Sardellensalat am Frauenplan

Ohne Goethe ging in Weimar wenig. Die Spuren des Dichterfürsten und weiterer Berühmtheiten wie Schiller, Nietzsche oder Liszt bleiben hier unübersehbar.

Stadt der Dichter und Denker: Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz.

Stadt der Dichter und Denker: Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz.

(Bild: Dagmar Schwelle (Laif))

Christoph Ammann@sonntagszeitung

Die kulinarischen Vorlieben lassen auf gehobene Ansprüche schliessen: Fein säuberlich notierte Johann Wolfgang Goethe 1797 in Kurrentschrift die Ausgaben in seinem Haushaltsbuch. Auf einer Seite finden sich etwa: Kaffee und Zucker, Sardellensalat und ein ganzes Reh. Hinter jedem Posten steht der Kaufbetrag in Reichstaler, Groschen und Pfennig.

Nur ein winziger Teil der Handschriften im Goethe- und Schiller-Archiv ruhen in den historischen Pultvitrinen. «Als wir vor einigen Jahren das Gebäude sanierten, zählte man 8000 Magazinschachteln mit Handschriften», umreisst Archivarin Ulrike Bischof die Dimension des Schatzes. Goethes letzter Enkel, der kinderlose Walter, schenkte der Weimarer Grossherzogin Sophie die persönliche Hinterlassenschaft des Meisters. Zu ihrer Goldenen Hochzeit eröffnete sie 1896 das Archiv, in dem nicht nur der Nachlass von Goethe Aufnahme fand, sondern auch das handschriftliche Erbe von Friedrich Schiller und weiterer Weimarer Big Names wie Georg Büchner, Friedrich Nietzsche und Franz Liszt.

Das Hochhaus aus DDR-Zeiten steht unter Denkmalschutz

Goethe hatte in seinem Leben 23'000 Briefe erhalten und 15'000 selbst verfasst. «Wir leisten Pionierarbeit, indem wir seine Lebenszeugnisse erschliessen», sagt Ulrike Bischof zu den Aufgaben des Archivs. Um das Schlösschen nach Versailler Vorbild zu bauen, liess Grossherzogin Sophie einen Hügel aufschütten. Von der Terrasse sieht man über das Weimarer Zentrum mit Stadt, Jakobskirche und den Langen Jakob. Das Hochhaus, in dem bis vor kurzem Studenten unterkamen, passt wie die Faust aufs Auge ins beschauliche Panorama, steht aber als Zeuge der (DDR-)Moderne unter Denkmalschutz. Der Jakob wird Teil des neu konzipierten Museumsquartiers der Moderne mit dem Neuen Museum, dem Bauhaus-Museum und dem etwas weiter entfernten Museum der Demokratie, das sich am Theaterplatz der Weimarer Republik widmen wird.

Der frische Fokus auf das Erbe des 20. Jahrhunderts lenkt aber nicht ab: Weimar bleibt Goethe- und Klassik-Stadt. Herzogin Anna Amalia und ihr Sohn Karl August hatten den jungen, eben berühmt gewordenen Goethe 1776 nach Weimar gelockt, wo er für den Rest seines Lebens ankerte. Der Dichterfürst ahnte nicht, dass er und seine Spuren dereinst zur touristischen Hauptattraktion würden. Goethe-Pilger reihen sich zur Mittagszeit klaglos ein in die Schlangen vor den Grillständen, die Thüringer Rostbratwurst verkaufen – und sie lassen sich in der Pferdekutsche durch die kopfsteingepflasterten Gassen ziehen, vorbei am Goethe- und Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz oder am Weissen Schwan, wo Goethe Gäste unterbrachte.

Ins Klappern der Hufe mischt sich das Geläute vom Rathausturm. Die Glocken bestehen aus Meissener Porzellan und spielen «O du fröhliche» oder Bach-Choräle. Das Komponistengenie arbeitete 100 Jahre vor der Zeit der Weimarer Klassik am Hof. Als Johann Sebastian Bach eine besser bezahlte Stelle in Köthen annahm, hielt ihn der beleidigte Herzog vier Wochen in Arrest.

Pro Jahr kommen 3,4 Millionen Besucher nach Weimar, die Hotels zählen 740'000 Übernachtungen. «Unser Geschäft läuft besonders gut, wenn ein attraktives Jahresthema wie Cranach, Liszt oder 2019 Bauhaus lockt», sagt Stefan Seiler. Der gebürtige Berner führt seit elf Jahren das Dorint Hotel, das unprätentiös sämtliche Bedürfnisse anspruchsvoller Städtebummler erfüllt. «Trotz nur 65'000 Einwohnern ist Weimar ungemein attraktiv», findet Seiler, dessen Haus wohl mit Absicht den Zusatz «am Goethepark» führt. In der ehemaligen Residenzstadt warten 24 Museen auf Besucher, einschliesslich eines Imker- und Schirmmuseums.

Viele Weimarer sehen sich als Nachkommen von Goethe

Das fürstliche Schloss wird bis 2023 wegen Renovationsarbeiten geschlossen bleiben, auch das Goethehaus macht den Laden Anfang 2020 dicht. Man bezahlt in Weimar die Zeche für den Renovationsstau aus DDR-Zeiten. Nichts wie hin also, um über die flachen Treppenstufen «erhaben», wie es Goethe vorschwebte, in die oberen Etagen zu steigen, die repräsentativen Räume zu bewundern, in denen der Staatsminister Goethe Gäste empfing. Ein vom Chef ersonnenes Farbkonzept mit vielen Warmtönen prägt das Haus am Frauenplan. Als Bijou erweist sich der Garten an der Hinterseite. Goethe legte einen Bauerngarten an: fünf von Blumenrabatten und Buchsbaumhecken umrahmte Beete, in denen Kartoffeln, Blumenkohl, aber auch Artischocken wuchsen. An der Hauswand gediehen Reben und Aprikosen. Goethe zog sich gern mit seiner langjährigen Geliebten und späteren Frau Christiane Vulpius ins lauschige Grün zurück, noch lieber beobachtete er die Pflanzen im Garten und verfeinerte seine Botanik-Kenntnisse.

Weil Goethe Dichter und Denker, Netzwerker und Naturforscher, Jurist und Minister war, rühmen sich heute viele Weimarer, Nachfolger des Universalgenies zu sein. «Das klingt natürlich gut, ist aber ein wenig grössenwahnsinnig», sagt Reinhard Laube, Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. «Goethe war in der Tat einer meiner Vorgänger – und ein hervorragender Verwalter.» Der grosse Literat stand der von seiner Mentorin Anna Amalia gegründeten Bibliothek 1797 bis 1832 vor. Er baute den Bestand im grünen Schloss von 30'000 auf 80'000 Bände aus. Prunkstück ist der berühmte, ellipsenförmige Rokoko-Saal mit den beiden Emporen. Um Bücher und die filigrane, teilweise mit Gold veredelte Holzkonstruktion zu schützen, werden pro Jahr höchstens 90'000 Besucher eingelassen. In Weimar ist selbst eine Bibliothek, die sich auf Literatur von 1750 bis 1850 spezialisiert hat, ein Publikumsmagnet.

Laube-Vorgänger Goethe führte im Übrigen ein strenges Regime. Er erliess ein Benutzerreglement, das selbst den Goethe-Freund Karl August disziplinierte. Reumütig brachte der Grossherzog angemahnte Bücher in die Bibliothek zurück.


Die Reise wurde unterstützt von der Weimar GmbH

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