«Meine Mutter stellte mich auf die Langlaufski»

Olympiasiegerin Tanja Frieden setzt sich dafür ein, dass jedes Kind einmal in ein Skilager kann.

«Schneesport ist ein Schweizer Kulturgut»: Tanja Frieden auf der Elsigenalp im Berner Oberland. Foto: Sandra Blaser

«Schneesport ist ein Schweizer Kulturgut»: Tanja Frieden auf der Elsigenalp im Berner Oberland. Foto: Sandra Blaser

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Tanja Frieden, finden Sie, ein «richtiges Schweizer Kind» muss Ski fahren können?
Ich finde, jedes Kind, das in der Schweiz aufwächst, sollte die Chance haben, unsere Bergwelt und den Schneesport zu erleben.

Was verstehen Sie unter Schneesport?
Alle Aktivitäten im Schnee. Es geht mir auch darum, dass die Kinder das Element Schnee kennen lernen: Dass man auf Schnee gleiten, mit Schnee bauen kann. Dass sie den Schnee knirschen hören, die Kälte spüren. Ob bei der Schneeballschlacht oder beim Engeli-in-den-Schnee-Zaubern – der Spass steht im Vordergrund.

Wann und wo haben Sie die neue Schneesaison eröffnet?
Am 1. Advent auf der Sportanlage Weyermannshaus in Bern. Dort wird mit dem Abrieb der Kunsteisbahn auf einem Hügeli eine Minipiste präpariert, ein «Zauberteppich» befördert die Knirpse hoch. Der Burner, sensationell! Luam hat die erste Abfahrt seines Lebens auf dem Snowboard gemeistert.

Luam, ihr Sohn, ist erst zwei Jahre alt. Sind Sie auch schon so früh auf der Piste gestanden?
Ja, allerdings stand ich zuerst auf der Loipe. Meine norwegische Mutter stellte mich auf die Langlaufski, sobald ich gehen konnte. Wenig später fuhr ich mit meinem Vater Ski. Und mit elf, als das Snowboard aufkam, wechselte ich aufs Brett.

Auf dem Snowboard haben Sie es bis zum Olympiasieg 2006 in Turin gebracht. Was hat sich seither in Ihrem Leben getan?
Nach meinem Rücktritt 2010 und etlichen Weiterbildungen habe ich mit Coaching begonnen. Aus 14 Jahren Spitzensport weiss ich: Wenn etwas nicht geht, gibt es immer eine Chance, wieder aufzustehen.

«Mit drei Klicks im Internet ist ein Lager zusammengestellt.»

Wo finden Sie heute den Kick, den Sie früher beim Boardercross erlebten?
Ich bin froh, dass ich diesen Kick nicht mehr brauche! Aber nach wie vor gebe ich alles, um meine Ziele zu erreichen. Das gilt auch für die Schneesportinitiative, ich will immer noch mehr, und ich habe den Mut, mich aufs Ungewisse einzulassen. Damit treibe ich mein Umfeld manchmal zum Wahnsinn.

Seit 2014 sind Sie Präsidentin des Vereins Schneesportinitiative Schweiz. Was genau macht GoSnow?
Die Initiative bietet Schulen in der ganzen Schweiz komplett organisierte Schneesportlager und -tage zu günstigen Preisen an. Wir wollen die Lehrperson entlasten, mit drei Klicks im Internet hat sie das Lager zusammengestellt.

Ihre Generation ist über die Eltern zum Skifahren gekommen. Wie sieht das bei den Kindern von heute aus?
Heute, davon bin ich fest überzeugt, müssen wir den Weg über die Schulen einschlagen. Nur so können wir gewährleisten, dass jedes Kind in der Schweiz mit dem Schneesport in Kontakt kommt. Und nur so erreichen wir auch Kinder mit Migrationshintergrund, deren Eltern nicht schneeaffin sind.

Ihre Vision ist, dass jeder Schüler, jede Schülerin während der obligatorischen Schulzeit mindestens einmal ein Schneesportlager besucht.
Das sollte doch möglich sein! In der Schweiz, wo der Schneesport als Kulturgut gilt. Das Wichtigste ist, dass Lehrer, Schüler und Eltern wissen, ein Schneesportlager ist machbar und bezahlbar – es gibt keine Ausrede mehr.

Skisport ist teuer, nicht alle Eltern können das den Kindern bieten.
Tatsächlich haben 60 Prozent der Kinder keine eigene Skiausrüstung mehr, deshalb ist in unseren Lagern die Ausrüstung dabei – wie gesagt, es gibt keine Ausrede mehr.

«Unvergessliche Erlebnisse müssen nicht teuer sein.»

Haben Sie einen Tipp, wie sich Familien Skiferien leisten können?
Man muss sich informieren, es gibt tolle und bezahlbare Angebote in kleinen Skigebieten. Und man soll kreativ sein, zum Beispiel eine Fonduepfanne einpacken und am Waldrand einen Fondueplausch machen. Solche unvergesslichen Erlebnisse müssen nicht teuer sein.

Tatsächlich zieht es Familien im Winter immer häufiger in die Ferne – eine Entwicklung, die Ihnen Sorgen macht?
Das gibt mir schon zu denken. Solche Ferienangebote sind ja teilweise günstiger als eine Woche in den Schweizer Bergen. Aber ich bin keine Heilige, auch wir sind schon im Winter an die Wärme geflogen.

Luam war schon als Einjähriger am Strand von Indonesien ...
Marc, mein Lebenspartner, besitzt auf der Insel Sumbawa ein Hüsli, als Profi-Kitesurfer lebte er jahrelang dort. Wir waren zuletzt im Oktober auf der Insel, man lebt dort sehr einfach, die Kultur ist völlig anders – Lebensschule pur für Luam.

Wird aus Luam mal ein Kitesurfer oder ein Snowboarder?
Hauptsache, er steht auf einem Brett!

Was liegt bei den Kindern und Jugendlichen momentan im Trend, Ski oder Snowboard?
Die Jugend fährt primär wieder Ski. Der extreme Snowboard-Boom gab der Skiindustrie einen Kick. Das Carven entstand, was das Skifahren einfacher machte. Auch Tourenfahren ist heute sehr beliebt, das setzt aber einiges an Können voraus.

«Das Ziel ist, dass die Schüler in einer Woche die blaue Piste schaffen.»

Die Schneesportinitiative Schweiz existiert seit vier Jahren – was haben Sie bisher erreicht?
GoSnow organisierte 2016/17 total 72 Lager für 3000 Kinder. 2018/19 sind es bereits 150 Lager für 7000 Kinder. Jahr für Jahr bringen wir mehr Kinder in den Schnee. Wir stellen fest, dass die Schulklassen mit im Schnitt 34 Schülern grösser werden, dass beispielsweise ein ganzer Jahrgang einer Schule zusammen ins Lager reist.

Wo in der Schweiz finden die meisten Ihrer Schneesportlager statt?
Spitzenreiter ist das Saastal im Oberwallis, Saas-Fee war von Anfang an dabei und hat mit den Schneesportlagern eine neue Zielgruppe entdeckt: die Kunden von morgen. Die Initiative bietet also auch Skiorten eine neue Plattform, um sich zu präsentieren.

Wie viel kostet ein Schneesportlager pro Kind, welchen Anteil müssen die Eltern übernehmen?
Das ist von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Im Durchschnitt kostet ein Lager nur 295 Franken – dank der Zusammenarbeit mit unseren Partnern, dazu gehören neu die Jugendherbergen. Die Eltern zahlen 80 bis 150 Franken. Wir gehen davon aus, dass die Wohngemeinde, die Eltern und die Kinder einen Beitrag leisten, letztere beispielsweise, indem sie Altpapier einsammeln.

Wer nur einmal im Jahr ein paar Tage auf den Ski steht, macht kaum Fortschritte ...
Es ist erstaunlich, was die Kinder in kurzer Zeit lernen. Das Ziel ist, dass die Schüler in einer Woche die blaue Piste schaffen.

Und wie wollen Sie die Jugendlichen auf der Piste behalten?
Mit Anreizen für den Jugendlichen und die ganze Familie – verbilligte Bahntickets, Skimieten oder Skischulen. Im Idealfall wird das Kind die Eltern überreden, zusammen in die Berge zu fahren. Entscheidend ist, dass die Kinder den Zugang zum Wintersport finden. Ich bin zum Beispiel durch die Skilager auf den öffentlichen Verkehr gekommen. Mit der Familie waren wir stets im Auto unterwegs, ins Lager gings mit dem Zug.

Wie haben Sie damals die Skilager erlebt?
Als sehr bereichernd. Einmal habe ich einem Mädchen aus Bolivien das Skifahren beigebracht. Tagsüber haben wir unsere Grenzen etwa beim Schanzenspringen gesucht. Und abends sind wir weggeschlichen, haben «Chabis» gemacht. Was zählte, waren die Erlebnisse, so habe ich erstmals meine Gspäändli im Pyjama gesehen. Oder die Freundin gefragt: «Säg, wie pfuusisch du ii?»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.12.2018, 20:09 Uhr

GoSnow: Die Schneesportinitiative Schweiz

Tanja Frieden, 42, war während 14 Jahren Profi-Snowboarderin, 2006 gewann sie an den Olympischen Winterspielen in Turin die Goldmedaille in der Disziplin Snowboard-Cross. Im gleichen Jahr wurde sie zur Schweizer Sportlerin des Jahres gewählt. 2010 trat die Berner Oberländerin zurück vom Spitzensport. Seither arbeitet die ausgebildete Primarlehrerin als Coach und Referentin.

Seit 2014 engagiert sie sich als Präsidentin des Vereins Schneesportinitiative Schweiz, einer öffentlich-privaten Partnerschaft, mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche wieder vermehrt zum Schneesport zu animieren. Tanja Frieden wohnt mit ihrem Lebenspartner Marc Ramseier und dem gemeinsamen Sohn Luam, bald 3, in Gwatt bei Thun.

Schneesportinitiative Schweiz: www.gosnow.ch

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