Diese Wüste macht high

Diamantenhimmelcollier, Dromedardelirium, Dünenlounge: In der südlichen Sahara des Königreichs Marokko können wundersame Sachen geschehen.

Auf wogenden «Wüstenschiffen» unterwegs im unendlichen Dünenmeer – da kann man schon mal vorübergehend seekrank werden. Bild: Felix Maurhofer

Auf wogenden «Wüstenschiffen» unterwegs im unendlichen Dünenmeer – da kann man schon mal vorübergehend seekrank werden. Bild: Felix Maurhofer

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Und dann häng ich plötzlich in den Seilen, wie Muhammad Ali im legendären «Rumble in the Jungle»-Fight von 1974 in Kinshasa gegen George Foreman in den Seilen hing. Klar, bloss bildlich gesprochen und darum auch nicht in einem Boxring, sondern auf dem Rücken eines Dromedars, draussen in der Sahara, bei gefühlten 200 Grad Celsius – was es aber nicht wirklich besser macht.

Dabei hatte ich mich auf diesen Ausritt in den Erg Chegaga, die grösste Wüste Marokkos, gefreut wie ein Kind auf seinen ersten Ponyhofbesuch. Mehr noch, ich hatte das Tier im Vorfeld studiert (so gut das im Internet eben ging). Hatte gelernt, dass es eine gespaltene Oberlippe hat, seine Nüstern zum Schutz vor Sandstürmen verschliessen kann und dass seine natürlich gewachsenen Wimpernhaare länger sind als die längsten Kunstwimpern, die sich Models über die Lider kleben. Und anders als man uns in der Primarschule angelogen hatte, speichern diese Altweltkamele, die man wegen ihres schaukelnden Gangs durchs Sandmeer auch «Wüstenschiffe» nennt, die für einen Saharatrip nötigen 100 Liter Wasser nicht im Höcker (da befindet sich der Fettvorrat), sondern im Magen. Der besteht aus mehreren Kammern. Und dann noch dies: Im preisgekrönten Roman «Der Weltsammler» von Ilija Trojanow liest man die nicht eben charmante Passage: «Auf Reisen wie dieser war jeder oft allein mit sich selbst und mit seinem Dromedar, diesem mürrischen, widerspenstigen Tier, dessen einzige freundliche Geste aus einem gelegentlichen Furz ­bestand.»

Eigenartige Selbstheilung

Aber zurück auf den Dromedarrücken. Dass ich mich da oben in dieser Schieflage befinde, hat Gründe. Sie sind, was es blöder macht, als es eh schon ist, selbstverschuldet: Obwohl ich nur zu gut weiss, dass mein Körper auf Knoblauch reagiert, wie dies in Spielfilmen die Vampire tun, habe ich mir die vorherigen zwei Tage und Nächte aus kulinarischer Abenteuerlust jede servierte Köstlichkeit zwischen B wie Baba Ganoush (rauchiges Auberginenpüree), H wie Harissa (Chilipaste) und T wie Tajine de Poulet (Tontopf-Eintopf mit Poulet und Dörrpflaumen) einverleibt. Da die Speisen grossmehrheitlich mit Knoblauch angereichert sind, hat mein Magen, salopp gesagt, irgendwann die Schnauze voll und startet die Rebellion.

Nicht mal der sonst angeblich alles kurierende zuckrige Pfefferminztee kann noch was ausrichten; mir wird wind und weh, mit letzter Kraft klammere ich mich an den Sattelgriff, irgendwann lasse ich los und drifte in ein Delirium (oder etwas Artverwandtes). Es ist unfassbar schön, ein Schlummerzustand, lol und lall, warm und weich, entrückt, aber entspannt, voller Farben und Formen, für deren Beschreibung mir leider das Vokabular fehlt. Und dann, als der hinter mir wogende Kollege meint (wie er später erzählen wird), es sei um mich geschehen, ich würde sogleich runterfallen, kehre ich ins Diesseits zurück. Richte mich auf, fühle mich ziemlich fit, auch dem Magen geht es besser, er knurrt zufrieden.

Glauben Sie mir, ich hätte auch gern eine Erklärung dafür! Das Einzige, was ich weiss – wie Ali im Dschungel von Zaire bin ich in der Wüste von Marokko aus einer aussichtslos scheinenden Situation zurückgekommen. Allerdings: Als wir bald darauf auf einem 200 Meter hohen Sandberg stehen und zusehen, wie Jünglinge in himmelblauen Wehgewändern mit Kissen und Teppichen eine schicke Dünenlounge errichten, Schampusflöten mit perlender französischer Markenware füllen und Oliven, Salzmandeln und andere Leckerbissen bereitstellen, verlange ich von unserer Reiseleitung dann doch eine offizielle Bestätigung, dass es sich hier nicht um eine Sinnestäuschung handelt.

Im Erg Chegaga wird die Milchstrasse zum Schmuckstück. Bild: Felix Maurhofer

Durchaus denkbar, dass Sie eben das «Äh, wie bitte?»-Gesicht aufgesetzt haben, und es stimmt: Exquisiter Chlöpfmoscht mitten in einer wellenmeerartigen Einöde, die nun, als Adagio dirigiert von der untergehenden Sonne, ihre Farbe fliessend von Beige zu Ockerbraun zu Gelbbraun zu Goldbraun zu Kupfer zu Schwarzbraun verändert, bis diese sich (geografisch) und uns (gefühlsmässig) bewegende Wüstenszenerie letztlich nur noch als monochrom dunkle Ahnung nachhallt, das ist schon extra extravagant.

Dabei ist das sozusagen erst das Amuse-Bouche für eine vollends luxuriöse orientalische Nacht. Sie beginnt mit einem nächsten Aperitif. Danach werden gediegene Speis (speziell die mit Lamm, Käse, Kräutern und Zitronen gefüllten «Briouats»-Teigtaschen munden vorzüglich) und süffiger Trank (o ja, sie können die Assemblage, die Marokkaner!) und zum Ausklang eine kleine Nachtmusik serviert. Dann, als die Solarstromlampen erlöschen, geht der Blick nach oben, zum Naturlicht, will sagen: zur hier draussen surreal zauberhaft leuchtenden Milchstrasse, die mit genügend Oberschichtsfantasie problemlos zum himmlischen Diamantencollier verklärt werden kann.

Es gibt auch andere Extreme

Für das Finale schliesslich begibt man sich ins geräumige Edelzelt, zu dessen Ausstattung eine Dusche, eine Sitztoilette mit Wasserspülung, ein Ledersofa und ein bequemes Doppelbett gehören. «Diese Wüste macht irgendwie total high», lautet, wenn ich mich korrekt erinnere, die Zwischenbilanz vor dem Eindösen.

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Dass eine solch feudale Sache nicht Tourismus ab Stange sein kann, ist offenkundig. Tatsächlich gehört das Angebot zum Programm des Schaffhauser Veranstalters Let's go Tours, der dank der Kooperation mit dem bestens vernetzten lokalen Anbieter Sahara Services das nordafrikanische Königreich auch Liebhabern von detailliert planbaren Individualreisen schmackhaft machen möchte – notabene in allen Extremvarianten: Wer beispielsweise das Abenteuer fern jeder Komfortzone sucht, kann auf einem mehrtägigen, von Dromedaren und einem kundigen Berber geführten Fussmarsch lernen, wie man sich allein anhand des Firmaments orientiert, wie man im Sand ein Zelt aufbaut und wie in der Wüste gekocht wird.

Diese Challenge traut man unserer Journalistengruppe nicht zu (aufgrund des kleinen Dromedar-Dramas muss man eingestehen: wohl zu Recht). Gleichwohl tauchen auch wir, unterwegs in chauffierten Offroadern, auf der dreitägigen Route vom Draa-Tal zur imposanten alten Befestigungsstadt Aït-Ben-Haddou (die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört und dem Film «Gladiator» die Arena stellt) ein und ab in diese mystische Wüstenwelt. Die zu meinem Erstaunen gerade da besonders lebendig wirkt, wo sie quasi «verendet» ist.

Der Rallye-Training-See

Beispielsweise in der vermutlich etwa 2000 vor Christus entstandenen Kasbah von M’Hamid am Fluss Draa, deren Bewohner früher, als die Lebensader auch da im Süden noch Wasser führte, von der Bewirtung der Karawanen lebten, sich heute jedoch wegen der drastischen Versandung kaum noch selbst versorgen können – und die dennoch unbändig an ihrer verfallenden Stadt bauen und werken, als wüssten sie (und nur sie!) von einer Art geheimnisvollen Renaissance.

Noch eindrücklicher zeigt sich das Phänomen am Iriki-See unweit der Oasenstadt Foum Zguid. Dieses ausgetrocknete Gewässer ist erstens eine reichhaltige Fundgrube für Ammoniten und andere Versteinerungen, zweitens ein Trainingsgelände für Teilnehmer des Rallye Paris–Dakar, drittens ein Hotspot für erstklassige Fata-Morgana-Sichtungen und viertens, wenn er durch anhaltenden Regen temporär geflutet wird, ein Feriendomizil für Flamingos, Gänse, Wildesel und ausgebüxte Dromedare. Ja, und so wird das erste Fazit dann am Ende noch zu «Sorry, aber diese Wüste macht nicht nur high, die ist high» nachgebessert.

Die Reise wurde unterstützt von Let’s go Tours. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.11.2018, 18:38 Uhr

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Tipps und Infos

Flüge: Marrakesch: Nonstop ab Zürich mit Edelweiss, ab Basel/Genf mit Easyjet. Casablanca: Nonstop ab Zürich mit Royal Air Maroc.

Veranstalter: Let’s go Tours, Schaffhausen. Spezialist für Arabien, Afrika, Indischer Ozean. Tel. 052 624 10 77; www.letsgo.ch

Arrangement Wüstentrip: 4 Übernachtungen im DZ mit HP (Marrakesch nur Frühstück) ab 1175 Fr. p. P. bei Let’s go. Inbegriffen: Flughafentransfer, Fahrt mit Chauffeur im 4x4, Dromedarritt.

Hotels, Zelte : Kasbah Sahara Services, M’Hadid: Startort für Wüstentrips (hotelmhamid.com). Irocha, Tisselday: Gasthaus im Hohen Atlas (irocha.com). Zelt-Camps von Sahara Services im Erg Chebbi, Erg Chegaga und Erg Lihoudi. Varianten: Berberzelt oder Luxuszelt (WC/Dusche im Zelt, komfortables Doppelbett).

Ausflug: Paradis du Safran, 30 Minuten ab Marrakesch. Garten, Essen, Safranladen, betrieben von der Baslerin Christine Ferrari (paradis-du-safran.com).

Allg. Infos: visitmorocco.com; visitmarrakech.com

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