Schöner als im Märchen

Die Burg Eltz in Rheinland-Pfalz verblüfft die Besucher seit Jahrhunderten. Im Gegensatz zum Traumschloss Neuschwanstein ist sie echt.

Trutzig auf 129 Meter über Meer: Die Burg Eltz wurde nie gewaltsam erobert und im 14. Jahrhundert zur Wohnburg umgebaut. Bild: Heiko Specht/Laif

Trutzig auf 129 Meter über Meer: Die Burg Eltz wurde nie gewaltsam erobert und im 14. Jahrhundert zur Wohnburg umgebaut. Bild: Heiko Specht/Laif

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Welcher Blick auf die Burg Eltz ist spektakulärer? Jener aus der Ferne, wenn man vom Parkplatz her kommend die Höhenburg mitten in waldiger Hügellandschaft auf einem Felskegel thronen sieht? Oder derjenige nach einer Wegbiegung, wenn die Burg unvermittelt in den Himmel ragt?

Bei der zweiten Variante ist der Überraschungseffekt möglicherweise grösser, weil man schon etwas ausser Atem geraten ist. Schliesslich hat man nach der Anfahrt mit der Moseltalbahn eine stündige Wanderung von Moselkern, einem verschlafen wirkenden, hübschen Dorf, entlang der Elz hinter sich. Samt Sichtung eines vorbeiflitzenden Eisvogels.

Hätte der bayrische König Ludwig II., der gemeinhin als Märchenkönig verklärt wird, die Burg Eltz in Rheinland-Pfalz gekannt, er hätte sich den Bau von Neuschwanstein schenken können. Denn hier steht der Inbegriff der mittelalterlichen Burg. Etwas weniger protzig als Neuschwanstein, dafür in echt. Sie wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts an einem Handelsweg zwischen dem Moselland und dem Maifeld gegründet, die Bauzeit erstreckt sich von der Romanik bis zum Frühbarock. Der spätromanische Bergfried und Reste des romanischen Wohnhauses sind immer noch erhalten, prägend ist die Gotik. Die Festungsanlagen sind im 14. Jahrhundert verschwunden, die Burg Eltz ist eine trutzige Wohnburg.

Sie liegt etwas versteckt in einem Seitental der Mosel auf einem siebzig Meter hohen Felsen, der aus dem Naturschutzgebiet Eltzer Wald emporragt. Der Engländer William Turner (1775–1851), einer der bekanntesten Maler der Romantik, hat die Burg Eltz mehrfach gemalt, und der französische Romancier Victor Hugo (1802–1885) besuchte sie und schrieb danach in sein Tagebuch: «Hoch, mächtig, verblüffend, finster. So etwas habe ich noch nie gesehen.»

Seit 850 Jahren gehört die Burg derselben Familie

Die Burg Eltz wurde nur einmal belagert und nie zerstört. Und sie ist seit ihrer Erbauung, seit gut 850 Jahren, in der Hand ein und derselben Familie. Den Namen des heutigen Burgbesitzers – er repräsentiert die 33. Generation – muss man eigentlich laut vor sich hersagen: Karl Graf und Edler Herr von und zu Eltz-Kempenich Faust von Stromberg.

Der 68-jährige promovierte Wirtschaftswissenschaftler hat vier Kinder und lebt in Frankfurt am Main und auf seinem stattlichen Hof zu Eltville am Rhein. Gelegentlich bezieht er auch einen der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Teil der Stammburg. Kurz vor unserem Besuch hat er dort das schwedische Königspaar bewirtet. Silvia und Carl Gustav sollen sehr angetan gewesen sein.

Der Graf sieht, mit Verlaub, recht bürgerlich aus, doch nobel ist sein Umgang mit der Burg Eltz. Ihm ist, wie den Ahnen, an deren Instandhaltung sehr gelegen. Die von und zu Eltz hielten zudem wenig von zeitgeistigem Firlefanz und hatten stets einen Sinn fürs Authentische. So bekommt man auf den geführten Rundgängen kaum Museales zu sehen, sondern erhält einen Eindruck davon, wie die Grafen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit hier gelebt haben: Wohn- und Kinderzimmer, eine Küche aus dem 15. Jahrhundert, Hauskapelle und zwanzig Plumpsklo-Erker. In den acht um einen Innenhof gruppierten Wohntürmen hausten in den besten Zeiten bis zu hundert Familienmitglieder und etwa nochmals so viele Bedienstete.

Alte Kanonenbolzen und kunstvolle Trinkschalen

Die Zimmer sind original möbliert: Im Kinderzimmer sehen wir ein Himmelbett aus der Renaissance, in der Rüstkammer die ältesten Kanonenbolzen der Welt oder ein von den Türken erbeutetes Sägezahnschwert aus der Schlacht am Kahlenberg (1683). In einem Wohnzimmer steht ein 400 Jahre alter Klappstuhl, an der Wand hängt ein Bild von Lucas Cranach dem Älteren: die 1510 gemalte Madonna mit Kind und Weintrauben.

In der Schatzkammer treffen wir auf den Beweis, dass es auf der Burg Eltz zuweilen feuchtfröhlich zu- und herging: Das Prunkstück ist eine um 1600 gefertigte kunstvolle goldene Trinkschale in Form der Jagdgöttin Diana, die auf einem Hirsch reitet. Wenn man das Gefäss aufzog, fuhr es den Tisch entlang. Wo es stehen blieb, musste es geleert werden. Das Trinkspiel wird flankiert von einer skurrilen Figur aus dem Jahr 1557: Ein Fass mit Menschenkopf und Bocksfüssen schiebt eine Schubkarre mit einem Fettwanst. Titel: «Die Völlerei von der Trunksucht befördert». Märchenkönig Ludwig hätte daran bestimmt seine Freude gehabt.

Burg Eltz ist bis zum 1. November täglich geöffnet, Führungen alle zehn Minuten, Eintritt 10 Euro; www.burg-eltz.de Koblenz und Rheinland-Pfalz: www.gastlandschaften.de (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.10.2018, 23:08 Uhr

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