Es war einmal eine adrette Insel

Fünen in der dänischen Südsee ist eine perfekte Familiendestination. Nicht nur, weil man hier Hans Christian Andersens Spuren folgt.

Erlebte Märchen in Odense: Das Hans-Christian-Andersen-­Museum. Foto: Laif/Keystone

Erlebte Märchen in Odense: Das Hans-Christian-Andersen-­Museum. Foto: Laif/Keystone

Im Märchen von der Schneekönigin hat ein böser Kobold einen Spiegel angefertigt, der alles Schöne verschwinden und alles Schlechte hervortreten lässt. «Die herrlichsten Landschaften sehen darin aus wie gekochter Spinat», tönt es aus dem CD-Player, als wir von der Fähre auf die drittgrösste dänische Insel fahren: Fünen, wo Hans Christian Andersen geboren wurde. Nur verhält es sich auf dem 2985 Quadratkilometer grossen Eiland in der sogenannten dänischen Südsee umgekehrt.

Die Landschaft wirkt wie aus einem Spiegel, der alles besonders nett, hübsch und adrett aussehen lässt. Während wir lauschen, wie die kleine Gerda sich durch eisige Landschaften zur Schneekönigin vorkämpft, schauen wir auf aufgeräumte Felder, putzige Hügel und strohgedeckte Häuschen. Wir sehen gepflegte Höfe, in deren Fenster Lämpchen und Kerzen stehen. Pferdekoppeln ziehen vorbei, weiss getünchte Kirchen mit Treppengiebeln und kleine Dörfer mit Fachwerkhäusern. Alles sieht so heimelig und bullerbühaft aus. Wo sind wir denn hier gelandet?

Zum melancholischen Sound der Märchen Andersens passt diese drollige Landschaft überhaupt nicht, die kugelrunden Hügel und grünen Kuppen. Tritt da gleich ein Teletubby heraus und winkt uns zu?

Wilde Natur gibt es kaum auf Fünen, alles ist kultiviert. Auf den Landstrassen begegnen uns kaum Autos, und wir sehen kaum Menschen vor den Häusern. Die Einsamkeit von Andersens Märchenfiguren, des Zinnsoldaten, des Mädchens mit den Schwefelhölzern, der kleinen Meerjungfrau, erleben wir hier aber physisch. Wir fahren durch leeres Land. Vor vielen Häusern stehen Schilder mit der Aufschrift «Till salg» – «Zu verkaufen».

Niedliche «Fünische Alpen»

Es ist Frühsommer, Nebensaison in Dänemark. Es gibt genügend Parkplätze und freie Tische in den Restaurants, keine Schlangen und ganz viel Ruhe. Der Campingplatz am Strand von Bosore ist wochentags so gut wie leer. «450 Familien haben hier Platz, aber heute sind vielleicht 5 da», sagt die Frau an der Réception. Wir können entspannen, wir müssen die Kinder nicht dauernd zur Ruhe auffordern, wenn sie Fussball spielen und uns ihren Torjubel à la Messi oder Paul Pogba demonstrieren. Das Schwimmbad, der Strand, der Fussballplatz neben der Pferdekoppel, die Trampoline auf dem Spielplatz, wir haben alles fast für uns allein.

Während sich auf anderen dänischen Inseln alles an der Küste drängt, sind hier die Ausflugsorte gleichmässig verteilt. Im Südwesten liegt Faaborg, ein kleines Hafenstädtchen mit buckligem Kopfsteinpflaster, niedrigen alten Häuschen und Stockrosen, die aus den Strassenritzen spriessen. Wir spazieren über die Hügel von Svanninge, die «Fünischen Alpen», die auch wieder übernatürlich niedlich wirken. Auf einem dieser kugelrunden Hügel ruht eine schwarz-weiss gefleckte Kuhherde wie in einem Bilderbuch.

Wir besuchen Schloss Egeskov, ein imposantes Renaissance-Wasserschloss, umgeben von grossen wunderschönen Gärten. Die Anlage ist auf Kinder ausgerichtet, mit einem fantastischen Spielplatz. Ein Pfau stellt sein Rad auf und lässt die Federn erzittern, als wolle er nicht die Weibchen, sondern die verdutzten Kinder beeindrucken. In einem Klanggarten stehen zwischen ballförmigem lila Zierlauch und üppigen Blumen metallene Xylofone und eine Trommel. Ganz zauberhaft. Bis sich der Sohn den Schlägel schnappt. Offenbar unempfänglich für Duft und Schönheit der Vegetation, hämmert er so rauschhaft auf die metallene Trommel ein, als wäre er der Schlagzeuger von Rammstein. Nach Sonnenstrahlen, die über Blüten tanzen, klingt es jedenfalls nicht.

Schweinswale und Seehunde huschen vorbei

Im Norden der Insel wandern wir über Fyns Hoved, das einsame Ende der Insel, wo der Wind die Haare vom Kopf pustet. Wir laufen über eine Anhöhe an der Spitze, stehen dort, von drei Seiten umspült von Meereswasser, und schauen zusammen mit Schafen auf eine arkadische Hügellandschaft. Dann besuchen wir die nahe Forschungsstation Fjord & Bælt in Kerteminde, wo Kinder Meerestiere von dänischen Küsten sehen und anfassen dürfen. «Wie viele Fische seht ihr hier?», fragt die Mitarbeiterin Julie vor einem Becken. Die Kinder tauchen die Hände ins Wasser und scheuchen getarnte Flundern auf, die sich im Sand verbuddelt haben. Dann fischen sie Strandkrabben heraus. «Packt sie mit der flachen Hand, sonst zwicken sie», warnt Julie. Die Kids dürfen auch Tiere füttern; ein riesiger Dornrochen schnappt sich die Heringshappen aus den kleinen Händen. Stundenlang schauen die Kinder im Unterwassertunnel, wie Schweinswale, die einzigen Wale der Ostsee, und Seehunde vorbeihuschen.

Tourismus-Video über Fünen. Video: Youtube

«Guck mal, die Brüder von Elisa!», rufen die Kinder im Naturama in Svendborg, wo fünf Schwäne mit ausgebreiteten Flügeln von der Decke hängen. Nach ein paar Tagen des Märchenhörens beim Autofahren auf Fünen erkennen sie alle Andeutungen zu Andersens Fabeln. Sie lieben das Museum mit den vielen ausgestopften Tieren, von denen sie manche streicheln dürfen. Und wo es aus den Lautsprechern gurgelt oder Wale rufen, in blaues Licht getaucht. «Morgen fahren wir ins Hans-Christian-Andersen-­Museum», versprechen die Eltern. Der Sohn fragt: «Steht der dort ausgestopft?»

Die Reise wurde unterstützt von Visit Denmark und Visit Fyn.

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