Im Pub mit den Fab Four

Liverpool zehrt heute noch von den Erinnerungen an die Beatles. Der Sound von John, Paul, George und Ringo begleitet die Touristen auf Schritt und Tritt.

In Bronze gegossen: Liverpools berühmteste Söhne.

In Bronze gegossen: Liverpools berühmteste Söhne.

(Bild: Ed Rhodes (Loop Images))

David Sarasin@David_Sarasin

Schon kurz nach der Ankunft am Bahnhof Lime Street begegnen uns junge Männer in schwarzen Hoodies mit dem Logo des Liverpool FC. In der Hoffnung, ein paar Pfund zu verdienen, singen sie «Love Me Do». Daneben intoniert einer mit langem Bart auf der Ukulele «I Am the Walrus». Möwengekreische mischt sich mit den ­Liedern und sorgt zusammen mit dem Nieselregen für den typischen Liverpooler Sound.

Wenn eine Stadt Berühmtheiten von Weltrang hervorbringt, färbt das auf die Bewohner ab. Man kann das in der Geburtsstadt der Beatles an jeder Ecke beobachten.Wer durch die malerischen Strassen der Altstadt Liverpools spaziert, würde nicht denken, dass sich diese Band schon vor fast 50 Jahren aufgelöst hat. Aus den Pubs dringen auch tagsüber Beatles-Hits. Und ein bronzener John Lennon lehnt entspannt vor einem Gebäude an der Matthew Street. Nicht weit davon entfernt liegt das Hotel A Hard Day,s Night, eine Herberge mit Fab-Four-Thematik.

Die Pubs sind den ganzen Tag bevölkert. Wer Glück hat,trifft am Tresen zu später Stunde ältere ­Liverpudlians, die Geschichten zu den Beatles kennen. Zum Beispiel Roy, der damals mit John Lennon zechte, als dessen Mutter starb. Es scheint, als ob die Einheimischen alles, was die Beatles je in Liverpool taten, lückenlos protokollierten, ob erste Proben, Liebschaften oder Schulhofraufereien.

In der nordenglischen Stadt wurde die Erinnerung an die Legenden zum Wirtschaftsfaktor: Die Beatles-Industrie setzt pro Jahr mehr als 100 Millionen Pfund um. Im Angebot: alles zwischen bedruckten Golfbällen und einer mehrstündigen Bustour entlang der Penny Lane . Die University of Liverpool bietet einen Masterstudiengang an, der die Auswirkungen der Beatles auf die Gesellschaft untersucht. Mehr als 3000 Liverpudlians sind in der Beatles-Industrie beschäftigt.

Überraschend selbst für Beatles-Kenner

Einige arbeiten im Museum The Beatles Story, das in einem Gebäude der Albert Docks am Hafen untergebracht ist. Mit mehr als 4,5 Millionen Besuchern jährlich ist es das meistbesuchte Museum der Stadt und wohl das einzige der Welt, vor dessen Eingang eine Vielzahl der Wartenden in der Schlange die Melodien, die aus den Boxen dringen, mitsingt.

Die Ausstellung ist als eine Art Zeitreise angelegt und dürfte in ihrem Detailreichtum sogar Beatles-Kenner überraschen. Ein Fokus liegt auf der Liverpooler Zeit der Beatles Anfang der 60er-Jahre, als die Band noch in Pubs auftrat. Damals begründete sie jenen Sound mit, der als Mersey Beat in die Geschichte einging. Der Rundgang führt weiter durch nachgebaute Schauplätze wie den Liverpooler Cavern Club oder die Londoner Abbey Road Studios und mündet in Einzelporträts von John, Paul, George und Ringo.

Wohlstand auch dank des Sklavenhandels

Die Albert Docks erinnern auch an die Wandlung des beeindruckenden Hafens, der im 19. Jahrhundert der wichtigste des Landes war, nach den Weltkriegen und dem industriellen Niedergang aber einen brutalen Zerfall erlitt. Von der langen Krise ist heute nichts mehr zu spüren. Die Gegend rund um die Docks wirkt herausgeputzt, Cafés, Museen oder Souvenirshops sind voll.

Etwa zehn Gehminuten den River Mersey hinunter, vorbei am Tate und der 2015 erbauten, überlebensgrossen Beatles-Statue, thront der Pier Head. Die drei Gebäude erinnern ebenfalls an die Zeit, als Liverpool Handelszentrale einer Weltmacht und Auswanderungshafen war. Neun Millionen Menschen haben England von hier aus in Richtung Neue Welt verlassen. An den finsteren Teil der Liverpooler Geschichte erinnert das International Slavery Museum in den Docks. Dort wird die Wohlstandssteigerung der Stadt aufgrund des Sklavenhandels dokumentiert.

Im mittleren der drei Piergebäude ist die Ausstellung British Music Experience untergebracht. Thema: der popkulturelle Einfluss Grossbritanniens auf den Rest der Welt. Das Museum festigt nebenher den Ruf Liverpools als Musikstadt. Hier lässt sich erahnen, warum Britannia rules auf popkulturelle Weise auch noch lange nach dem Untergang des Empires galten. Die Ausstellung beginnt mit einer Zeit, als die Blues-Schallplatten aus den USA auf den Begleitschiffen der U-Boot-Flotten direkt im Hafen von Liverpool landeten – und in den Pubs gehandelt wurden. Von interaktiven Grafiken, Schaukästen oder Kurzfilmen erfährt man, dass Strömungen wie Beat, Punk oder House zwar nicht in England erfunden, aber von hier aus in die Welt getragen wurden.

Abends lässt sich rund um die Matthew Street noch einmal ein anderes Liverpool erleben. Aus Dutzenden Pubs scheppern Songs in die engen Gassen zwischen den georgianischen Häusern. Vor dem Fish-&-Chips-Laden Lobster Pot bildet sich eine Schlange. Das Zentrum der Gegend ist der Cavern Club, eine Replika jenes Konzertlokals, in dem die Beatles vor ihrem Welterfolg mehr als 200 Auftritte bestritten – das Original musste vor ein paar Jahren der U-Bahn weichen. Westlich des Zentrums trotzen rund um die Bold Street zur gleichen Zeit leicht bekleidete Jugendliche der abendlichen Kälte. Sie und die Clubs, die sie besuchen, bilden einen erfrischenden Kontrapunkt zur scheinbar ewig währenden Liverpooler Beatlemania.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Britain.

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