Das grosse Fastenbrechen

Dubai sucht einen Weg, den Ramadan für die Touristen erträglich zu gestalten. 2020 findet im Emirat am Golf die Expo statt. Weltoffenheit ist dann Pflicht.

Seit vergangenem Jahr bekommt, wer will, auch tagsüber am gekühlten Pool sein Bier oder eine Piña Colada: Dubai bei Nacht. Foto: Pexels.com

Seit vergangenem Jahr bekommt, wer will, auch tagsüber am gekühlten Pool sein Bier oder eine Piña Colada: Dubai bei Nacht. Foto: Pexels.com

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Es ist kurz nach halb vier, als der Gebetsruf erklingt. Adh?n sagen sie hier zu dem Ruf. Im Einkaufszentrum sind mit dem Ruf stilisierte Moscheen auf Bildschirmen aufgetaucht. Ein paar Augenblicke nur dauert er, dann rieselt wieder dezente Musik auf die Touristen herab, die vor der feuchten Hitze draussen in die Dubai Mall geflüchtet sind und nun riesigen Rochen beim Schwimmen zusehen und Kindern beim Schlittschuhlaufen. Die Restaurants haben ihre Zugänge mit Stühlen verbaut. Drei Stunden noch, dann werden sie anfangen wegzuräumen. Dann beginnt der Abend, der bis tief in die Nacht dauert.

Noch wenige Tage, bis der Ramadan beendet sein wird. In der muslimischen Fastenzeit wird auf die Einhaltung der damit verbundenen Vorschriften Wert gelegt, besonders in den Golfstaaten: nichts essen, nichts trinken bis Sonnenuntergang. Man muss in der Mall deshalb ein wenig suchen, wenn man Hunger hat. Im zweiten Stock der Beschilderung zum Food-Court folgen, dann die Durchgänge bei den Stellwänden passieren – und schon ist es so rummelig, wie Malls normalerweise sind.

Dass hier Sushi und Burger serviert werden, tagsüber, «das hat es vor ein paar Jahren nicht gegeben», sagt Tobias Pfister. Pfister stammt aus Ulm, ist Chefkoch im Al-Naseem-Hotel und lebt mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung für einen Karrieresprung seit 2002 in Dubai. Die Stadt und das Emirat, sie seien offener geworden, sagt Pfister, vor allem in den vergangenen beiden Jahren. Offenbar lotet die Herrscherfamilie aus, was möglich ist und akzeptiert wird von den religiösen Autoritäten und den traditionell eingestellten Emiratis.

Als er in Dubai anfing, sagt Pfister, war Alkoholausschank während dem Ramadan selbst in Fünfsternhotels undenkbar. Seit vergangenem Jahr bekommt, wer will, auch tagsüber am gekühlten Pool sein Bier oder eine Piña Colada. Zwar erst von zwölf Uhr mittags an, und nur in Bereichen des Hotels, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Aber damit, so sagen etwa die Kellner an der Poolbar des Jumeirah Mina A'Salam, kämen die Gäste gut zurecht. Und wer vorher ein Bier braucht, hat ja die Minibar.

Weltoffenheit wird nun geübt

Dass Dubai sich öffnet, gehört zur Überlebensstrategie. Die Emiratis hier haben viel Geld investiert in Wasserparks, Indoor-Sporthallen, riesige Malls und Golfplätze, die im Sommer bei bis zu 50 Grad Celsius bewässert werden. Immer neue Wohnanlagen fressen sich in die Wüste und immer noch grössere Hotelanlagen entstehen entlang der Küste. Und diese Grösser-schneller-weiter-Stadt muss ja befüllt und bezahlt werden - man braucht die Touristen und die Expatriates, kurz Expats, die ins Land geholten Arbeiter, um den eigenen Lebensstandard zu halten.

Nun also Stellwände. Sie sind arabisch und englisch, chinesisch und kyrillisch beschriftet. Für Gäste aus Russland hat Dubai vor ein paar Wochen erst die Einreisebestimmungen erleichtert. Man wird darauf hingewiesen, dass in der Mall ausserhalb des Food Court nicht gegessen oder getrunken werden darf - aus Rücksicht auf die Fastenden. Viele Einheimische lassen sich Essen einpacken, mitnehmen ist ja erlaubt. Und wann man es zu Hause isst, bleibt jedem selbst überlassen.

Die Stadt sei anders während Ramadan, sagt Kara Davis, eine US-Amerikanerin, die seit sechs Jahren in Dubai arbeitet. Anders, aber schön. Und das nicht nur wegen der Ramadan-Preisnachlässe überall. «Alles verlangsamt sich während dieser Zeit. Die Stadt ist ruhiger», sagt Davis. Freunde und Familien treffen sich zu Hause. In den Büros wird zumeist nach dem Prinzip «Ramadan Hours» gearbeitet, sechs anstelle von acht Stunden täglich.

«Alles verlangsamt sich während des Ramadans. Die Stadt ist ruhiger»Kara Davis, US-Expat

Auf der reichen Seite der Stadt stauen sich die Autos auf der Zufahrtsstrasse zum Madinat Jumeirah. Ramadan hier, das ist ein Gesellschafts-Event, wie in vielen Hotels der Stadt. Jeder Abend ist ausgebucht, die Gäste kommen in zwei Schichten – zum Iftar, dem ersten Essen nach Sonnenuntergang, für das in der mit Arabesken verzierten Konferenzhalle ein Buffet aufgebaut ist. Im Raum verteilt stehen Bildschirme, Dubai TV überträgt live vom Platz vor dem Burj Khalifa, dem höchsten Gebäude der Welt, den Kanonenschuss, mit dem das Fasten an diesem Tag beendet wird. Zum Iftar-Buffet kommen vor allem Familien und Geschäftspartner. Aber auch traditionell eingestellte arabische Frauen, in Gruppen. Dass sie ohne männliche Begleitung zum Iftar erscheinen, sei ebenfalls eine neue Entwicklung, sagen sie im Hotel.

Ab neun ändert sich das Publikum, die Roben werden glitzernder, die Kopftücher weniger. Das spätere beziehungsweise frühe Essen, Sohoor, ist lockerer, trotzdem gilt auch jetzt eine Kleiderordnung fürs «Zelt», wie die Halle genannt wird, es gab ja mal Beduinen hier. Frauen müssen Schultern und Knie bedecken, wer sich nicht daran hält, bekommt einen schwarzen Überwurf gestellt. Man spielt Karten, lässt sich eine Shisha bringen, deren Rauch sich mit Oud mischt, dem Duft von abgebrannten Räucherhölzern. Gegen zwei, drei am Morgen werden die Gäste langsam hinauskomplimentiert. Hungrig ist zu diesem Zeitpunkt niemand mehr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2017, 17:01 Uhr

Informationen

Anreise: Flug mit Emirates ab Zürich und Genf, www.emirates.com

Übernachtung: Im Mina A'Salam, dem arabisch anmutenden Hotel am Jumeirah Beach, kostet das DZ im Sommer ab 260 Franken, www.jumeirah.com

Reiseveranstalter: www.letsgo.ch; www.bischofberger-reisen.ch; www.holidaymaker.ch

Allg. Infos: www.visitdubai.com

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