Stadtführung der besonderen Art

Flüchtlinge zeigen Berlin-Touristen die deutsche Hauptstadt. In der Sonnenallee warten die Düfte des Orients.

«Es gehört nicht viel dazu, zum Flüchtling zu werden»: Samer Serawan zeigt sein Berlin. Foto: Querstadtein.org

«Es gehört nicht viel dazu, zum Flüchtling zu werden»: Samer Serawan zeigt sein Berlin. Foto: Querstadtein.org

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Der Stadtführer heisst Samer Serawan, und er spricht eine Sprache, die keiner versteht. Serawan guckt seine Gruppe freundlich an, gestikuliert, redet weiter. Irgendwann, als die ersten Touristen zu zweifeln beginnen, ob sie hier richtig sind, dreht er an dem dicken, goldenen Ring, den er am kleinen Finger hat. Und schwupps – plötzlich spricht Samer Serawan Englisch und heisst alle herzlich willkommen.

Serawan beginnt seine Touren durch Berlin immer so. Wie ein orientalisches Märchen. Als bräuchte es nur einen kleinen Zauber, und schon versteht man einander. Denn Serawan, 38 Jahre alt, ist kein typischer Stadtführer mit Ausbildung und Lizenz. Vor zwei Jahren ist er aus Syrien geflüchtet, wo er Jus studiert und ein eigenes Unternehmen geführt hat. Jetzt ist er in Berlin und hat nichts mehr, «alles gone with the wind», sagt er. Seine Geschichte ist das Einzige, was ihm noch geblieben ist.

Auch Obdachlose bieten Führungen an

Und die will er erzählen, während er mit einem Headset durch den Stadtteil Neukölln geht. Serawan arbeitet für den Berliner Verein Querstadtein, der sich auf alternative Stadtführungen spezialisiert hat. Obdachlose zeigen ihr Berlin, die Strassen einer Metropole, die sie vor allem als Schlafplätze kennen. Und seit einem Jahr sind acht Flüchtlinge unterwegs, Männer und Frauen aus Damaskus oder Aleppo, die den Touristen eine Hauptstadt zeigen, die für sie gleichzeitig Heimat und Fremde ist.

Serawan bleibt zwischen zwei Wohnblöcken stehen und fragt die Teilnehmer seiner Führung, was sie mit dem Begriff «Flüchtling» verbinden. «Yalla, ich bin stark genug, alles auszuhalten.»

Serawan ist oft der erste Flüchtling, mit dem Leute ins Gespräch kommen. Foto: Hanna Thiesing

Die Leute nennen Krieg, Wut, Traurigkeit oder Terrorismus, es ist eine bunte Gruppe, die Serawan an diesem heissen Sommertag folgt, ein Ehepaar aus Süddeutschland, drei amerikanische Senioren, eine Berliner Studentin, die einer anderen erklärt, dass das neue grosse Ding «Silent Partys» sind, bei denen man die Musik über Kopfhörer eingespielt bekommt. Serawan hört sich alles an, mit seinen Jeans, dem Polo-Shirt und dem stylishen Rucksack könnte er selbst ein Berlin-Tourist sein.

«Ich wollte in Syrien leben und sterben.»Samer Serawan, Flüchtling und Fremdenführer

Er zieht aber eine Landkarte hervor, auf der das Mittelmeer eingezeichnet ist und viele Pfeile darauf sind. Die Fluchtrouten aus Syrien, seine eigene führte ihn erst in die Türkei, dort an die Küste von Izmir, wo er von Schleppern mit 47 anderen Menschen auf ein Schlauchboot gepfercht und sich selbst überlassen wurde. «Ich habe die Verkehrsmittel Taxi, Bus, Bahn und Boot genommen und 3000 Euro dafür bezahlt», sagt Serawan in beiläufigem Ton, so, als gehe es hier nicht um Leben oder Tod, sondern um eine Pauschalreise. Und tatsächlich liegen nicht immer Welten zwischen denen, die unterwegs sind, um irgendwo Ferien zu verbringen, und denen, die Krieg und Vernichtung entgehen wollen. Manchmall trennt sie nur eine einzige Küste. Es gehöre nicht viel dazu, zum Flüchtling zu werden, sagt Serawan, «ich hatte alles, ein Haus und einen Garten, ich wollte in Syrien leben und sterben».

Berlins Strassen sind selbst voll von Geschichten über Krieg und Vertreibung, weshalb die meisten Flüchtlings-Guides auf ihren Touren auch die typischen Sehenswürdigkeiten ansteuern, die Reste der Berliner Mauer, das Museum am Checkpoint Charlie, in dem all die Autos, Ballons und Boote ausgestellt sind, mit denen Leute versuchten, die deutsch-deutsche Grenze zu überwinden. Serawan jedoch bleibt in einem weniger zentralen Berlin.

In der «Arabischen Strasse»

Der Syrer zeigt auf ein gesichtsloses Gebäude, das lange eine Flüchtlingsunterkunft war, und wo er fünf Monate lang warten musste, bis seine Papiere schliesslich bearbeitet waren und er mit seiner Frau in ein Wohnprojekt ziehen konnte. Er biegt ab in die Sonnenallee, in der sich über Kilometer Döner-Imbisse, türkische Brautmodengeschäfte, libanesische Supermärkte und Bäckereien aneinanderreihen. Es riecht nach frischem Sesambrot, Gewürzen und gegrilltem Fleisch, Serawan zieht die Luft ein, als sei er endlich irgendwo angekommen. Als er auf die Schilder der Läden und Restaurants zeigt, nehmen selbst die Berliner zum ersten Mal richtig wahr, dass hier fast alles zweisprachig angeschrieben ist, auf Arabisch und Deutsch.

Die Sonnenallee sei der Ort, den jeder Flüchtling als Erstes aufsuche, sagt Samer Serawan. Weil man sich hier verständigen könne, alles voll sei von Düften und Klängen der Heimat. Die Sonnenallee heisst unter den Neuankömmlingen «Arabische Strasse».

Umgekehrt ist Serawan oft der erste Flüchtling, mit dem Leute ins Gespräch kommen. So wie die amerikanischen Senioren. Sie erzählen, dass sie aus Texas sind und gerade einen Rundtrip durch Europa machen. Der Mann sagt, dass er früher Pilot war und oft West-Berlin angeflogen habe. Den Flughafen Tempelhof, der heute eine Flüchtlingsunterkunft ist, so schliesst sich der Kreis. Und man weiss wieder, was Tourismus ausmacht: Leute, die sich verständigen, indem sie einander ihre Geschichten erzählen.

Infos: Eine Tour dauert zwei Stunden, 13 Euro pro Person. www. querstadtein.org/de (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2017, 11:03 Uhr

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