Heimelige Hütten

Mit alpinen Lodges ist eine neue Art von Unterkunft entstanden – doch nicht alle halten, was ihre Pendants in Kanada oder Skandinavien versprechen.

Hüttenfeeling pur: Das Hotel Chetzeron im Wallis thront wie ein Horst über dem Rhonetal. Bild: PD

Hüttenfeeling pur: Das Hotel Chetzeron im Wallis thront wie ein Horst über dem Rhonetal. Bild: PD

Wer im Wanna in der Nähe von St. Antönien GR ankommt, fühlt sich bei Anita und Jürg Meier rasch heimisch: Durch ein grosses Fenster blickt man in die Küche; eine Rezeption fehlt. In der Garderobe stehen Pantoffeln bereit. Das Herzstück des Hauses ist eine verblüffend grosszügige Lounge mit prasselndem Kaminfeuer und Bibliothek im ersten Stock. Statt im Prättigau wähnt man sich in der entspannten Ambiance einer kanadischen oder skandinavischen Lodge. Die sechs modernen Zimmer punkten mit viel Holz und spektakulären Ausblicken auf die Bündner Bergwelt.

Einst war der Ausdruck «Lodge» mit Skiabenteuer in Nordamerika verbunden. Tagsüber Wildnis, abends Wohlfühloase mit Jacuzzi. Gemütliches Blockhaus mit einem Hauch Luxus mitten in der Natur. In den letzten Jahren breitete sich der Begriff «Lodge» in der Schweiz schon fast inflationär aus. Mehrere Dutzend Hotels und Ferienwohnungen tragen heute den Titel Mountain oder Alpin(e) Lodge. Ist ein neuer Typus von Herbergen entstanden?

Hinter dem Angebot verstecken sich oft zwei Absichten: Zum einen sprechen die Besitzer eine internationale Kundschaft an, welcher der Begriff «Lodge» geläufig ist, zum anderen nutzt man ihn, um eine Budget- oder Mittelklasseherberge zu veredeln. Hotellerie Suisse legitimiert das Upgrade: Der Verband hat «Swiss Lodge» als Basiskategorie für Mittel- und Kleinbetriebe eingeführt, welche die Voraussetzungen für eine höhere Klassifizierung nicht erfüllen.

In einer ganz anderen Liga spielen ein paar Luxus-Lodges. Bekanntestes Beispiel: The Lodge in Verbier, ein feudales Blockhaus im Besitz von Virgin-Chef Richard Branson, kann ab 101 000 Franken pro Woche gemietet werden. Inbegriffen: Mahlzeiten und Getränke für bis zu 18 Personen. Zu Diensten steht eine 15-köpfige Brigade samt Chauffeur-Service rund um die Uhr. Auch gediegen, aber in einer tieferen Preisklasse geht es in der Fruttlodge in Melchsee-Frutt OW oder in der Alpine Lodge in Gstaad BE zu und her. Es gibt natürlich auch eine ganze Reihe von erschwinglichen Häusern, die sich unter neuem Namen eine zweite Identität geben wollten oder eine eigentliche Transformation durchliefen: Das Hotel Belgrat auf der Belalp VS wurde zur Hamilton Lodge, das Alpina in Engelberg OW zur Ski Lodge, und das Hotel Conrad in Silvaplana GR zu Conrad’s Mountain Lodge. Nur: Auch mit viel hölzernem Alpine Chic und filzigem Ethno-Look lässt sich kein echtes Lodge-Feeling erzwingen. Authentischer sind einige einfache Herbergen, die sich dank Kreativität der Besitzer in eigentliche Bijous verwandelt haben: Aus einer Pension entstand die Brücke 49 in Vals GR und aus einem einstigen Ferienheim die Lenk Lodge an der Lenk BE.

Der ehemalige Seilbahnbunker wurde renoviert und veredelt

In Graubünden ist auch ein neuer Typ entstanden: Die Bever Lodge und die Revier Mountain Lodge in Lenzerheide sprechen mit modernem Holzausbau ein sportliches, Lifestyle-affines Publikum an.Holz ist allerdings nicht Pflicht für die Gestaltung einer lodgeähnlichen Herberge in einem Skigebiet, wie das Hotel Chetzeron oberhalb Crans-Montana VS zeigt. Funktionale Gebäude in solcher Höhe (genau 2112 Meter über Meer) sind in der Regel hässliche Seilbahn­stationen. Diese Aufgabe versah das Chetzeron bis zur Ausrangierung 2001. Doch der schweizerisch-libanesische Gastrounternehmer Sami Lamaa war vom Potenzial der Lage so überzeugt, dass er das Haus nach zehn Jahren Dornröschenschlaf weckte, erst als Restaurant, seit vier Jahren als Hotel.

Zusammen mit dem Architekten Ambroise Bonvin verwandelte er den Seilbahnbunker in ein Bijou. Aussen wurde die Betonstruktur mit lokalen rohen Steinen verkleidet, wie man sie von Hütten des Schweizerischen Alpen-Clubs (SAC) kennt. Im Innern aber wurde der ursprüngliche Charakter belassen, was der Lobby eine in solcher Lage kaum gesehene Grosszügigkeit und Luftigkeit verleiht. Die Panoramaverglasung der dominanten Kabineneinfahrt wurde zum neuen Wahrzeichen des Hotels. Der Innenausbau mit Eiche sorgt als Kontrast zum Beton für behagliches Hüttenfeeling. Auf Bilder wurde bewusst verzichtet: Die Gipfelparade von Monte Rosa übers Matterhorn bis zum Mont Blanc ist die schönste Kulisse. Damit die Gäste die Aussicht uneingeschränkt geniessen können, gibt es in allen 16 Zimmern gepolsterte Fensterplätze. Adlerhorst-Ambiance bieten sonst nur SAC-Hütten, aber diese verfügen weder über ein Gourmetrestaurant noch über eine Wellnesszone.

www.chetzeron.ch/de

www.wanna.ch

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