahmen zu ergreifen, um es wieder zu finden.

Die Hoffnung ist, dass verlorenes Gepäck damit bald der Vergangenheit angehört. Und die Debatten im Internet und den Biergärten können sich wieder den angenehmeren Themen widmen - schönen Urlaubserlebnissen zum Beispiel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2017, 16:34 Uhr

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