Hemingway und der weisse Rausch

Der Schriftsteller war im Montafon Vorläufer der Freerider. Die Liebhaber unverspurter Hänge finden im Westen Österreichs ideale Verhältnisse und eine hervorragende Infrastruktur.

Paradies für Freerider: Die Skiregion Montafon ist eine der grössten Österreichs. Foto: Michael Neumann (Getty)

Paradies für Freerider: Die Skiregion Montafon ist eine der grössten Österreichs. Foto: Michael Neumann (Getty)

Er trank mit den Einheimischen Unmengen von Kirsch und verstrickte sich in eine leidenschaftliche Affäre mit einer exzentrischen Amerikanerin, die später seine zweite Frau wurde: Der junge Ernest Hemingway liess in den 20er-Jahren während zweier Winteraufenthalte im Montafon nichts anbrennen, wie eine interessante Ausstellung im «Haus des Gastes» in Schruns dokumentiert. Im Hotel Taube im Montafoner Hauptort schrieb er an seinem ersten Roman «Fiesta» – der Auftakt zu einer grossartigen Schriftstellerkarriere.

Hemingway liess sich aber auch vom damals aufkommenden Skisport begeistern und unternahm öfter Touren in der tief verschneiten Bergwelt des Rätikons. Das Madlenerhaus unterhalb der Bielerhöhe, die Wiesbadener Hütte am Fusse des Piz Buin oder die im Gauertal gelegene Lindauer Hütte mit den bizarren drei Türmen waren verbriefte Tourenziele. Hemingway stieg mit Seehundfellen an den Laufflächen der Ski auf, die Abfahrten führten ohne Zweifel über unverspurte Hänge – heute wäre der grosse Schriftsteller ein Freerider.

«Die erste Transportanlage im Tal entstand 1947 in Gaschurn, weitere folgten im Laufe der Jahre zügig», spannt Peter Marko, Geschäftsführer von Silvretta Montafon, den Bogen vom eigensinnigen Literaten in die neuere Zeit. Das grösste Bergbahnunternehmen Vorarlbergs, 2007 durch eine Fusion und der Übernahme durch die Bank für Tirol und Vorarlberg entstanden, investierte 150 Millionen Euro in die Infrastruktur. Ein Meilenstein war 2011 der Bau der Grasjoch- und der Hochalpila-Bahn, die seither über St. Gallenkirch die Verbindung der zwei Gebiete Nova und Hochjoch bietet.

80 Prozent Gefälle als Herausforderung

Die Tafel beim Einstieg in die Skiroute 55 Nova Süd, oben bei der Bergstation des Burg-Schlepp­liftes, verspricht schweiss­treibenden Spass: 80 Prozent Gefälle bei 375 Höhenmetern in unpräpariertem Gelände erwartet die erfahrenen Schneesportler. Noch um einiges anspruchsvoller ist der Aufstieg über den schmalen Grat zum Burg-Gipfel, von wo erst wenige Spuren steil in das weite Talbecken vor der Versettla und der Madrisella führen. Auch auf der gegenüberliegenden Seite, in den weiten Hängen unter dem Schwarzkopf und der Heimspitze, zeichnen Freerider lustvoll grafische Schlangenmuster in den jungfräulichen Schnee.

«Freeriden ist im Trend, die Topografie dazu ideal», lobt Bergbahnchef Marko. Der Boom berge aber auch gewisse Risiken, weshalb man dem Thema Sicherheit viel Gewicht beimesse: Tafeln informieren aktuell über die Verhältnisse, und auf dem Grasjoch wurde einspezielles Freeridecenter eingerichtet. Dort erteilt man Auskunft über das Wetter, die Wildschutzzonen und die Schneelagen abseits der Pisten, zudem vermietet das Center professionelle Ausrüstungen für dieFreerider. Mehrere Skilehrer und ­Bergführer organisieren Programme wie einen Freeride-Safety-Check oder Freeride-Abenteuer­tage und tragen mit dem Engagement zu mehr Sicherheit im Gelände bei.

«Der Wind bläst hier in der Regel von Süden, in den Nordwest- bis Nordostflanken ist deshalb oft mit Windverwehungen und extrem schneereichen Hängen zu rechnen», erklärt Skilehrer Michael zum Auftakt des Freeride-Safety-Checks. Gefahrenstellen finden sich vor allem in Kammlagen sowie in Rinnen und Mulden. An steilen Grashängen von Ost über Süd bis West drohen Gleitschneelawinen. Vor allem aber: «Freerider sollen sich nie allein ins Gelände wagen!», bläut Michael den Teilnehmern ein. Danach geht es mit Helm, Lawinensuchgerät und Rucksack inklusive Schaufel und Sondierstange ins Gelände: Die Handhabung der Geräte wird geübt, auf der Abfahrt der Aufbau der Schneedecke analysiert und auf einem präparierten Lawinenfeld die Suche mit dem «Pieps» getestet – der lehrreiche Nachmittag ist mehr als nur 52 Euro wert.

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Während über das Wochenende die Tagesgäste die Pisten und Tiefschneehänge bevölkern, ist es unter der Woche im Tal ruhiger. Manuel Bitschnau, Geschäftsführer von Montafon Tourismus, möchte die Besucher zu längeren Aufenthalten motivieren. Er hat auch die Schweizer Gäste im Visier. Das Montafon ist nach Serfaus-Fiss-Ladis deren zweitbeliebteste österreichische Winterregion.

Höchstgelegene Weinstube Vorarlbergs

Die Montafoner profilieren sich nicht nur als umsichtige, bodenständige Gastgeber, sie bauen auch das Angebot ständig aus: Oben auf der Versettla in der Nova Stoba wurde mit der Vinnova die höchstgelegene Weinstube Vorarlbergs eröffnet. Und auf diese Saison hin entstand in Gaschurn am Ende der neuen Versettla-Talabfahrt in der alten Talstation ein neuer Après-­­Ski-Treff mit Sportshop. Was der Popularität des urigen, oben im Dorf gelegenen Heuboda, wo ­bereits ab 17 Uhr zu Gassen­hauern getanzt wird, kaum abträglich sein wird. Im neuen Restaurant Stoba 7 der schicken Chalet-Dépendence des Sporthotels in Gaschurn werden regionale Spezialitäten wie der Sura Kees aufgetischt.

Am nächsten Morgen: Die Aussicht von der Zamangspitz, für berggängige Sportler nach einem kürzeren Aufstieg erreichbar, ist atemberaubend. Rundum grüsst das Panorama der schillernden Gipfel und Flanken der Silvretta, des Rätikons und des Verwalls. Der Blick geht zum Tal hinaus, in der Ferne ist im Dunst der Bodensee zu erahnen. Von hier aus sind bei guten Schneeverhältnissen tolle Geländefahrten über 1700 Höhenmeter bis ins Tal nach St. Gallenkirch möglich. Heute geht es aber um die Hänge runter zum Grasjoch: Im steilen Gelände ist Konzentration gefordert, weiter unten drehen die Ski im pulvrig-lockeren Schnee kräfteschonend und rhythmisch – erst das Brennen der Oberschenkel setzt dem weissen Rausch Grenzen. Kein Wunder, musste sich Hemingway, dem Hochprozentigen zugetan, mit Kirsch wieder etwas aufbauen.

Die Reise wurde unterstützt von Montafon Tourismus.

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