Wo die Krise zum Ferienglück wird

Die Tourismusdestination Zypern profitiert von den Problemen der Nachbarn. Europas Kulturhauptstadt Paphos 2017 vereint Strandfeeling und Geschichte.

Hier sagen sich Touristen und die Sonne «Gute Nacht»: Aussichtspunkt neben dem Kastell im Hafen von Paphos. Foto: Laif

Hier sagen sich Touristen und die Sonne «Gute Nacht»: Aussichtspunkt neben dem Kastell im Hafen von Paphos. Foto: Laif

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

«Flüchtlinge haben wir hier keine», sagt der Hotelangestellte. Das meine er nicht böse, fügt er hinzu. Aber froh ist man in Paphos darüber schon. Das Städtchen liegt im griechischen Westen Zyperns und zählt 30'000 Einwohner. Im Osten der geteilten Insel liegen die Türkei, Syrien und der Libanon, im Norden Griechenland. Alles Länder, in denen aus unterschiedlichsten Gründen Chaos regiert und es entweder keinen Tourismus mehr gibt oder die Branche schwer angeschlagen ist.

In Zypern hingegen wächst der Markt: 2016 kamen 3,2 Millionen Gäste. Das sind knapp 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Aus der Schweiz reisten 15 Prozent mehr Touristen an. Tour-Operator TUI Suisse meldet gar eine Steigerung um 35 Prozent. Im neuen Jahr scheint der Boom anzuhalten, heisst es bei der TUI-Pressestelle. Von dieser Entwicklung profitiert auch Paphos, die ehemalige Hauptstadt Zyperns und aktuelle Europäische Kulturhauptstadt. Einst stieg hier der Legende nach die Liebesgöttin Aphrodite aus dem Meer. Später eroberten und plünderten Römer, Araber oder die Kreuzfahrer. Seit 1500 vor Christus kam hier fast jeder einmal vorbei.

Heute reisen vor allem Briten an, die ehemaligen Inselbesetzer – sie machen über ein Drittel aller Touristen aus. Die Gäste aus UK finden über 300 Sonnentage pro Jahr, reichhaltiges Essen, Inselbewohner, die Englisch sprechen, und Strassen, auf denen man links fährt. Untergebracht sind sie oft in Hotels, die im Süden von Paphos am Strand ­liegen.

Traurige Geschichten

Wer in der Stadt unterwegs ist, landet im archäologischen Park von Paphos. Er liegt im touristischen und dennoch dörflich wirkenden Zentrum, direkt am Meer. Eine Sehenswürdigkeit, die auf den ersten Blick aussieht wie eine unaufgeräumte Baustelle. Im Haus des Dionysos blickt man aber von einer Brücke hinunter auf einen Mosaikboden aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. Die millimeterkleinen Steine ordnen sich zu nackten Brüsten und Gewändern. Was muss es für ein erhabenes Gefühl für die Gäste des Palastes gewesen sein, über diese Pracht hinwegzuschreiten.

Aber: Öffentliche Führungen oder Audioguides im archäologischen Park gibt es nicht, Schilder nur vereinzelt.

Die meisten Touristen sind in einer Gruppe angereist. Wer auf eigene Faust unterwegs ist, kann sich im Internet Audioguides herunterladen. Oder hört vor Ort einer Führerin zu, die gerade erklärt, dass dieses junge Paar auf dem Boden die Vorläufer von Romeo und Julia waren: unsterblich ineinander verliebt. Doch hier waren es nicht die Familien der beiden, die sie auseinanderbrachten, sondern ein Missverständnis, das einen Tiger mit blutverschmiertem Schal in der Schnauze beinhaltete. Am Ende waren alle tot und das inoffizielle Motto der griechischen Mythologie – dumm gelaufen – erfüllt. Für das Städtchen Paphos sind diese traurigen Geschichten ein Glücksfall. In den 60er-Jahren wurden die Mosaike von einem Bauern entdeckt und verliehen dem verschlafenen Fischerdorf fortan Bedeutung.

Vom archäologischen Park aus führt eine Strasse den Stadthügel hinauf. Hier begegnet man chinesischen Kleider­läden, Baustellen und Plakaten russischer Investoren. «Paphos hat seine Identität verloren», sagt der Besitzer eines kleinen Hotels am Hang. Er hat sich bereit erklärt, über seine Heimatstadt zu sprechen. «Es gibt unterdessen zu viele Hotels hier», sagt der Unternehmer. Paphos sei eine Massendestination geworden. Die Arbeitsplätze, die der boomende Tourismus bringe, seien bei Zyprioten nicht sehr begehrt. Der Kellner, der uns Kaffee serviert, stammt aus Litauen. Als wir den Hoteldirektor fragen, ob es auch Personen gäbe, die als Flüchtlinge hierherkämen, winkt er ab – das sei in Paphos kein Thema. Warum wir danach fragten? Erst nach einer Weile erwähnt er, dass ein Hotel in der Nachbarschaft einmal habe umgenutzt werden müssen, um Flüchtlinge zu beherbergen. Später seien diese dann in einer anderen Stadt untergebracht worden. Aber das sei schon Jahre her, und seither habe man nie wieder Probleme gehabt. «Wollen Sie nur über Flüchtlinge schreiben?», fragt er, plötzlich aufgebracht. «Die gibt es hier nicht.»

Serviert wird bis zum «Stopp»

Zurück im Zentrum. Hier steht eine kleine Kirche mit klingendem Namen: Die Ayia Kyriaki Chrysopolitissa wurde im 13. Jahrhundert auf den Ruinen der grössten byzantinischen Basilika Zyperns errichtet. Doch berühmt ist sie aus einem anderen Grund: An einer der unscheinbaren Säulen vor der Kirche wurde angeblich der Apostel Paulus während seiner Missionsreise ausgepeitscht. Heute ist die Kirche katholisch, beim offenen Gottesdienst am Nachmittag sind vor allem britische Besucher da.

Die Kirche Ayia Kyriaki Chrysopolitissa: An einer der Säulen soll der Apostel Paulus ausgepeitscht worden sein. Foto: Laif

Am schwarzen Brett hängen zwei Zettel. Einer dankt den Kirchenmitgliedern für Kleiderspenden, die an Flüchtlingskinder gingen. Der zweite bietet Asyl­suchenden juristische Hilfe an. Kontaktperson ist Dolores Savvides, eine pensionierte englische Anwältin, die gemeinsam mit Freiwilligen Flüchtlinge betreut. Aber nach Zypern kommen im Vergleich zu anderen Mittelmeerländern nur wenige Vertriebene. Wer den Touristenrummel satthat, spaziert einfach in die Höhe. Je schlechter das Englisch der Einheimischen, desto besser die Aussicht. Katzen bewachen die abenteuerlichen Treppen. Von einer Bar aus schweift der Blick über Stadt und Meer. Hier sehen sich Einheimische und Fremde den Sonnenuntergang an.

Einen halbstündigen Spaziergang vom Zentrum entfernt liegt das 7 St. Georges. Ein Restaurant, das schon früh Slow Food anbot. Unter einer Pergola voller rosa Blüten erklärt der freundliche Kellner, es werde ein Gang nach dem anderen serviert, bis der Gast «Stopp» sage. Zum Hauswein kommt bald ein Stück Speck, knusprig mit Rosmarin und Thymian angebraten. Es folgt eine Mezzeplatte, bei der sich der Koch an eine mediterrane Variante des Sauerkrauts wagte. Der Abend zerfliesst in der warmen Luft. Dann irgendwann die Kapitulation: «Stopp!» Der Kellner lacht. Herzlich fragt er, ob er ein Taxi bestellen solle. Vielleicht hat Paphos seine Identität ja doch noch nicht verloren.

Die Reise wurde unterstützt von TUI Suisse.

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