Nicht nur der Wein allein

Die Cité du Vin macht Bordeaux für Touristen noch attraktiver. Trotzdem lässt sich dem Thema Rebensaft leicht entkommen.

Wasserspiele: Spiegeleffekte an der Place de la Bourse nahe dem Ufer der Garonne. Foto: Sebastien Ortola/REA/laif

Wasserspiele: Spiegeleffekte an der Place de la Bourse nahe dem Ufer der Garonne. Foto: Sebastien Ortola/REA/laif

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Fauchen und Rascheln, Trippeln und Tasten: Es ist eine unruhige Nacht im kleinen Hotel in Bordeaux. Die Geräusche stammen unzweifelhaft von einem flinken Vieh, das über dem Schlafzimmer sein Unwesen treibt. Endlich gibt der Störenfried auf, um beim Morgengrauen mit doppelter Energie wieder zu starten.

Wir erinnern uns dunkel an unheimliche Nächte in einem alten Bauerngut in der Provence. Der Täter damals: ein Siebenschläfer.

Die Réceptionistin will am Morgen nichts von vierbeinigen Hausbewohnern des Zwischen­bodens wissen. Also ziehen wir los, Bordeaux zu erkunden und geniessen zuerst eine der schönsten Stadtfassaden Europas: Hinter dem braunen Fluss, der gemächlich über 135 Kilometer zum Atlantik mäandert, erheben sich dicht an dicht mehrstöckige Bürgerhäuser wie eine Stadtmauer mit Fenstern und Türen. Die Sandsteinfassaden, die vor zwei Jahrzehnten graue Tristesse verbreiteten, sind nun beige, ockerfarbig, hellgrau oder goldgelb. Eine neue Restaurierungstechnik mit Einsatz einer dünnen Schicht Kiefernharz schützt den porösen Stein und frischt die Fassaden auf. Hinter der kilometerlangen Reihe ragen Kirchtürme in den grauen Himmel, links stört ein einsames Hochhaus das viel gerühmte Panorama, das mithalf, Bordeaux im «Lonely Planet»-Rating zur schönsten europäischen Stadt 2017 zu küren.

Skater, Jogger und Spaziergänger, die an der unendlich langen Promenade am linken Garonne-Ufer unterwegs sind, komplettieren das Bild einer wohlhabenden, entspannten Stadt, in der die meisten Einwohner in lautlosen Trams und auf Velos unterwegs scheinen.

Eveline Veinberg steht vor dem Antiquitätenmarkt Le Passage und sagt: «Es ist nicht alles Gold, was in Bordeaux glänzt.» Wir sind im Quartier Saint-Michel gelandet, das einen deutlich schäbigeren Eindruck hinterlässt als die Fussgängerstrasse Sainte-Catherine, das Grand Théâtre oder das goldene Dreieck der Stadtalleen.

An der Strasse, die vom Le Passage zur Markthalle Les Capucins führt, schauen gelangweilte Rentner Kindern beim Spielen zu, ein Akkordeonist entlockt seinem Instrument wehmütige Weisen, aus einem Coiffeursalon summt ein Rasierapparat, und Eveline erzählt die Geschichte des Quartiers, in dem einst einfache Arbeiter hausten. Sie wurden von spanischen und portugiesischen Immigranten abgelöst. Die Iberer bleiben weiterhin präsent mit Tapas-Bars und Fischrestaurants. Wer Geld habe, gehe und schaffe, so Eveline, im «Herzen von Bordeaux» Platz für Bulgaren und Nordafrikaner. «Man kann hier die Spuren der Irrungen und Wirrungen der Weltgeschichte sehen», sagt Madame Veinberg.

Vom Campanile von Saint-Michel schlägt es 13 Uhr, und Eveline, eine energische, blonde Mittfünfzigerin, führt durch ihr Lebenswerk. Im Passage verkaufen Dutzende von Händlern Antiquitäten, Kunst und aus der Mode gefallene Designerstücke. In einer Ecke lehnt ein Paar kantenloser Ski mit Zugbindung – das ideale Dekor für eine alpine Fonduehütte. Schilder von der Sorte «Zutritt auf eigene Verantwortung» hängen an den Wänden.

Ein Ehepaar, das auf der Rückreise von Spanien haltmacht in Bordeaux, bestaunt die hippen Stühle aus Schweden und Dänemark. «Skandinavische und metallene Möbel sind die Verkaufsschlager», sagt Eveline. Pro Woche kommen 1000 Besucher in die Brocante, die im früheren Leben ein Lagerhaus für Bananen war. Mitbesitzerin Eveline hofft, dass die Immobilienhaie das Quartier in Ruhe lassen und den Multikulti-Grove nicht zerstören.

Hunderttausende demonstrierten gegen Panscher

Die Drogendealer, die bei Einbruch der Dunkelheit in Stellung gehen, nimmt man in Kauf, schwere Kriminalität gibt es kaum.

Ein anderer Stadtteil von Bordeaux beendet seine Metamorphose: Die Cité du Vin hat seit 2016 aus dem Hafenquartier Bacalan einen Touristen-Hotspot gemacht. Eine halbe Million Besucher strömte während des ersten halben Jahres nach der Eröffnung in den Palast, dessen 55 Meter hoher Turm mit 2500 reflektierenden Aluminiumplatten bestückt ist. Bei Sonnenlicht imitieren sie den funkelnden Wein im Glas.

Obgleich über 10 000 Weingüter rund um Bordeaux Millionen von Litern produzieren, bemüht sich die Cité um die globale Perspektive und einen unaufdringlichen pädagogischen Ansatz. Das 80 Millionen Euro teure Projekt ist viel mehr als ein Disneyland und Marketinginstrument für Freunde des einheimischen Tropfens. Mittels eines am Eingang gefassten Tablets erfährt der Besucher in acht Sprachen an 90 Stationen ziemlich alles, was man über Wein noch nicht wusste. Dass zum Beispiel 1907 fast die zweite französische Revolution ausbrach, weil Hunderttausende von Weinbauern gegen Panscher demonstrierten und der Staat die Armee auffahren liess. Oder dass Ende des 19. Jahrhunderts 11 Milliarden Weinstöcke in der Grande Nation mit widerstandsfähigen Sorten aus Übersee aufgepfropft wurden. Die Reblaus hatte die Bestände radikal vernichtet.

Im Haus bietet sich auch Gelegenheit zur Praxis: Gaëlle empfängt uns zu einem Degustier-Workshop. Wir lernen, den Wein korrekt im Glas zu schwenken und durch den Gaumen zu manövrieren. Gaëlle kredenzt: Prosecco («Basilikumnote»), einen Rosé aus dem Languedoc («Aprikose und Ingwer, klare asiatische Note»), einen schweren Roten aus Uruguay («Zimt») sowie einen Algerier («passt zu Spargeln»). Während des Schlussbouquets schreiten hinter der Vorkosterin auf einem Screen Kamele majestätisch durch eine zauberhafte Dünenlandschaft.

Wie die Canelés in Gugelhopfform entstanden

Degustieren kann man überall in der Stadt, in Weinbars und -handlungen, wo schon mal eine zwei Meter hohe Rothschild-Flasche den potenziellen Käufer begrüsst. Gleichwohl haben wir in Bordeaux eine stärkere Präsenz des Weinthemas erwartet. Dass es heute relativ wenige Weinhändler in der Stadt gibt, daran ist Philippe de Rothschild schuld, der 1928 die Flaschenabfüllung erfand und den Weinverkauf hinaus in die Kellereien und Domaines verdrängte.

Das einst berühmte Weinhändlerviertel von Bordeaux, Chartrons, ist heute ein normales Büro und Wohnquartier. Die meisten Kontore und Lagerhallen sind zweckentfremdet.

Immerhin, der Bordeaux-Wein bestimmt die schweren Saucen in den Brasserien der Stadt – und indirekt die köstlichste Süssigkeit, welche Bordeaux zu bieten hat. Die Canelés, Gebäcke in Gugelhopfform zwischen drei und zehn Zentimeter hoch, werden aus Eigelb, Mehl und Rum gebacken und mit einer dünnen Caramelschicht überzogen. Aussen knackig, innen butterzart, sind die Canelés nur ein Abfallprodukt der Weinwirtschaft. Um den Bordeaux nach der Gärung zu klären, verwendet man bis heute Eiweiss, das im Fass langsam zu Boden sinkt, klumpt und alle Partikel bindet, die den Rebensaft trüben. Da ein Ei in Ewigkeit stets aus Eiweiss und Eigelb besteht, muss für Letzteres sinnvolle Verwendung gesucht werden: voilà les Canelés.

Und der Siebenschläfer?

Macht seinem Namen Unehre und ist sehr wach, die halbe Nacht. Aber auch ein Beweis: Diese Stadt lebt.


Die Reise wurde unterstützt von Office de Tourisme de Bordeaux und Easyjet (SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.08.2017, 13:16 Uhr

Boutique-Hotel, Palast und ein altes Bananenlager

Anreise Täglich mit Easyjet von
Basel und Genf nach Bordeaux, www.easyjet.com

Zug Mit dem TGV nach Paris, Gare du Lyon. Neue TGV-Verbindung Paris Montparnasse–Bordeaux.

Unterkunft Maison du Lierre, stilvolles Boutique-Hotel,
www.hotel-maisondulierre.com
Intercontinental, feudaler Palast an bester Lage,
www.bordeaux.intercontinental.com

Cité du Vin Alles über Wein,
multimedial aufbereitet,
www.laciteduvin.com

Le Passage Antiquitäten, Design & Kunst im alten Bananenlager,
www.lesbrocanteursdupassage.fr

Allgemeine Infos
www.bordeaux-tourisme.com

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