Einsamkeit im Morgengrauen

Sonntagsausflug an den Untersee, wo man mit dem Fischer zu den Netzen fährt und in Napoleons Schlossgarten lustwandelt.

Leider kein Felchen, der Fisch wandert zurück in den See: Fischer Rolf Meier auf dem Untersee. Foto: Daniel Ammann

Leider kein Felchen, der Fisch wandert zurück in den See: Fischer Rolf Meier auf dem Untersee. Foto: Daniel Ammann

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«Sieht nach einer Nullrunde aus.»

Hinter der Insel Reichenau, am deutschen Ufer, malt der anbrechende Tag goldene Streifen an den Horizont, ein letzter Stern funkelt am Himmel, der See ist spiegelglatt, das Boot schwankt kaum. Rolf Meier holt das Netz ein, Armlänge um Armlänge –und er ahnt, dass auch in diesem, dem vierten seiner sechs Felchennetze, kein Fisch zappelt. «Das spürst du schon am Anfang», sagt der 51-jährige Berufsfischer von Ermatingen am Untersee. Eine Nullrunde ist ihm schon lange nicht mehr passiert. «Aber abgerechnet wird erst nach dem letzten Netz», sagt er und erklärt: «Die Felchen stehen heute tiefer, und wenn sie nicht jagen, gehen sie nicht ins Netz.»

Ausgerechnet heute hat Meier Gäste an Bord, ein bisschen Jagdglück käme ihm gelegen. Dennoch: Einer wie Meier lässt sich wegen der leeren Netze die Stimmung nicht vermiesen. «Das Fischerglück ist launisch», hat der Thurgauer schon vor einer Stunde erklärt, kurz vor halb fünf, als er sein Boot in die Nacht hinaus steuerte. «Mal hast du das Boot voll, und ganz selten kommt es vor, dass du nichts fängst. Aber darauf kommt es letztlich gar nicht an.» Worauf denn?

Rolf Meier stellt den Motor ab, schaltet die Stirnlampe aus, legt den Finger auf die Lippen. «Pssst.» Da weicht, ganz langsam, die absolute Stille dem Klang der Natur. Hungrige Jungvögel zwitschern im Buschwerk am Ufer. Enten schnattern in der Bucht. Wasser plätschert. Und jetzt startet ein Schwanenpaar mit schlagenden Flügeln Richtung Berlingen.

«Das ist es», murmelt Rolf Meier. «Darauf kommt es an, das will ich vermitteln.»

Am Anfang war es ein Experiment gewesen, inspiriert von einer Zeitschrift, die ein Porträt vom Untersee-Fischer veröffentlichen wollte. Die stimmungsvolle Reportage über die Einsamkeit im Morgengrauen fand bei der Leserschaft Anklang, und so wurde aus der Story eine Idee und aus dieser ein Geschäftsmodell: Seither nimmt Rolf Meier abenteuerlustige Frühaufsteher mit auf den See, von Mai bis August und von vier Uhr in der Früh bis um sieben. Das Frühstück im Restaurant Seegarten gehört zum Angebot. Nebst Brot mit Honig und Konfitüre werden Felchen aufgetragen, selbst gefangen und frisch geräuchert .

Ein Tag, der so romantisch begonnen hat, muss kaiserlich fortgesetzt werden.

Zwischen Ermatingen und Berlingen, eine kleine Wanderstunde vom Seegarten entfernt, thront das Schlösschen Arenenberg auf der Anhöhe ob Mannenbach-Salen­stein. Es bietet dem Besucher einen einzigartigen Ausblick auf die lieblichen Landschaften rund um den Untersee und eine historische Rückschau über zwei Jahrhunderte, in die Zeit, als die Weltgeschichte, als Folge der Französischen Revolution, die Schweiz streifte.

Im Seegarten führen drei «Gräfinnen» das Zepter

Nach der verheerenden Niederlage im Juni 1815 nahe dem belgischen Dorf Waterloo wurde Kaiser Napoléon Bonaparte auf die Insel St. Helena im Südatlantik verbannt, die Mitglieder seiner Familie mussten Frankreich fluchtartig verlassen. Nach einer langen Odyssee fand des Kaisers Stieftochter Hortense Zuflucht am Untersee. Die nachmalige Königin von Holland erwarb das Schlösschen Arenenberg und zog hier ihre Kinder Eugenie und Louis Napoleon auf; Letzterer sass von 1852 bis 1870 als Napoleon III auf dem kaiserlichen Thron. Auf dem Seerücken beim Weiler Hohenrain hat er sich ein Denkmal setzen wollen – mit einem Turm, von dessen Plattform aus sich das Panorama vom Berner Oberland über den Säntis bis zur Zugspitze erstreckt. Der Turm des Kaisers hat die Jahrhunderte allerdings weniger gut überstanden als das Schlösschen der Mutter: Er musste einem Neubau weichen, durfte aber seinen Namen behalten: Napoleonturm.

Zur Mittagszeit ruft wieder der See­garten in Ermatingen, wo drei «Gräfinnen» das Zepter führen: Luzia Graf ist die Wirtin, Schwester Myrtha steht in der Küche, die Mutter der beiden, auch sie heisst Myrtha, serviert die Spezialität des Hauses: Spaghetti an einer Müller-Thurgau-Weissweinsauce mit Felchen, die via Räucherofen auf den Teller gelangen.

Unterseefischer Rolf Meier, der seine Frau Luzia, die Schwägerin und die Schwiegermutter täglich mit frischen Fischen versorgt, hätte heute gar keine Felchen liefern können. Aber seinen Mittagsschlaf hat er sich dennoch verdient: Kurz vor der Rückkehr, in den letzten Metern des letzten Netzes, lag ein kolossaler Fünf-Kilo-Hecht in den Maschen. War doch nix mit der Nullrunde.

Fischertour: Mai bis August, Preise: 100 Fr. für eine Person, 175 für zwei; www.seegarten-ermatingen.ch Schloss Arenenberg: www.napoleonmuseum.tg.ch

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.04.2018, 17:41 Uhr

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