Im Herzen des alten Europa

Ein ungewöhnliches Hotel im Saarland ist das perfekte Basiscamp für Erkundungstouren nach Frankreich und Luxemburg – und für Wein-Degustationen an der Mosel.

Die Lage an der Mosel machte Metz – im Bild die Evangelische Stadtkirche – zum bedeutenden Handelsplatz. Foto: PD

Die Lage an der Mosel machte Metz – im Bild die Evangelische Stadtkirche – zum bedeutenden Handelsplatz. Foto: PD

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Ein Hotelrestaurant heisst Bacchus, die Namen weiterer römischer Gottheiten stehen über den Türen der Suiten, und das Herz von Victor’s Residenz-Hotel Schloss Berg im Saarland gleicht dank der U-Form einem römischen Landhaus. Die Hotelgruppe Victor’s spielt in ihrem Parade-Betrieb das Römerthema dezent – und spannt den Bogen von der Antike übers Mittelalter bis heute. Im 11. Jahrhundert entstand eine Wasserburg auf dem späteren Hotelgelände. Die Anlage wurde zum Renaissance-Schloss umgebaut, im Zweiten Weltkrieg zerstört und in den 50ern rekonstruiert. Jetzt flitzen hier Roulettekugeln. Vor allem aber verwöhnt Deutschlands «Koch des Jahres 2017», der mit drei «Michelin»-Sternen dekorierte Christian Bau, die Gäste. Sie fliegen aus London ein, reisen von Düsseldorf und Paris an. So ist das Residenz-Hotel gleichzeitig Gourmettreff, Ferien-Oase, Wellness- Resort und Konferenzzentrum. Aus Schweizer Perspektive thront das recht legere Luxushotel irgendwo im Nirgendwo, aber doch im Zentrum Europas. Vom edlen Basiscamp aus lassen sich leicht drei Länder erkunden: Deutschlands Südwesten, Luxemburg und Lothringen in Frankreich.

Gut genährte Rinder stehen den Ausflüglern Spalier, die zu Fuss hinunter nach Nennig laufen und über die Moselbrücke ins luxemburgische Remich wechseln. Auf der deutschen Seite verabschiedet der bescheidene Asia-Imbiss Bonsai die Grenzgänger. Die Thai-Suppe kostet drei Euro, zum Kaffee gibts chinesisches Glücksgebäck. Der Sinnspruch auf dem Papierröllchen lautet: «Der ist recht edel in der Welt, der die Tugend liebt und nicht das Geld.» Das perfekte Motto für den Finanzplatz Luxemburg also. Aber am linken Moselufer warten noch eine herausgeputzte Häuserzeile, dahinter die Rue du Marché und eine Kolonie Nilgänse, die sich lautstark mit einem Blesshuhn-Paar zofft. Mit dem Bus erreicht man nach einer halben Stunde die Hauptstadt ­Luxemburg – und erhält im Unesco- Weltkulturerbe gleich eine Geschichtslektion verpasst.

Internationales Flair und Patriotismus

Luxemburg ist unübersehbar eine Festungsstadt. Aufgrund seiner Lage zwischen Frankreich und Deutschland wurde «d Stadt», wie die Luxemburger ihre Kapitale liebevoll nennen, von wechselnden Besitzern zu einer der stärksten Festungen Europas ausgebaut, zu einem Gibraltar des Nordens. Eine Pforte führt ins unterirdische Labyrinth der Bock-Kasematten. Wir tasten uns steile Wendeltreppen hinunter und wieder hinauf, folgen bunten Pfeilen und erkunden die Wehrgänge und in den Felsen gehauene oder gemauerte eingewölbte Räume. Ab dem 17. Jahrhundert entstanden Tunnel von 23 Kilometer Länge und erschlossen den Untergrund; 17 sind heute noch begehbar. Obwohl die Düsternis unheimlich wirkt, besuchen pro Jahr 100'000 Touristen das über mehrere Etagen angelegte Verteidigungssystem.

Luxemburg ist neben Brüssel und Strassburg Hauptstandort der EU-Verwaltung. Menschen aus über 160 Nationen leben hier. Trotzdem oder gerade deswegen bleiben die Luxemburger Patrioten. Über dem Rathaus mit der flämischen Renaissance-Fassade flattert das Banner des Grossherzogs, und man erkennt schon von weitem: Henry aus dem Geschlecht Nassau-Weilburg ist vor Ort. Gestern hat er den französischen Präsidenten Emmanuel Macron empfangen. Über dem Kupferdach eines Erkers in der Rue de la Loge steht trotzig: «Mir wölle bleibe, wat mir sin.»

Die Stadt Luxemburg glich lange einer riesigen Festung – heute leben die Einwohner entspannter. Foto: PD

Die Luxemburger haben zwar fast alle einen französischen Vornamen und kokettieren mit dem Flair der Grande Nation, aber am Lëtzebuergischen, einem Moselpfälzischen Dialekt, hält man fest.

Einem ähnlich seltsam klingenden Idiom begegnen wir tags darauf im Weingut Boesen in Palzem, nur zehn Autominuten vom Schloss Berg entfernt, aber im Bundesland Rheinland-Pfalz. Silvia und Alois Boesen bewirtschaften den 15-Hektaren-Betrieb zusammen mit Sohn Markus, der seine Bankerkarriere in Luxemburg aufgab. In Tanks und Fässern reifen Spätburgunder, Dornfelder, Riesling und Elbling, eine Weissweinsorte, die von den Römern an die Mosel geholt wurde. Zweites Standbein neben dem Rebbau an den steilen Mosellagen ist eine saisonal geöffnete Besenbeiz im ehemaligen Kuhstall. Der Star dort ist der sechsjährige Hofhund Bobby, der mit dem Abfallkübel in der Schnauze um die Kundschaft scharwenzelt. Jetzt lässt sich der treuherzige Vierbeiner von Silvia Boesen das Fell kraulen, und Frauchen sagt: «Es ist unheimlich viel Arbeit. Aber undenkbar, das hier Aufgebaute zu verlassen – anderswo würde ich eingehen.»

Ein Paradies für Tretbootkapitäne

Die Boesens keltern auch eine Art roten Prosecco. Er wird den Gästen im Residenz-Hotel Schloss Berg als Willkommenstrunk kredenzt und mundet vorzüglich.

Eine Fahrstunde moselaufwärts weiss man auch, was gut schmeckt: Die Rede ist nicht von gegrillten Froschschenkeln oder gekochten Schnecken, die hier an Volksfesten feilgeboten werden, sondern von Käse, Terrinen, Würsten, Quiches und butterzartem Gebäck. Der Mix verströmt in der Markthalle von Metz den Duft französischer Lebenskunst. Dabei stand Metz während Jahrhunderten immer wieder unter deutscher Herrschaft. Das Emblem der Hohenzollern-Kaiser am Bahnhof erinnert daran. «Gerade gehören wir zu Frankreich», bestätigt mit Augenzwinkern Gästeführerin Estrel, «bis heute Morgen habe ich keine anderslautende Meldung erhalten.»

Die Metzer sind stolz auf ihren Binnenhafen, Europas grössten Getreideumschlagplatz, und den zum See gestauten Moselarm namens Plan d’eau, ein Paradies für Tretbootkapitäne. Sehenswert ist die gotische Kathedrale Saint-Etienne. Der Volksmund nennt sie angesichts der 6500 Quadratmeter Fensterfläche «Laterne Gottes». Chagall hat hier in den 60ern unter anderem Eva recht freizügig verewigt. In Zeiten, da Brigitte Bardot oben ohne am Strand von ­St-Tropez lustwandelte, liessen die Kirchenväter Eva mit Brettern vernageln. Erst ein Gespräch unter Männern, zwischen Präsident De Gaulle und Künstler Chagall, sorgte wieder für freie Sicht.

Zurück im Hotel lässt sich bestens in der Bio-Sauna des Schloss-Berg-Resorts entspannen. Man fühlt sich wie in einer römischen Therme. War da nicht was mit Pluto, Saturn und Diana?

Richtig: eine teilweise rekonstruierte Villa aus dem 3. Jahrhundert unten in Nennig hat die Römerfantasien im Victor’s beflügelt. Freilich, das Prunkstück in der einstigen Empfangshalle ist nichts für zarte Gemüter: Die sieben Medaillons eines fast unversehrten 150 Quadratmeter grossen Mosaiks zeigen blutige Szenen aus dem Amphitheater.

Die Reise wurde unterstützt von Victor’s Residenz-Hotel Schloss Berg, Perl-Nennig. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.04.2018, 15:06 Uhr

Luxushotel mit Gourmetküche

Anreise: Mit dem Zug über Basel, Strassburg nach Luxemburg oder über Mannheim nach Saarbrücken. Autotransfer zum Hotel. Mit dem Auto ab Basel in 3½ Stunden über Strassburg nach Perl-Nennig.

Hotel: Victor’s Residenz-Hotel Schloss Berg, Perl-Nennig. Das Fünfstern-Superior-Haus gewährt einen Blick in die Rebberge des Moseltals, bietet ein geräumiges Spa und drei Restaurants. Prunkstück: das Gourmetlokal von Spitzenkoch Christian Bau (3 «Michelin»-Sterne). DZ ab 142 Euro, Tel. 0049 6866 790, www.victors.de

Ausflüge: Wer nicht mit dem eigenen PW oder Mietwagen unterwegs ist, erkundet Saarland, Moselgebiet und Luxemburg per ÖV, nach Metz organisiert das Hotel auf Anfrage den Transfer.

Moselwein: www.weingut-boesen.de

Beste Reisezeit: Mai bis Oktober.

Allg. Infos: www.tourismus.saarland.de; www.visitluxembourg.com; www.tourisme-metz.com

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