Wo die Kirchgänger lernten, die Klappe zu halten

Rheinfeldens Altstadt ist ein Bijou – und eine Fundgrube für höchst unterhaltsame Geschichten.

Es war einmal am linken Rheinufer: Der von Rudolf von Rheinfelden gegründete Marktflecken wurde im 12. Jahrhundert zur Stadt. Bild: PD

Es war einmal am linken Rheinufer: Der von Rudolf von Rheinfelden gegründete Marktflecken wurde im 12. Jahrhundert zur Stadt. Bild: PD

Das fängt ja gut an. Niemand, der jetzt nicht den Hals recken und schmunzeln würde: Vom Storchennestturm ertönt ausdauerndes Klappern. «Die Störche sind treue Bewohner und kommen immer wieder», sagt Stadtführer Robi Conrad, der in Rheinfelden AG fast sein ganzes Leben verbracht hat. «Achten Sie auf das tückische Kopfsteinpflaster», rät er. Und los gehts.

Mitten im Rhein ruht das Inseli mit den Resten einer mittelalterlichen Festung, der Burg Stein. Am linken Rheinufer fing im 10. Jahrhundert alles an. Rudolf von Rheinfelden und später sein Schwiegersohn Berthold der II. von Zähringen machten im 12. Jahrhundert den Marktflecken zur Stadt und Zähringerhochburg. Erst 1330 wurde die Stadt durch Verpfändung habsburgisch und blieb es fast ein halbes Jahrtausend lang. Kein Krieg der Habsburger, der spurlos an der Kleinstadt vorbeigegangen wäre. Schweden, Franzosen und Österreicher belagerten oder zerstörten Rheinfelden. Dennoch hält man die Habsburgerzeit in Ehren: Die Fassade des Rheinfelder Rathauses ist mit einem Habsburgerwappen verziert. Erst seit 1803 gehört Rheinfelden zur Schweiz.

Auf dem Bänkli waren Schelme vor der Obrigkeit sicher

Die wechselhafte, mehr als tausendjährige Geschichte lässt sich gut im Fricktaler Museum an der Marktgasse nacherleben. Hier befindet sich auch das Rathaus, das wohl markanteste Gebäude der Stadt. In dessen Innenhof prangt das riesige Wandbild der Schlacht bei Sempach. Und Robi Conrad erzählt gern von den vielen Hochzeiten, die im historischen Rathaussaal abgehalten werden. «Es ist, als ob Kaiserin Maria Theresia dem Paar persönlich über die Schulter schaute», sagt er und weist auf das Konterfei der Monarchin. Kunsthistorisch besonders wertvoll ist der 15-teilige Glasgemälde­zyklus im Rathaussaal, mit Original-Bleiverglasungen aus dem Jahr 1530. Ebenfalls in der betriebsamen Marktgasse findet sich die neue Stadtbibliothek. «Wo früher Dietschy’s Bierhaus oder die Brasserie zum Salmen gewesen waren, finden die Bücher locker Platz», erklärt die Leiterin Barbara Scholer. Trotz der Umnutzung: Beizenmangel gibt es nicht in Rheinfelden. Es duftet gerade verführerisch von den Restaurantterrassen direkt am Fluss.

Eingewanderte Italiener, Gastarbeiter nannte man sie damals, fanden Obdach in den winzigen, dunklen Behausungen der Altstadt, WC und Dusche auf dem Gang. Heute sind die schmucken Häuser fast alle nach historischem Vorbild restauriert und von gutbetuchten Bürgern bewohnt. «Ja, es war teuer und aufwendig, Heimatschutz muss man wollen», erklärt Conrad. Für die gelungene Erneuerung wurde der Stadt 2016 der Wakkerpreis verliehen.

«Heiligenbilder wurden von den Leuten geschluckt in der Hoffnung, die Kraft des Heiligen würde in den eigenen Körper übergehen.»Robi Conrad, Stadtführer

Doch Skurriles aus alten Tagen ist immer noch zu entdecken. Da ist der zweiteilige Brunnen, nahe dem ehemaligen Hospiz. Das Trinkwasser wurde damals in einen Trog geleitet, das Abwasser in den anderen. Zum Schmunzeln ist die Geschichte des Schelmengässlis. Wer dort auf dem Bänkli sass, durfte von den Autoritäten nicht belangt werden. Doch niemand weiss, was geschah, wenn sich der Schelm aus der Gasse hinausbewegen wollte. Gut 1000 Jahre alt ist die katholische Stadtkirche St. Martin, Mittelpunkt der Altstadt. Robi Conrad mit einer ausgeprägten Vorliebe für Etymologie, der Herkunft und Geschichte der Wörter, verweist auf das Chorgestühl und lacht: «Wenn die aufklappbaren Sitzflächen in den Kirchen herunterfielen und Lärm machten, wurden die Leute ermahnt, ihre Chorstuhlklappen festzuhalten.»

Klappe halten, alte Schachtel, unter die Haube kommen. Conrad hat eine ganze Liste dieser noch heute gültigen Redewendungen zusammengestellt. Zahlreich sind seine Einträge zum Thema Pest. «Zum Beispiel wurden damals in den Kirchen kleine Heiligenbilder verkauft», erzählt Conrad. «Diese wurden von den Leuten geschluckt in der Hoffnung, die Kraft des Heiligen würde in den eigenen Körper übergehen und gegen die Pest schützen.» Was wohl nie geschehen ist, aber seither wissen wir, was ein Fresszettel ist.

Vier trutzige Tore prägen die Stadt. Eine Besonderheit des Obertorturms ist dessen Uhr, die seit jeher sieben Minuten zu früh schlägt. Da die Tore einst abends verschlossen wurden, blieb den auf den ­Feldern arbeitenden Bauern ge­nügend Zeit, in die Stadt zurückzueilen. Also kein Grund zur ­Torschlusspanik.

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