Für Keramik gibt es wieder Kohle

In Lothringen blüht neues Leben in Industrieruinen. Das Jugendstilmekka Nancy sollte man nicht verpassen.

Prachtvoll, monumental: Die Place Stanislas in Nancy. Foto: Bertrand Rieger/Laif

Prachtvoll, monumental: Die Place Stanislas in Nancy. Foto: Bertrand Rieger/Laif

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Lindgrün überzieht bröckeliges Mauerwerk. Wie lange sich die ­Reben schon an der Fassade der ­Fayencerie de Lunéville empor­ranken, weiss Madame Häckler nicht zu sagen. Nur, dass die ­Fabrik, in der auch heute noch Fayencen hergestellt werden, in Saint Clement schon seit 1758 steht.

Ein lang gezogener Bau mit einer Toreinfahrt, wo der Putz von den Wänden fällt. Früher haben hier über 1200 Arbeiter Teller und Tassen, Schalen und Krüge aus Ton für Könige und Untertanen geformt, gebrannt und bemalt. Jetzt werkeln in den hohen, grauen Hallen gerade noch 19 Mitarbeiter.

Geschirr mit Stil: Kunstvolle Keramik aus Lothringen. Foto: Brigitte Jurczyk

«Lothringen war berühmt für seine Keramik. Das ist lange her», bedauert Anneliese Häckler von den Manufactures royales, den königlichen Manufakturen. Die Chinesen haben den Markt erobert. «Massenware, billig.» Der abschätzige Blick von Madame sagt alles. Aber einstellen wollte man die Produktion nicht.

Man schloss sich mit weiteren Fayencerien zusammen und trotzt nun mit Ideen dem Ansturm aus Fernost. «Als wir im Werk ankamen, fanden wir im Abfall alte metallene Musterschablonen», entrüstet sich Häckler. Die Angestellten bemalen damit nun die nostalgischen Café-au-lait-Schalen, ohne die in Frankreich früher kein Haushalt auskam. Die handgefertigtem «Bols» verkaufen sich bestens – als Müeslischalen. Sogar der bekannte, auf kleine Manufakturen spezialisierte Onlineshop ­Manufactum hat sie im Angebot und verschickt sie in alle Welt.

Der letzte Herzog starb am heissen Kamin

Die traditionsreichen Fayencerien sind typisch für die Region, in der sie einst einen wichtigen Erwerbszweig bildeten. Historisch Gewachsenes hat Jahrhunderte überdauert, doch die glanzvollen Zeiten sind vorbei. Lothringen im Nordosten Frankreichs galt lange als das «Schmuddelkind» der Grande Nation, die «Arbeitervorstadt». Kohleabbau und Stahlindustrie gaben den Menschen Arbeit, reich wurden die Industriellen im fernen Paris. Zwischen 1818 und 1987 wurde an knapp 60 Standorten Steinkohle abgebaut. 2004 endete die Kohleförderung. Arbeitslosigkeit wurde zum Dauerthema.

Der wirtschaftliche Stillstand hatte auch gute Seiten. Wo das Geld für den Wiederaufbau fehlt, wird nicht so schnell abgerissen. In die stillgelegten Bergwerke zogen Ökomuseen ein, Industriegebäude verwandelten sich in Galerien mit Klang- und Lichtinstallationen. Städtchen und Dörfer behielten den Charme vergangener Tage.

Reisende stossen heute auf architektonische Schätze wie das Schloss in Lunéville, das lothringische Versailles. 1766 starb hier der letzte Herzog von Lothringen, Stanislaus I. Leszczy?ski, unter tragischen Umständen an Brandverletzungen, die er sich zuzog, als er einem Kamin zu nahe kam und seine Kleidung entflammte. Das zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörende Herzogtum fiel daraufhin an Frankreich.

Eine halbe Autostunde entfernt liegt die 100 000-Einwohner-Stadt Nancy. Sie war früher die Hauptstadt des Herzogtums Lothringen, heute ist es die des Départements Meurthe-et-Moselle. 1970er-Jahre-­Hochhäuser versperren zunächst den Blick auf die Place Stanislas, den monumentalen Platz, in Auftrag gegeben von eben jenem letzten Herzog Lothringens. Das klassizistische Gebäudeensemble wurde 1983 in die Liste des Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen.

Nancy ist noch für eine andere Stilrichtung berühmt: die Art Nouveau, die hier École de Nancy heisst. Im reich verzierten Musée de l’École de Nancy lassen sich die kunstvollen Möbel, Keramiken und Glasarbeiten aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts bewundern.

Zu welcher Pracht die Künstler des Jugendstils fähig waren, entdecken die Gäste auch bei einem Besuch der Brasserie Excelsior in der Rue Henri Poincaré: bleieingefasste Fenster, verspielte Deckenstuckaturen und weiss eingedeckte ­Tische lassen einen blitzschnell in der Zeit zurückgleiten. «Oui, bien sûr. Natürlich kann ich mich an die hübschen Café-au-lait-Schalen aus der Fayencerie de Lunéville erinnern», bestätigt der befrackte Kellner des Restaurants, das schon morgens zum Frühstück gut besucht ist. Aber was das Geschirr angeht, ist man hier im ansonsten komplett erhaltenen Jugendstilambiente dann doch mit der Zeit gegangen.


Die Reise wurde unterstützt von Atout France.

Anreise Mit dem TGV ab Zürich via Strassburg nach Nancy. Mit dem PW ca. 3 Std. ab Zürich.

Hotel Les pages in Lunéville, www.hotel-les-pages.com

Fayencerie de Lunéville, Saint Clément; www.terresdest.fr

Info www.tourisme-lorraine.fr/de

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.06.2017, 10:47 Uhr

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