Auf der Jagd nach dem Polarlicht

Zu den Höhepunkten in Finnisch-Lappland gehören neben den Nordlichtern ein Besuch bei den Rentieren sowie Ausflüge mit Schneemobil und Schlittenhunden.

Direkter Blick vom Bett in die freie Natur: Das Arctic Treehouse Hotel in Rovaniemi. Fotos: PD

Direkter Blick vom Bett in die freie Natur: Das Arctic Treehouse Hotel in Rovaniemi. Fotos: PD

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«Es ist da, schnell!» Wir packen Kamera und Stativ und stürzen nach draussen. Unser Guide Satu Räisänen zeigt nach oben. Viel mehr als einen diffusen Nebel können wir nicht ausmachen. Doch dann zeichnet sich am sternenklaren Nachthimmel immer deutlicher ein farbiger Schweif ab, der schnell zu einem sattgrünen Regenbogen wächst. Für einen Moment halten wir ergriffen inne und staunen über die wild mäandernde Partikelwolke. «Wenn ihr fotografieren wollt, müsst ihr euch beeilen», sagt Satu, «Nordlichter sind flüchtige Wesen.» Wir bringen das Stativ in Position und versuchen unser Bestes. Um das geheimnisvolle Naturschauspiel (lateinisch Aurora borealis) zu beobachten, sind wir bei minus 15 Grad Celsius mit Schneeschuhen spätabends auf den kleinen, heiligen Berg Pieni Pyhävaara bei Ruka im Nordosten Finnlands gestiegen. Mit guter Aussicht auf Erfolg. Drei Voraussetzungen müssen gegeben sein, um das Polarlicht zu sehen: Dunkelheit, wolkenloser Himmel, eiskalte Witterung. Auf dem Berggipfel haben wir in einer Hütte Feuer entfacht, erhitzten Beerensaft getrunken und auf den grossen Moment gewartet. Polarlichtereignisse, so erfahren wir, sind in ganz Finnland zu beobachten – im Süden allerdings nur etwa 10- bis 15-, im Norden bis zu 200-mal im Jahr.

Besuch beim Weihnachtsmann

Das Nordlichtabenteuer ist ein Höhepunkt einer intensiven Outdoorwoche im winterlichen Finnland. Die erste Station heisst Rovaniemi, die Hauptstadt von Finnisch-Lappland, mit 60'000 Einwohnern. Sie liegt nur wenige Kilometer südlich des Polarkreises. Wir übernachten im einzigartigen Arctic Treehouse Hotel, das im Dezember 2016 eröffnet wurde. Der Hotelname ist Programm: Die 32 Zimmerkuben thronen auf Pfählen im Wald, vom Bett aus blickt man durch eine einzige grosse Glasfront auf die schneebedeckten Bäume. «Unser Hotel ist gut gestartet», sagt Manager Ilkka Länkinen. «Wir begrüssten in den ersten vier Monaten 10'000 Gäste.» Sie stammten aus über 50 Ländern. Die Rangliste führten Briten, Deutsche, Russen und Chinesen an. Letztere spielten eine immer wichtigere Rolle im Wintertourismus. «Chinesen, die in ihrer Heimat unter Smog leiden, freuen sich, hier wieder die Sterne zu sehen», sagt Länkinen.

Nördlich des Stadtzentrums, auf der Höhe des Polarkreises, liegt das Santa Claus Village. Dieser Park gilt seit den 1950er-Jahren als offizieller Wohnort des Weihnachtsmannes – wenigstens in Nordeuropa. Weshalb? «Wegen der schönen Landschaft, der Ruhe und des Polarkreises», verrät der weissbärtige Mann bei einer Privataudienz. Der amtierende Santa Claus empfängt das ganze Jahr über Besucher aus aller Welt, seine Post erledigt das angrenzende, offizielle Postbüro. «Post mit der Adresse ‹Weihnachtsmann, Finnland›» kommt hier bestimmt an, sagt Salla Tauriainen von Rovaniemi-Tourismus. Sehr viele Gäste reisten extra wegen Santa Claus nach Rovaniemi. «2016 hatten wir 400'000 Besucher im Postbüro, für 2017 rechnen wir mit einem neuen Rekord.» Ob all die Post auch beantwortet werden könne, fragen wir den Santa Claus. Der lächelt. «Wenn der Wunsch in Erfüllung geht, ist das auch eine Antwort.» Welches sind die wichtigsten Wünsche, die an den Weihnachtsmann herangetragen werden? «Gesundheit, Weltfrieden, Glück für die Familie.»

Wenn die Bedingungen stimmen, kann man das Nordlicht bewundern.
Bild: PD

Die Umgebung von Rovaniemi erkunden wir mit dem Snowmobil. Nach einer kurzen Einführung – Abstand halten, Gashebel rechts, Bremse links, nicht beide gleichzeitig – folgen wir unserer Chefpilotin Anna Leskinen auf eine Tour über die zugefrorene Seen- und Flusslandschaft. Das Ziel der 20-Kilometer-Fahrt ist die Rentierfarm Napapiirin Porofarmi. «In Finnisch-Lappland leben 160'000 Menschen und 200'000 Rentiere», erklärt Hirte Kari. Die Ren-Population ist von der Regierung auf diese Zahl limitiert worden. Die Tiere streifen halbwild durch Wälder und Tundra und ernähren sich von Flechten, Pilzen und Gras. «Einmal im Jahr treiben wir sie zusammen.» Bei dieser Gelegenheit erhalten die Neugeborenen Ohrenmarken», erklärt Kari. Zudem wählen die Hirten jene Tiere aus, die zum Metzger geschickt werden. Die Frage, wie viele Rentiere jemand besitzt, ist tabu, denn man erkundigt sich in diesen Breitengraden nicht direkt nach dem Verdienst des Gesprächspartners. Für einen Adrenalinschub sorgt die Rentierschlittenfahrt allemal: Tiere und Schlitten nähern sich immer wieder gefährlich – zu einer Berührung kommt es jedoch nie.

Essen im Palast

Von Rovaniemi führt die Reise mit dem Zug in zwei Stunden nach Kemi. Die Kleinstadt mit 22'000 Einwohnern liegt am Bottnischen Meerbusen, unweit der Grenze zu Schweden. Bekannt ist Kemi für das weltweit grösste Eishotel, das Lumilinna Snow Castle, das 1996 eröffnet wurde. Allein das Restaurant, in dem wir zum Lunch eine köstliche Lachs-Kartoffel-Suppe geniessen, ist 75 Meter lang. Angrenzend eine Eiskapelle, in der Hartgesottene Hochzeit feiern. Das Besondere am Snow Castle: Die Eisblöcke, die als Baustoff für Wände und Tische dienen, werden aus Meereis gebrochen. Das funktioniert, weil das Wasser im nördlichen Ausläufer der Ostsee zwischen Schweden und Finnland einen Salzgehalt von nur 0,2 Prozent aufweist.

Über das Eis schippern

Wir übernachten nicht im Eishotel, sondern in den eben erst eröffneten Seaside Glass Villas. Die praktisch rundum verglasten Container liegen direkt am Strand – hier schweift der Blick vom Bett aus über die endlose Weite des zugefrorenen Meeres und hoch in den Nachthimmel. Ein eindrückliches Abenteuer ist die Cruise mit dem Eisbrecher Sampo, der unter der Flagge von Kemi Tourismus verkehrt. Das 75-Meter-Schiff mit einer Verdrängung von 3542 Tonnen legt sein Gewicht auf die unberührte, schneebedeckte Eisfläche – die meterdicke Schicht bekommt Risse und zerschellt in Stücke. Asiatinnen und Asiaten lehnen an der Reling und können sich nicht sattknipsen ob des Spektakels. Die Sampo-Fahrt ist trotz des hohen Preises die Touristenattraktion schlechthin. «In der Hochsaison von Weihnachten bis April verkehrt das Schiff dreimal täglich», erklärt Noora Barria von Kemi Tourismus. «Total sind das 450 Gäste.» Zur Anlegestelle des Kolosses hatte uns Safariführer Vepe nicht im Auto gebracht. Auf einer 50-minütigen Fahrt glitten wir mit dem Motorschlitten über das Eis und gewöhnten uns an die arktischen Verhältnisse

Den dritten Halt machen wir in Ruka. Im bekannten Skiresort beziehen wir eine geräumige Wohnung in den Ruka Ski Chalets – Sauna inklusive. Das Skigebiet kann zwar mit Schweizer Destinationen nicht mithalten, bietet aber zwei Trümpfe: Es gibt während 200 Tagen im Jahr garantiert natürlichen Schnee, und die Liftanlagen verkehren bis 19 Uhr, freitags sogar bis 23 Uhr.

Frust und Lust beim Fischen

Mit dem Snowmobil statten wir der Lammintupa-Farm, einem beliebten Ausflugsziel in der Nähe von Ruka, einen Besuch ab. Hier halten die Farmer nicht nur Rentiere, sondern auch über 70 Alaska- und Siberian Huskies. Nach der Fahrt mit dem Hundeschlittengespann geniessen wir auf der Restaurantveranda über dem offenen Feuer zubereitete Pancakes mit Beeren – darunter die Moltebeere, die auf der finnischen 2-Euro-Münze abgebildet ist.

In bester Erinnerung bleibt uns das Nachtessen im Riipisen Wild Game Restaurant in Ruka. Wer raffiniert zubereitete Wildgerichte liebt, kommt hier auf seine Kosten.

Am Tag darauf schnallen wir noch einmal die Schneeschuhe an, packen uns warm ein, schultern die Angelausrüstung und folgen Guide Konstantin auf einen der vielen vereisten und schneebedeckten Seen. «Hier ist eine gute Stelle», sagt er plötzlich. «Hier müsst ihr bohren.» Mit einem Spiralbohrer arbeiten wir uns durch die meterdicke Eisschicht. Das Werkzeug bricht durch – wir ziehen es hoch und schöpfen mit einem Sieb Eisrückstände aus dem Loch, damit die Schnur der Fischerrute freie Bahn hat. Konstantin zeigt, wie man die kleinen Ruten, an deren Angelhaken wir Maden aufspiessen, ins eisige Wasser taucht. «Es braucht Geduld und Geschick.» Sobald ein Ziehen zu spüren ist, muss die Rute ruckartig hochgezogen werden. Im besten Fall zappelt ein kleiner Barsch am Haken. Obwohl wir uns redlich abmühen, fällt die Beute mager aus. Konstantin aber holt in Kürze 20 Fische an die Oberfläche. In einem Unterstand filetiert er die Beute und brät sie über dem offenen Feuer. Selten hat uns frischer Fisch so gut geschmeckt wie an diesem abgeschiedenen Ort mitten im finnischen Winter.

Die Reise wurde unterstützt von Glur Reisen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2017, 18:15 Uhr

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Ferien für Winterharte

Anreise: Flug mit Finnair von Zürich via Helsinki nach Rovaniemi. Samstags Direktflüge ab Zürich mit Edelweiss nach Kittilä und mit Helvetic Airways nach Kuusamo.

Reiseveranstalter: Bei Glur Reisen gibt es ein 7-tägiges Winterarrangement «Kemi, Rovaniemi und Ruka» ab 2615 Fr. p. P. im DZ inkl. Flug. Tel. 061 205 94 94, www.glur.ch

Unterkünfte: Arctic Treehouse Hotel: www.arctictreehousehotel.com; Snow Castle, Seaside Glass Villas, www.visitkemi.fi: Restaurant Ruka: Riipisen Wild Game Restaurant, www.riistaravintola.fi

Attraktionen/Exkursionen: Santa Claus Village: www.santaclausvillage.info/de; Lammintupa, Husky- und Rentierfarm, www.lammintupa.fi; Polarlichtvorhersage: www.aurora-service.eu/aurora-forecast

Allg. Infos: www.visitkemi.fi; www.ruka.fi; www.visitfinland.com; www.visitrovaniemi.fi.


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