Flaschen von Terrassen

In keiner anderen Grossstadt gibt es so viele Rebberge wie in Stuttgart. Auch die Winzer drücken in der deutschen Autometropole aufs Gas.

Malerisch: Blick auf die Rebberge bei Stuttgart.

Malerisch: Blick auf die Rebberge bei Stuttgart. Bild: PD

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«Handarbeit», sagt Timo Saier, «und dreimal höhere Kosten, als wenn wir Maschinen einsetzen könnten.» Saier ist neuer Leiter des Weingutes der Stadt Stuttgart und erzählt von den terrassierten Rebflächen. Sie gehören zum Bild der Hauptstadt von Baden-Württemberg wie die Jugendstil-Markthalle oder das Alte Schloss. Viele Stuttgarter leben Tür an Tür mit Rebstöcken, an denen nach diesem Jahrhundertsommer schwere Trauben hängen. Um die süssen Früchte zu ernten und für alle anderen Arbeiten müssen die vier fest angestellten städtischen Winzer und die vierzig Freiwilligen über Trockenmauern klettern.

Ausgerechnet in der Industriemetropole par excellence, wo Roboter Autos und Maschinen millimetergenau zusammenfügen, wird im Weinbau Handarbeit grossgeschrieben. Für Stuttgart neue Rebsorten wie Sauvignon blanc und Chardonnay verdrängen den traditionellen Lemberger und den omnipräsenten Trollinger, der weiter südlich Vernatsch heisst. «Für eine Flasche von der Terrasse müssen wir über zehn Euro lösen», sagt der Chef des Städtischen Weingutes, «mit den herkömmlichen Sorten ist das nicht hinzukriegen.» Saier bewirtschaftet 16 Hektaren Reben, 4 davon direkt in der Innenstadt.

Mildes Klima übers Jahr und heisse Sommer

Stuttgart liegt in einem Kessel. Das milde Klima und die heissen Sommer befeuern seit je den Weinbau. Im 17. Jahrhundert wurden auf dem Areal der heutigen Innenstadt 1240 Hektaren Reben gezählt. Heute sind es auf dem gesamten Stadtgebiet, inklusive eingemeindeter Vororte, immerhin 423 Hektaren. Das entspricht zwei Prozent der gesamten Stadtfläche. Es gibt auf der ganzen Welt keine andere Stadt dieser Dimension (Stuttgart hat 610'000 Einwohner) mit so vielen Rebbergen. Die Behörden lassen sich die Tradition was kosten, gerade werden die Trockenmauern für 600'000 Euro saniert. «Schliesslich handelt es sich um Kulturgut», sagt Saier.

Die besten Stuttgarter Rebberge sind die Südhänge ganz im Norden an der Peripherie. Wenn man mit der S-Bahn nach Obertürkheim fährt und den Berg hoch nach Uhlbach steigt, so lässt man Autolärm und Benzingestank weit hinter sich und landet im Wein- und Sektgut von Christel Curle. In der Besenbeiz unter freiem Himmel schlemmen Jung und Alt Schweinsbäggle an Trollingersauce mit Spätzle oder eine deftige Schlachtplatte. Es gibt Merlot, Kerner und Riesling im Offenausschank.

«Auf dem Traktor kann ich meinen Gedanken nachhängen.»Christel Curle, Winzerin

Die 48-jährige Chefin hat den Betrieb vor elf Jahren von den Eltern übernommen, bewirtschaftet acht Hektaren Rebberg und verkauft Weine und Sekt ab Hof, in die Gastronomie und per Versand. Am liebsten tüftelt Christel Curle im Keller an edlen Weinen. Mit der 3-Jahres-Cuvée aus dem Eichenfass ist ihr zuletzt ein feiner Tropfen gelungen. Die zweifache Mutter packt aber auch gerne an der Front zu: «Wenn ich auf dem Traktor sitze, kann ich meinen Gedanken nachhängen.»

Nur einen Katzensprung ist es zum Stuttgarter Weinbaumuseum im Dorfkern von Uhlbach. Es zeigt einen alten Kelterbaum, historische Werkzeuge, darunter ein Rebmesser aus der Römerzeit, eine Küferwerkstatt oder eine Weltkarte mit allen grossen Weinbaugebieten. Stuttgart ist global ein kleiner Player; im Geschäft sind 13 Selbstvermarkter und 6 Weinbaugenossenschaften.

In der Garage wurde der Wein gekeltert

In der Vinothek des Museums präsentieren die Weinbauern abwechselnd ihre Tropfen. Fabian Rajtschan kredenzt einen Blanc de Noire - einen Weisswein aus roten Trauben, nämlich schwarzem Riesling und Spätburgunder. Köstlich und überraschend leicht. Der 31-Jährige hat das elterliche Weingut samt Besenbeiz Emil (Spezialität: Maultaschen mit Kartoffelsalat) übernommen. Vater und Opa kelterten die Weine noch in der Garage, Fabian hat sich bei einer grossen Kellerei eingemietet. «Das ist der Qualität der Weine sehr zuträglich», findet der Jungwinzer.

Rajtschan bewirtschaftet fünf Hektaren in Stuttgart-Feuerbach, im unteren Teil der Hänge gedeihen auf schweren Lehmböden rote, oben am Waldrand weisse Trauben. Rajtschan verzichtet auf den Einsatz von Fungiziden und Pestiziden. «Wenn ich der Natur Gutes tue, gibt sie mir Gutes zurück», philosophiert der Unternehmer. Für Lokalkolorit sorgen die Flaschen mit dem grossen R auf der Etikette. Dort wird der Wein auf Schwäbisch beschrieben. Wer das Idiom von Stuttgart und Umgebung nicht versteht, findet eine Übersetzung auf Hochdeutsch.

Die Reise wurde unterstützt von Stuttgart-Marketing GmbH.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.08.2018, 07:19 Uhr

Essen und Degustieren

Anreise: Alle zwei Stunden direkte Zugverbindung von Zürich via Schaffhausen nach Stuttgart, sbb.ch

Essen: Mediterran: Weinstube Vetter, stuttgart-tourist.de/a-vetter-essen-trinken; Deftig: Ochsen in Uhlbach, ochsen-uhlbach.de

Weingüter: stuttgart.de/weingut; 70469r.de (Fabian Rajtschan); weingut-curle.de

Weinbaumuseum in Uhlbach: weinbaumuseum.de

Weindorf: 500 Weine aus Baden-Württemberg auf Markt- und Schillerplatz,29.8.-9.9., stuttgarter-weindorf.de

Allgemeine Infos: stuttgart-tourist.de

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