Ohne Vollgas in die Zukunft

Sonntagsausflug nach Romanshorn zu Fredy und Alexander Lienhard in die Autobau-Erlebniswelt.

Fredy und Alexander Lienhard im Dallara-Judd SP1 V10, mit dem sie 2002 das Sechsstundenrennen in Mont-Tremblant gewannen. Foto: Stephan Bösch

Fredy und Alexander Lienhard im Dallara-Judd SP1 V10, mit dem sie 2002 das Sechsstundenrennen in Mont-Tremblant gewannen. Foto: Stephan Bösch

Mit weichen Knien kletterten sie aus dem Dallara-Boliden und stiegen aufs Podest. Sie nahmen die Helme ab und konnten einander endlich wieder in die Augen schauen. Jetzt liessen sie die Korken knallen, duschten im Champagner, fielen einander in die Arme. Sechs Stunden lang und neunhundert Kilometer weit hatten sie im engen Cockpit des Dallara gesessen, einander stündlich am Steuer abgewechselt – und jetzt, an diesem Sonntag im September 2002, schlug auf dem Motodrom von Mont-Tremblant in der kanadischen Provinz Québec ihre Sternstunde: Fredy Lienhard, damals 55, und sein Sohn Alexander, damals 22 Jahre alt, hatten zusammen mit Didier Theys ihr erstes und letztes gemeinsames Autorennen gewonnen.

Einer allerdings fehlte: Auch der Grossvater hätte aufs Podest gehört – auch er hiess Alfred, auch er war Autorennfahrer. Als Metallschlosser hatte er den Betrieb gegründet, dessen Name auf dem schnellen Dallara prangt: Lista steht für Lienhard Stahl, für robuste Büroeinrichtungen, für einen der führenden Industriekonzerne im Kanton Thurgau.

«Diese Autos müssen bewegt werden»

Heute ist der rot-weisse Dallara ein Exponat auf vier Rädern – nicht das schönste, nicht das schnellste, auch nicht das älteste oder kostbarste, aber zweifellos das wichtigste von rund 120 Autos, die Fredy Lienhard im Laufe eines halben Jahrhunderts zusammengekauft hat – unter ihnen tierische Legenden wie Käfer, Ente und Frosch, imposante Strassenkreuzer und legendäre Klassiker, Raketen auf vier Rädern sowie ein kompletter Satz sämtlicher Formel-1-Boliden aus dem Rennstall Sauber.

Als die Anfragen sich häuften, vor allem von Schulklassen, die besondere Autos sehen wollten, beschloss Fredy Lienhard, sein Lebenswerk der Öffentlichkeit zugänglich zu machen: Am 9. April 2009, vor exakt zehn Jahren, eröffnete er in den alten Mauern der ehemaligen Alkoholverwaltung beim Hafen Romanshorn seinen «Auto-Bau». Der soll, seit der Senior vor Jahresfrist die Geschäftsführung dem Junior übergeben hat, mehr sein als nur eines von vielen Museen in der Bodenseeregion. Sukzessive baut der Sohn das väterliche Erbe zur «Erlebniswelt» aus. «Es genügt nicht, die wertvollen Raritäten einfach nur zur Schau zu stellen», sagt er. «Diese Autos bewegen die Gemüter – und sie müssen selbst bewegt werden.»

Deshalb veranstaltet er Events wie etwa am Muttertag, wenn am kulinarischen «Genuss-Festival» alle Mütter sich verwöhnen lassen dürfen. «Und regelmässig finden Roll-outs statt: Da kann man auf dem Beifahrersitz eines ausgewählten Rennwagens auf unserem hauseigenen Rundkurs persönliche Testfahrten absolvieren.»

An die eigenen «Testfahrten» auf Papas Firmengelände erinnert sich Alexander mit verlegenem Schmunzeln. «Ich sass auf seinen Knien, hielt mich am Lenkrad fest und – Jessesgott, ich darf gar nicht sagen, wie jung ich damals war!» So klein auf jeden Fall, dass die Füsse die Pedale noch nicht erreichen konnten. Aber schon gross genug, dass die Leidenschaft, die der Vater vom Grossvater geerbt hatte, nunmehr auch den Buben erfasste: «Wir haben alle wohl irgendwie Benzin im Blut!»

Noch heute holen Vater Fredy, 71, und sein Sohn Alexander, 39, gelegentlich den alten Dallara aus dem musealen Rennstall und fahren nach Italien, Deutschland oder Österreich, wo der Rundkurs von Monza, der Hockenheim- oder der Red-Bull-Ring warten. Sie lassen den Motor aufbrüllen und wechseln einander beim Lenken ab – wie vor 17 Jahren in Kanada.

Die Zukunft gehört dem Wasserstoffmotor

Aber war da nicht noch was? Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Klimakrise, CO2-Belastung . . . Alexander Lienhard hält wenig von Hybridmotoren und giftigen Batterien, die Elektroautos antrieben. «Das sind alles nur Zwischenlösungen. Die Zukunft gehört dem Wasserstoffmotor, aber das haben sie in der Industrie und in der Politik immer noch nicht gemerkt – oder sie wollen es nicht wahrhaben. Wirklich nachhaltig ist nur der da.»

Sagts – und setzt sich ans Steuer seines Privatwagens: Der Toyota Mirai ist eines der wenigen wasserstoffbetriebenen Autos, die derzeit in der Schweiz zugelassen sind. «Der fährt wie jedes andere Auto, ist in der Anschaffung billiger als ein Tesla – und der Wasserstoff ist sauberer und günstiger als jede andere Energie. Das einzige Problem: Es gibt kaum Wasserstofftankstellen in der Schweiz.»

An den Roll-outs können die Erlebniswelt-Besucher in Lienhards Mirai die Zukunft selbst erfahren. Und anschliessend in die Vergangenheit des Automobils eintauchen.

Öffnungszeiten: Sonntags von 10 bis 17 Uhr, werktags nach Vereinbarung. Tel. 071 466 00 66. www.autobau.ch

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