Zwischen Himmel und Wasser

Sonntagsausflug zum Felsenweg auf dem Bürgenstock, wo eine neue Epoche beginnt.

Klebt am Bürgenberg: Felsenweg hoch über dem Vierwaldstättersee.

Klebt am Bürgenberg: Felsenweg hoch über dem Vierwaldstättersee.

(Bild: Keystone)

Europa vor hundert Jahren: In den Städten brummen die ersten Automobile. Eisenbahnen erschliessen die Alpen, im Gebirge wachsen Luxushotels in die Höhe. Allenthalben herrscht Aufbruchsstimmung.Unter betuchten Zeitgenossen bricht ein Reisefieber aus, das einen neuen Wirtschaftszweig erblühen lässt – man nennt ihn Tourismus. Und der Zeitgeist, der ihn hervorgebracht hat, ist schön: die Belle Epoque.

Zeitlos schön ist das Panorama, das den Besucher auf dem Bürgenstock, hoch über dem Vierwaldstättersee, empfängt: Auf dem Felsenweg liegt dem Wanderer eine schwindelerregende Szenerie zu Füssen. Der Blick in die Tiefe, über die fast senkrecht abfallende, mit Mischwald bewachsene Flanke des Bürgenbergs, endet am See, der fünfhundert Meter tiefer in der Sonne funkelt. Und der Blick in die Weite schweift im Nordwesten über die Stadt Luzern bis zum Sempachersee und weiter östlich über Küssnacht bis zum Zugersee. Im Herbst verwandelt sich die Rigi in eine Insel, die wie eine Pyramide aus dem Nebelmeer ragt – und mit wenig Fantasie vergehen hunderttausend Jahre: Das Gewölk gefriert zum gigantischen Gletscher, der in der Würm-Eiszeit das Land bis zum Horizont bedeckt.

Kühne Konstruktion

Mit der Eröffnung des Palace auf dem Bürgenstock war der Nidwaldner Unternehmer Josef Bucher-Durrer zum Hotelkönig und mit dem Felsenweg, den er von 1900 bis 1905 an die überhängende Kalksteinwand legen liess, zum touristischen Pionier geworden.

Gleichzeitig baute er unter der Hammetschwand einen Lift, der aus einer Höhle nach oben schwebt, den Berg verlässt und durch ein Gerüst zum höchsten Punkt des Bergzuges führt. Die kühne Konstruktion war damals schon der höchste freistehende Lift Europas, er ist es bis heute geblieben – und wurde 1964, als der Bürgenstock einer der spektakulären Drehorte des James- Bond-Klassikers «Goldfinger» war, zu Sean Connerys Albtraum. Die Höhenangst habe den berühmtesten 007-Darsteller, so erinnert sich Jo Müller, der damals die Bürgenstock-Hotels führte, erzittern lassen.

Müllers romantisch veranlagte Gäste wähnten sich zwischen Wasser und Himmel, die geologisch ­Gebildeten erkannten sich auf der Grenze zwischen Alpenrand und Mittelland, und die theologisch Bewanderten fühlten sich dem Herrgott ein gutes Stück näher.

Charlie Chaplin und Sophia Loren

Die Belle Epoque war bereits seit einem halben Jahrhundert Vergangenheit; zwei Weltkriege hatten den Kontinent in Schutt und Asche gelegt, als auf dem Bürgenstock die zweite Blütezeit begann: Im Sommer 1954 verlegte der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer seine Regierungsgeschäfte in die Innerschweiz und gleiste während ausgedehnter Wanderungen auf dem Felsenweg mit Bundespräsident Theodor Heuss das deutsche Wirtschaftswunder auf. Leinwand-Legenden wie Charlie Chaplin und Sophia Loren gingen im Palace und im Grand Hotel ein und aus.

Ein weiteres halbes Jahrhundert ist seither vergangen – und auf dem Bürgenstock ist es ruhig geworden. Neun Jahre lang lagen die drei grossen Hotelpaläste im Dornröschenschlaf. Am kommenden Wochenende werden sie mit der Eröffnung des ambitionierten Bürgenstock-Resorts erwachen. Die Hotelanlagen, der Golfpark, das Wellness-Paradies – alles soll noch schöner, grösser und luxuriöser daherkommen, wenn auf dem Bürgenstock die dritte Epoche beginnt.

Nur Felsenweg und Hammetschwand-Lift sind geblieben, was sie 112 Jahre lang waren: spek­takulär in der Horizontalen und atemberaubend in der Vertikalen.


www.felsenweg.ch

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