Wie Kreuzfahrten weniger verschwenderisch werden sollen

Bei jeder Kreuzfahrt werden riesige Mengen Lebensmittel ins Meer geworfen. Nun gibt es Ideen, wie sich das ändern kann - aber die Gäste müssen mitziehen.

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«Ich habe viele leckere Sachen gegessen», schreibt David Foster Wallace in seiner 1997 erschienenen Kreuzfahrt- und Kreuzfahrer-Erkundung «Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich». Und er zählt auf: «Escargots, Ente, Baked-Alaska, Lachs an Fenchel, einen Pelikan aus Marzipan und ein Omelette mit forensischen Spuren von echten oberitalienischen Trüffeln.» Auf der Mein Schiff 4 gibt es zwar keine Schnecken, aber Hummer-Ravioli. Es gibt keine Pelikane, aber einen Bären aus Marzipan. Nicht essbar, nur Deko. Es gibt auch kein Mitternachts-, aber ein Käsebüffet, auf das sich mancher Stammgast schon von dem Moment an freut, da er an Bord geht.

Wenig ist auf einer Kreuzfahrt so wichtig wie Essen und Trinken. Deshalb gibt es auch auf diesem Schiff sechs Restaurants, dazu diverse Bistros und Bars. Da kann man problemlos ein paar Tage lang jedes Mal woanders speisen. Doch wo jederzeit fast alles verfügbar ist, da wird auch viel weggeworfen. All-inclusive, das ist immer auch Verschwendung. Tui Cruises will das nun ändern und hat sich dafür mit dem Verein «United against Waste» zusammengetan. In einem auf zwei Jahre angelegten Pilotprojekt lässt die Reederei den Abfall aus Küche und Restaurants der Mein Schiff 4 messen und unternimmt erste Schritte, um ihn zu reduzieren. Die Veränderungen will Tui Cruises von 2018 an auf die ganze Flotte übertragen, die Ergebnisse auch der Branche zur Verfügung stellen.

3500 Menschen an Bord verursachen in einer Woche 16 Tonnen Essensabfall Wegen der strengen Hygienevorschriften fällt auf Kreuzfahrtschiffen besonders viel Lebensmittelabfall an. Mehr als 16 Tonnen sind es auf der Mein Schiff 4, in Küchen, Restaurants und der Personalkantine. Das hat eine stichprobenartige Messung im Juni 2017 ergeben. Es ist die Menge, die zusammenkommt, wenn 3500 Menschen sich eine Woche an Bord aufhalten, 2500 Passagiere und 1000 Crew-Mitglieder. «Die genaue Menge ist immer abhängig vom Publikum und vom Fahrtgebiet», sagt Lucienne Damm. Die Politologin war früher als Referentin für den Naturschutzbund (Nabu) tätig, dort brachte sie die Kreuzfahrt aufs Tapet. Im ersten Kreuzfahrt-Ranking des Nabu im Jahr 2011 landete Tui Cruises zusammen mit Aida auf dem letzten Platz. Beide teilten sich die Negativ-Auszeichnung als «Dinosaurier des Jahres», sie wird an Reedereien vergeben, die Schiffe mit besonders hohen Abgasemissionen in ihrer Flotte haben.

Im selben Jahr holte Tui Cruises Lucienne Damm ins eigene Haus, seit sechs Jahren leitet sie dort die Umweltabteilung - und versucht, von innen Veränderungen voranzutreiben. Im jüngsten Nabu-Kreuzfahrt-Ranking belegt die Reederei die Spitzenposition, zusammen mit Hapag-Lloyd, «da sie immerhin einen Stickoxidkatalysator verwenden», wie es in der Begründung des Nabu heisst. Die neueren Schiffe der Tui-Flotte, Mein Schiff 4 bis 6, sind mit einem aufwendigen Abgasreinigungssystem ausgestattet. «Aus Umweltsicht uneingeschränkt empfehlenswert» ist laut Nabu jedoch weiterhin kein einziges Kreuzfahrtschiff in Europa, vor allem, weil alle Reedereien weiter mit Schweröl fahren. «Das Thema Emissionen ist natürlich das sichtbarste und politisch wichtigste», sagt Umweltmanagerin Damm, «aber es gibt noch viele andere Nachhaltigkeitsthemen.» Lebensmittelverschwendung zum Beispiel. Hier kommt Gregor Raimann ins Spiel: gelernter Koch, selbständiger Gastronomieberater, 41 Jahre alt - und auf unappetitlicher, aber wichtiger Mission: Er wiegt Müll. Unten im Müllraum, dort, wo Passagiere sich nicht hin verirren, liegen in einer gelben Tonne Dutzende Rostbratwürste vom Büffet, in der Tonne daneben mischt sich das, was auf den Tellern liegen geblieben ist. Der Inhalt gleicht einem riesigen, nicht mehr ganz frischen Eintopf. Es riecht so, wie es in einem Müllraum eben riecht. «Die Woche hier unten», sagt Raimann, «die erdet mich immer sehr.»

Mit einem Teamkollegen wuchtet er die Tonne auf eine Waage: 102 Kilogramm. Nebenan heben zwei Leute in weissen Ganzkörperanzügen einen Riesenbeutel mit Gemüseschalen und Salatresten hoch, sie kommen nun in den Pulper, eine Maschine, die die Abfälle zerkleinert. Sobald das Schiff mindestens zwölf Meilen vom Ufer entfernt ist, kann der Lebensmittelabfall, geschreddert in kleine Stücke, ins Meer eingelassen werden. «Ins blaue Regal stellen», sagte man früher zu dieser Art von Entsorgung. Glas, Papier, Plastik und Dosen werden an Bord sortiert, gepresst und getrocknet. Wertstoffe, gefährliche Abfälle und Klärschlämme werden an Land abgegeben. Die Entsorgung verantwortet ein sogenannter Umweltoffizier. Die Funktion gibt es auf jedem Schiff der Flotte; neben der Müllentsorgung sind die Offiziere unter anderem für die Abgassysteme und die Abwasseraufbereitung zuständig.

Sich am Brot satt essen, das tut man daheim. Nicht auf Reisen, wo das Essen schon bezahlt ist

Als Gregor Raimann vor 24 Jahren seine Kochlehre im Bistro Käfers in Wiesbaden begann, hat sich keiner gross um Lebensmittelabfälle geschert. «Nach dem Essen haben wir das Büffet abgeräumt.» Was übrig war, wurde weggeworfen. Auch bei der Crew auf der Mein Schiff 4 habe er am Anfang wenig Verständnis für das Problem gespürt. Er hat sich dieses Verständnis erarbeitet. Dass die Crew sensibler wird für das Thema, ist auch insofern wichtig, weil die Messungen ergeben haben, dass in der Crew-Kantine 50 Prozent mehr Essen auf den Tellern liegen bleibt als in den Gäste-Restaurants. Das mag zum Teil der Hektik des Arbeitsalltags geschuldet sein. Dazu komme aber auch, sagt Raimann, dass es in manchen Herkunftsländern der Crew als Statussymbol gelte, den Teller voll zu machen und nicht aufzuessen. Und auch wenn während des Ramadan - viele Crew-Mitglieder sind Muslime - sechs Mal am Tag ein Büffet angeboten wird, tagsüber und nach Sonnenuntergang, wird in der Kantine viel Essen weggeworfen.

Raimann ist ein bodenständiger Typ, der lange und leidenschaftlich reden kann über das Leben im Überfluss, über Lebensmittel, die unabhängig von der Jahreszeit immer im Supermarkt verfügbar sind, über die Entkopplung des modernen Konsumenten vom Ursprung der Dinge. Bevor er an Bord ging, hat er in Krankenhäusern, Kindergärten und im Gefängnis Müll gemessen. Er kennt sich aus in Grossküchen, aber solche Lebensmittelmengen wie in den Schiffsküchen hatte er noch nie gesehen. Und auch nicht so viel Abfall.

Dass Lebensmittel aus dem Lager weggeworfen werden, weil sie das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, kommt gar nicht vor, ergab die erste Untersuchung. Das grösste Problem ist, dass einfach zu viel auf den Tisch kommt. Im Hauptrestaurant Atlantik wurden früher viele Tische, die besonders mittags nicht besetzt waren, mit Brotkörben eingedeckt. Das Brot landete im Müll. Ähnlich im Büffetrestaurant Anckelmannsplatz, wo alles entsorgt werden muss, was nach Restaurantschluss in der Auslage liegt. Die wird bis dahin laufend aufgefüllt, denn auch der letzte Gast soll noch ein volles Büffet vorfinden. Allein im Anckelmannsplatz wurden in einer Woche 6,6 Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Ist das Schiff mit 2500 Passagieren voll besetzt, entspricht das 2,6 Kilogramm pro Person, in nur einem von mehreren Restaurants. Bei der zweiten Messung ein halbes Jahr später waren es schon weniger: 5,5 Tonnen.

Ein paar einfache Veränderungen, heisst es bei Tui Cruises, hätten dazu beigetragen, dass die Abfälle im Büffetrestaurant deutlich zurückgegangen seien. Das Restaurant ist nun testweise durchgehend geöffnet - ein Teil des Frühstücksbüffets kann so auch für das Mittagessen verwendet werden. An der Wok-Station, wo die Gäste sich ihr Gericht selbst zusammenstellen können, stehen kleinere Schalen. Und beim Dessert-Büffet finden die Besucher keine ganzen Kuchen und Torten mehr, sondern geschnittene Stücke und kleine Gläser. Dekoriert wird mit haltbaren und später verwertbaren Lebensmitteln wie Nudelpackungen. Oder mit Plastikgemüse, statt wie früher mit geschnitztem Obst. Brotkörbe werden nur noch zur Hälfte aufgefüllt. «Die Deutschen lieben ja Brot», sagt Gregor Raimann. Doch auf Kreuzfahrten haben die Leute viel bezahlt für die Reise - da bedient man sich dann doch lieber am Filetsteak und an den Garnelen, als sich an Brot satt zu essen.

Womit man bei der Psychologie des Kreuzfahrers ist. Ein bisschen überrascht habe ihn das auf einer Karibikkreuzfahrt schon, sagt Raimann: All die wunderbaren Inseln, die man doch erkunden will. Viele Touristen aber kamen um 11.30 Uhr zurück aufs Schiff, zum Mittagessen.

Kann man die Gäste eigentlich erziehen? Kleine Infotafeln auf den Tischen im Buffetrestaurant erklären, was es mit dem Projekt auf sich hat. «Darf's ein bisschen weniger sein?», steht da. Ältere Passagiere, nachkriegsgeprägt, seien ohnehin schon vorbildlich, sagt Raimann: «Die lassen nichts zurückgehen.» Mit dem moralischen Zeigefinger müsse man vorsichtig sein. «Die Gäste wollen sich erholen und nicht unbedingt mit so etwas beschäftigen im Urlaub.» Und irgendwie kann man ihnen auch schlecht sagen: Esst auf, sonst wird das Wetter schlecht auf Teneriffa. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 18:24 Uhr

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