Der Reiz des Verborgenen

Neue Ansichten, gute Aussichten: In europäischen Metropolen kontert man den Touristenansturm mit kreativen Ideen und Angeboten

Geheimtipp: Eine VIP-Tour durch den Vatikan Foto: AFP

Geheimtipp: Eine VIP-Tour durch den Vatikan Foto: AFP

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Grossstädte wie London, Paris oder Rom ziehen Touristen magisch an. Die meisten Big Players verzeichnen steigende Übernachtungszahlen. Doch der Erfolg hat auch seine Schattenseiten. Einwohner klagen über die Besuchermassen. Diese verstopfen Strassen und belagern Sehenswürdigkeiten. Um die Touristen von den Hotspots wegzulocken, kreieren findige Köpfe neue Angebote. Plötzlich werden auch Randbezirke en vogue.

RomKriminalität im Vatikan

Die Römer jammern über volle Plätze, verstopfte Strassen, überlastete Sehenswürdigkeiten. Verschmutzung und steigende Kriminalität sind negative Begleiterscheinungen des ausser Rand und Band geratenen Tourismusgeschäftes. Die Macher in der Ewigen Stadt wollen Besucher aber nicht verdrängen, sondern sie zeigen sich kreativ: Häftlinge reinigen das Kolosseum, Sicherheitsleute sollen Touristen vor dem Vatikan, der als Staat mit der höchsten Kriminalitätsrate pro Einwohner gilt, vor Trickdieben warnen. Zudem gibt es geführte Schatzsuchen mit Papier und Stift, die Touristen auch an weniger frequentierte Orte locken. Auch ein Geheimtipp: VIP-Touren durch den Vatikan, wo nicht öffentliche Zimmer auf dem Programm stehen.
tripadvisor.de

BerlinAb nach Dahlem

In der einst zweigeteilten Metropole, die als grünste Grossstadt Deutschlands gilt, gibt es jede Menge Velorouten für Touristen. So sollen Strassen entlastet und Verkehrslärm und Schadstoff-Belastung reduziert werden. Touren wie «Arm, aber sexy» führen die Velofahrer nach Neukölln und in andere Bezirke abseits der Achse Ku’damm-Alexanderplatz. Ganz neu ist die «Dahlem-Route»: Auf der 20 Kilometer langen Fahrt durch das Viertel zwischen Botanischem Garten und Grunewald richtet sich der Blick der Pedaleure auf weniger besuchte Parks, Plätze und Museen wie das Samurai Art Museum.
www.berlin.de

LondonSightseeing mit Mr. Bean

Eine Comicversion des Komikers Rowan Atkinson ist die Hauptfigur einer Gratis-Spiele-App. Per Geo-Funktion schalten sich neue Levels frei, sobald der User Londoner Sehenswürdigkeiten wie Tower Bridge oder Big Ben besucht. Wer erfolgreich ist, erhält Punkte, die er gegen Gratisdrinks oder Rabattgutscheine eintauschen kann. Um die Innenstadt zu entlasten, winken gute Gewinnchancen abseits der Touristenströme.

«Play London with Mr. Bean» als App für iOS und Android: visitlondon.com

BarcelonaKampf dem Massentourismus

Die Stadtväter von Barcelona haben als Vorreiter die Keule ausgepackt, um die Zahl der Tagestouristen und Kurzzeit-Besucher einzudämmen. In der katalanischen Hauptstadt werden Privatvermieter und Bed-and-Breakfast-Betriebe möglichst klein gehalten. Die Autoritäten haben Parkgebühren für Busse stark angehoben und Segway-freie Zonen angeordnet. Um dem Trubel aus dem Weg zu gehen, konzentrieren sich Barcelona-Guides auf Kulturzentren wie «Nasty Garage» mit Ausstellungen, Konzerten und Partys. Entstanden ist auch ein Einkaufsparadies für Vintage-Fans.
nastygarage.com Weitere Kulturzentren: blueprojectfoundation.org, storyville.cat, ateneubcn.org

ParisFlucht in die Höhe

Pariser steigen ihrer Stadt gerne aufs Dach, wobei sie den Eiffelturm mit 20'000 Besuchern pro Tag meiden. In den sozialen Netzwerken ist ein wahrer Hype um die besten Spots hoch droben ausgebrochen. Abends verwandelt sich zum Beispiel die Dachterrasse des Kaufhauses BHV im Marais-Viertel in einen angesagten Platz. Beliebt sind auch das Restaurant Le Perchoir in Beleville dank DJ, Cocktails und 360-Grad-Blick oder Hotels wie das Terrass in Montmartre. Ungekrönte Nummer eins für Highflyer ist das «43 Up the Roof» Holiday Inn: holidayinn.com, leperchoir.tv, terrass-hotel.com

AmsterdamEinwohner im Vorteil

Neu ist der Amsterdam Pass, der den Eintritt zu 30 Top-Sehenswürdigkeiten garantiert. Für einen Tag kostet er 64 Euro. Das Angebot passt nicht ganz zu den Bestrebungen der Stadtverwaltung, die den Interessen der Einwohner demonstrativ Vorrang vor jenen der Touristen eingeräumt hat. Die Gästetaxe soll erhöht und die Zahl der Hotelzimmer beschnitten werden. Pläne sehen vor, die Anlegestellen für Grachtenrundfahrten aus der Innenstadt zu verbannen. Versöhnlicher könnte der Weg sein, den man mit der App «Discover the City» beschreitet: Sie verschickt automatisch Nachrichten, wenn eine Sehenswürdigkeit übermässig voll ist und liefert alternative Tipps. Die Homepage Amsterdam.com zeigt zur Abschreckung die Länge der Warteschlangen. Um die Touristen aus Amsterdam zu entführen, hat man einen Strand in Zandvoort «Amsterdam Beach» getauft und die Busfahrt dorthin in die City Card eingeschlossen.
amsterdampass.de

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.08.2018, 17:34 Uhr

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