Sonnenschein für die Schattenseite

Das Bergdorf Tschiertschen GR erwacht zu neuem Leben – auch dank eines asiatischen Pferdenarren und eines einheimischen Kuhfreunds.

Thront wie eine Burg über Tschiertschen mit seinen alten Walserhäusern: Alpina Mountain Resort & Spa. Foto: Thomas Magyar

Thront wie eine Burg über Tschiertschen mit seinen alten Walserhäusern: Alpina Mountain Resort & Spa. Foto: Thomas Magyar

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Einen Türsteher benötigt das Haus mit dem etwas sperrigen Namen Romantik Hotel The Alpina Mountain Resort & Spa nicht, es hat ja Elvis: Gelassen liegt der schwarze Königspudel beim Eingang zur Lobby, die Vorderläufe akkurat gekreuzt. Altersweise beobachtet der Neunjährige das Geschehen.

Elvis ist der Liebling der Hotelgäste. Er kam mit dem Direktorenpaar Marlies und Michael Gehring vor drei Jahren nach Tschiertschen. Der Hund wurde zum inoffiziellen Maskottchen des Alpina. Dabei hängen in der Vierstern­herberge Bilder von Pferden und Jockeys. Besitzer Teo Ah Khing, ein Malaysier mit chinesischen Wurzeln, ist Rennstallbesitzer und Präsident des China Horse Club, einer Vereinigung einflussreicher Pferdenarren. Der Asiate kaufte das Alpina, das seine besten Zeiten längst gesehen hatte, per SMS.

Khing widersetzte sich seinen Beratern, die ihn zu einer Pinselrenovation drängten – und sanierte das Alpina gründlich. Entstanden ist ein Bijou mit viel Arvenholz in den 27 Zimmern und Suiten und einer bemerkenswerten Infrastruktur – von der feinen Wellnesszone über eine Cigar Lounge bis zur Vinothek im Gewölbekeller. Das Panoramarestaurant gewährt den Blick zu Weisshorn und Weissfluhjoch. Im Lokal, wo auch asiatische Gerichte serviert werden, trifft man auffallend viele Bündner Gäste. Tschiertschen scheint gewartet zu haben auf das neue Alpina.

Schneesicher die Pisten, beliebt das Postautocabrio

«Die Investition ins Hotel hat 2015 ein Zeichen gesetzt in der Gemeinde und für frischen Wind gesorgt», glaubt General Manager Michael Gehring. Im Dezember wird er einen zweiten Betrieb im Dorf eröffnen: Aus dem bis anhin von genügsamen Holländern frequentierten Gürgaletsch wird die Alpina Lodge. Das Konzept: ein Bed and Breakfast mit einem rustikalen, öffentlichen Restaurant.

Tschiertschen liegt zehn Kilometer von Chur entfernt auf 1350 m ü. M., am Schattenhang des Schanfiggs. Was nach Handicap klingt, gereicht im Winter zum Vorteil: Obwohl die 27 Pisten­kilometer des bis auf 2400 m ü. M. reichenden Skigebietes nur punktuell künstlich beschneit werden, gilt Tschiertschen als relativ schneesicher. Laune der Topo­grafie: Ein Teil der hochgelobten, zusammengeschlossenen Ski­arena von Arosa und Lenzerheide liegt auf Gemeindegebiet Tschiertschens. Ein direkter Zugang zum Pistenparadies fehlt jedoch.

«20 Millionen Franken», schätzt Rod Galanty, «würde der Anschluss Tschiertschens an die grossen Nachbarn kosten.» Der studierte Architekt und gebürtige Amerikaner bewohnt seit vier Jahren ein ehemaliges Maiensäss ob Tschiertschen und hat sich mit Gespür und Ideen ins Dorfleben eingebracht.

Galanty gehört dem Vorstand des Tourismusvereins an, der in diesem Sommer erstmals ein Postautocabrio zwischen Molinis, Tschiertschen und der Alp Farur pendeln liess. Der Oldtimerspass, der im Oktober fortgesetzt wird, sorgte für jene Publizität, die Tschiertschen seit dem Ableben des Ländlerkönigs und Wahl-Tschiertscheners Peter Zinsli nie mehr vergönnt war. Galanty wendet aber ein: «Auch dank des Alpina und seiner Gastronomie dringt der Name von Tschiertschen wieder in die Aussenwelt.» Der frühere Dozent an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel bäckt in Tschiertschen-Praden gerne kleine Brötchen: «Ich baue gerade für einen Landwirt eine Mistplatte und einen Güllentank.»

Intaktes Dorfbild, Bergsalsize, Hausorgel von 1820

Tschiertschen kann unmöglich mit den Big Playern mithalten, hat aber einen bestechenden Vorteil: ein intaktes, beinahe nostalgisches Dorfbild. An den Walserhäusern prangen immer noch fromme Sprüche, im renovierten Kirchlein wartet eine Rarität: eine Toggenburger Hausorgel von 1820 von Heinrich Ammann, Spross einer Wild­hauser Orgelbauerdynastie.

Unten im Dorf steht Barbara Hirt in der ehemaligen Post, die nun ein Lädeli mit Spezialitäten von 50 kleinen regionalen Produzenten ist. Kerngeschäft sind Salsize und Trockenfleisch, die Barbaras Sohn Adrian, 33, herstellt. «Nach alter Familien­tradition verwenden wir weder Pökelsalz noch Zusatzstoffe», sagt Barbara Hirt. «Eine Lake aus Wein sowie Gewürze sorgen für die rote Farbe von Fleisch und Würsten.»

Alpenhirt Adrian schlachtet mit Vorliebe ältere Kühe, deren Fleisch kräftiger im Geschmack ist. Und wer auf der Website des Start-ups Haltbarkeitsdatum und Produktnummer von Bündnerfleisch oder Bergsalsiz eintippt, erfährt die liebevoll aufbereitete Geschichte des vakuumierten Rindviehs. Wie sagt der Bündner? «Viva!»


Romantik Hotel, The Alpina Mountain Resort & Spa, Tschiertschen, DZ mit Frühstück ab 150 Fr., www.the-alpina.com www.alpenhirt.ch www.tschiertschen.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.09.2017, 12:58 Uhr

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